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Auf 86 Seiten hat der Amokläufer Georg R. (19) seien Frustration dokumentiert, die den Hintergrund für die Tat am Ansbacher Carolinum (links ein Foto am Tag der Tat) bildet.

Ein lange geplanter Amoklauf

Ansbach - Georg R. ist der erste Amokläufer, der überlebt hat. Er kann berichten über die Hintergründe, die zu der Bluttat am Gymnasium Ansbach führten. Ab Donnerstag steht er vor Gericht.

Er rechnete damit, bei seinem Amoklauf im Gymnasium Carolinum selbst zu sterben. Doch nun steht Georg R. wegen versuchten Mordes in 47 Fällen vor Gericht. Der 19-Jährige war im Sommer 2009 bis an die Zähne bewaffnet in seine Schule in Ansbach gestürmt und hatte neun Mitschüler und einen Lehrer verletzt. Eines seiner Opfer schwebte vorübergehend in Lebensgefahr, eine andere Schülerin erlitt schwere Brandwunden.

Der Attentäter selbst wurde von Schüssen aus einer Polizeipistole gestoppt. Er muss sich an voraussichtlich vier Verhandlungstagen von Donnerstag an vor der Jugendkammer des Landgerichts Ansbach für seine Tat verantworten.

Donnerstag, 17. September 2009, 8.30 Uhr: Es ist der dritte Tag nach den Sommerferien, die Schüler sitzen in der ersten Unterrichtsstunde. Georg R. läuft mit mindestens fünf Molotow-Cocktails, zwei Messern mit langer Klinge, zwei Klappmessern, einem Hammer und einem Beil bewaffnet in den dritten Stock. Nachdem er seinen Rucksack in der Jungentoilette deponiert und eine Schutzbrille aufgesetzt hat, reißt er die Tür zur Klasse 10b auf und wirft einen Brandsatz in den Raum. Die Kleider der Schüler fangen Feuer, auch Tische und Bänke brennen. Panisch rennen die Jugendlichen auf den Gang - und mitten hinein in eine perfide Falle. Denn vor der Tür wartet Georg R., das Beil in der Hand. Wahllos schlägt er auf die Flüchtenden ein. Eine 15-Jährige stürzt verletzt zu Boden. Als sie sich noch regt, schlägt der Angeklagte nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft erneut mit dem Beil auf ihren Kopf ein. Die Jugendliche erleidet ein offenes Schädel-Hirn-Trauma, ihr Leben wird in einer siebenstündigen Notoperation gerettet.

In die 9. Klasse fliegen zwei Molotowcocktails

Den Fliehenden wirft der Täter einen weiteren Brandsatz hinterher, auch in das Zimmer einer 9. Klasse fliegen zwei Molotowcocktails. Danach verbarrikadiert sich der damals 18-Jährige in der Schultoilette und versucht, seine Pulsadern aufzuschneiden und sich durch das Essen von Tabak zu vergiften. Als Polizisten ihn stellen wollen, greift Georg R. sie mit einem Messer an. Die Beamten stoppen ihn elf Minuten nach dem ersten Notruf mit drei Schüssen. Der Abiturient wird dabei schwer verletzt. Georg R. galt als introvertiert und unbeliebt. Auf der Klassenfahrt, zu der der Abschlussjahrgang am Tattag eigentlich aufbrechen wollte, wollte sich offenbar niemand mit ihm ein Zimmer teilen.

Die Tat war lange geplant

Doch von einer Kurzschlusshandlung kann nicht die Rede sein, die Tat war lange im Voraus geplant. Ermittler entdecken auf der Laptop-Festplatte des jungen Mannes ein gelöschtes Dokument. In einem fiktiven Gespräch mit einem Mädchen erläutert Georg R. auf 86 Din-A-4-Seiten sein Motiv: Hass auf die Schule, die Gesellschaft, die gesamte Menschheit. Schon Mitte April, also ein halbes Jahr vor der Tat, tauchen die ersten Amokpläne auf. Das tagebuchähnliche Schriftstück offenbart eine Gemengelage aus Minderwertigkeitskomplexen, Ausgrenzungs- und Versagensängsten, sowie Liebeskummer.

Der unter Schizophrenie leidende junge Mann gilt als vermindert schuldfähig. Der Gutachter empfiehlt die Einweisung in eine Psychiatrie. Schon jetzt wartet der Angeklagte nicht im Würzburger Gefängnis, sondern in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung der Bezirksklinik auf seinen Prozess. Sollte das Gericht die dauerhafte Unterbringung anordnen, könnte Georg R. nur freikommen, wenn ein Arzt und zwei Sachverständige bescheinigen, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht.

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