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Nicht nur ein Preis verbindet diese beiden Menschen: Claudio Cumani kam vor 23 Jahren aus beruflichen Gründen nach Deutschland. Asim Mawed flüchtete vor wenigen Monaten mit seinem Onkel aus Syrien.

Spuren gelungener Integration

"Meine neue Heimat": Garchinger erhalten Integrationspreis

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München - Manchmal kann Integration etwas ganz Leichtes sein. Etwas, das entsteht, wenn Menschen ohne Vorurteile zusammenkommen. In Garching und Nürnberg gibt es gute Beispiele dafür. Zwei Projekte wurden am Mittwoch im Landtag ausgezeichnet.

Claudio Cumani weiß, wie es sich anfühlt, fremd zu sein. Wie groß die Hemmungen sein können, sich in einer fremden Sprache zu unterhalten. Aber er weiß auch, wie schön es sein kann, anzukommen, neue Wurzeln zu schlagen – Bayer zu werden. Denn all das ist ihm vor 23 Jahren passiert, als er aus dem italienischen Triest aus beruflichen Gründen nach Garching (Kreis München) kam. Eigentlich wollte der Diplomphysiker nur für ein Jahr bleiben. Aber er hatte unterschätzt, wie schnell man ein anderes Land lieben lernen kann. Heute hilft er dabei, dass andere Bayern lieben lernen.

In Garching ist er mit diesem Wunsch nicht allein. Der Integrationsbeirat hat gemeinsam mit dem örtlichen Bund Naturschutz und dem Alpenverein vor vier Jahren ein Projekt begonnen, um Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zusammenzubringen. „Meine neue Heimat“ heißt es. Eine Spurensuche der bayerischen Kultur in der Natur, erklärt Cumani. Garchinger Jugendliche, Familien mit und ohne Migrationshintergrund und Flüchtlinge unternehmen gemeinsam Wanderungen, entdecken heimische Tiere, Pflanzen oder Bräuche, sprechen über bayerische Geschichte und Traditionen. Sie treffen Bauern oder Handwerker, besuchen Museen, machen internationale Picknicks, tauschen Erfahrungen aus – und staunen gemeinsam darüber, wie schön Bayern sein kann. „Integration kann etwas furchtbar Einfaches sein“, sagt Cumani. Etwas, das manchmal einfach passiert, wenn man Zeit miteinander verbringt.

"Integration passiert täglich"

Gemeinsame Bergtour: Flüchtlinge und Garchinger bei einer Tour am Schliersee.

Garching ist nicht die einzige Stadt in Bayern, in der Integration so gut funktioniert. Aber sie ist eine von 25, die sich für den diesjährigen Bayerischen Integrationspreis beworben haben. Mit ihrem Heimat-Projekt haben die Garchinger die Jury überzeugt. Am Mittwochabend nahm Claudio Cumani den Preis stellvertretend für alle Beteiligten entgegen. „Gemeinsam haben wir gezeigt, dass Integration täglich passiert“, sagt er. „Und dass es keine Alternative zu Integration gibt.“ Die Vielfalt, die Neugierde, das Interesse, etwas über andere Kulturen zu erfahren, könne ansteckend sein, sagt Cumani. Nicht nur die Jury hat der Garchinger Integrationsbeirat mit dieser Begeisterung überzeugt. Das Projekt schaffe Heimat, sagte Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU) bei der Preisverleihung. „Denn nur dort, wo man wirklich dazugehört, ist man zu Hause.“

Der Integrationspreis ist nicht die einzige Auszeichnung, die Landtag, Staatsregierung und Bayerns Integrationsbeauftragter Martin Neumeyer (CSU) am Mittwoch vergaben. Der Bayerische Asylpreis ging an die Arbeiterwohlfahrt des Kreisverbandes Nürnberg für ein Kinder- und Familienprogramm für Flüchtlinge. Es bietet Flüchtlingen Beratungs-, Bildungs- und Freizeitangebote. „Wenn Familien ihre Heimat verlassen müssen, bedeutet das vor allem für die Jüngsten eine hohe Belastung“, sagte Neumeyer. „Umso wichtiger ist es, dass sie von Beginn an in ein stabiles Umfeld einbezogen werden und sehen, dass sie und ihre Familien im neuen Lebensumfeld willkommen sind.“ 

"Spuren hinterlassen"

Der kleine Asim Mawed ist einer der jüngsten Flüchtlinge, die in Nürnberg Unterstützung bekommen. Der Bub ist mit seinem Onkel aus Syrien nach Deutschland geflüchtet – seine Eltern haben es noch nicht geschafft nachzukommen. Es sind schwere Monate für Asim. Aber am Mittwoch hat er über das ganze Gesicht gestrahlt. Er durfte mit zur Preisverleihung – und den bayerischen Löwen in die Kameras der Fotografen halten. Kinder wieder lachen zu sehen – manchmal ist das für die Nürnberger Nicole Schwenger, Bernd Moser, Benjamin Deinert und Bascher Atrache die größte Motivation für ihr Projekt.

Ähnlich geht es Claudio Cumani und den Garchingern. Er tut das alles nicht nur, weil er weiß, wie gut sich diese Hilfe anfühlt. Sondern auch für diese Momente, wenn Flüchtlinge zum ersten Mal auf einem bayerischen Berg stehen und sehen, an welchem schönen Ort sie gelandet sind. Oder für die nicht selten überraschten Blicke der Leute, wenn sie diese ungewöhnliche Gruppe beim Wandern beobachten: Frauen mit Hijab, junge Männer mit Rasterzöpfen, Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, lachend in den bayerischen Bergen. „Wir sind nicht nur auf Spurensuche“, sagt Cumani. „Manchmal sind wir es, die Spuren hinterlassen.“ Spuren gelungener Integration.

Katrin Woitsch

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