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Na, wer kann’s übersetzen? Häuptling Majestix verkündet in „Asterix apud Helvetios“: „Ich möchte Euch auszeichnen. Ich erkläre Euch zu Chef-Trägern!“ Erschockene Gegenfrage: „Uns?“ Bislang sind bei der „Egmont Comic Collection“ 23 Bände auf Latein erschienen, im Sommer kommt der nächste.

Tot oder quicklebendig?

Wie sinnvoll ist Latein?

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Gröbenzell – Latinam ad Latrinam – Latein in die Latrine? Von wegen! Die vermeintlich tote Sprache ist an vielen Schulen in Bayern quicklebendig. Dieser Tage stehen die Eltern wieder vor der schweren Frage: Latein oder Französisch als zweite Fremdsprache.

Caput ist Lateinisch und heißt der Kopf. Dann geht es los: Capitis, capiti, caput, ... – die Deklination von Substantiven. Das volle Programm. Nominativ Plural: capita. Aber wie lautet der sechste Fall, der Ablativ plural? Capitum, rät ein Schüler – und liegt daneben. Richtige Antwort: Capitibus.

Halb zehn am Vormittag, die Klasse 6d im Gymnasium Gröbenzell (Kreis Fürstenfeldbruck) quält sich mit dem Hassfach der Nation: Latein. Oder ist es gar kein Hassfach? „Mit Lernen kommt man in Latein immer auf einen Vierer“, sagt Lehrerin Gudula Schäfer. Der Klassenschnitt liegt allerdings bei 1,5 bis 1,8.

Natürlich gibt’s auch schlechtere Schüler. Das Gymnasium ist ja keine Leistungsschmiede, sondern eine normale Schule. Graue Resopaltische, Kreidetafel, Tageslichtprojektor, Neonlampen und Holzstühle. „Opfer“ hat wer auf die Rückenlehne gekrakelt.

Lehrerin Gudula Schäfer mit Schülern der 6d vom Gymnasium Gröbenzell.

Bernhard, Schüler in der 6d, findet Latein ziemlich leicht. Im Schulheft, DinA5, orangefarbener Plastikeinband, hat er die Übungen mit Füller notiert und mit Lineal unterstrichen. Reduplikationsperfekt, heißt es da. Oder: Neutra der konsonantischen Deklination. Klingt alles superkompliziert. Aber Bernhard hat auch die Deklination des Neutrums corpus (Körper) begriffen und ist für alle Spezialfragen gewappnet. „Wir hatten schon mal eine us-Endung, die konsonantisch war“, merkt er an. Aha.

Latein sei in seiner Schule keineswegs verschrien, sagt der stellvertretende Schulleiter Boris Hackl. Im Gegenteil: Die Zahl der Lateiner ist stabil – die Hälfte der Fünftklässler wählt jedes Jahr im Frühjahr die (vermeintlich) tote Sprache. Dieser Tage ist es an den 422 Gymnasien wieder soweit. Latein oder Französisch als zweite Fremdsprache – das ist die Frage. Im Vorjahr wählten in Bayern mehr Schüler Latein (20 500) als Französisch (18 700). Lehrer Hackl kann an Latein nichts Schlechtes finden. „Es ist eine gute Wahl. Man sollte die Dinge nicht immer nur nach der direkten Nützlichkeit betrachten.“ Und die Grammatik ist logisch, wenngleich knifflig. Wobei Hackl natürlich damit nichts Negatives über Französisch sagen will.

Doch Latein ist unter Druck. Nicht in Gröbenzell, aber bundesweit betrachtet. Laut Statistik lernten im Schuljahr 2013/14 rund 709 407 Schüler Latein. Das waren fast 100 000 weniger als im Jahr 2010. In Nordrhein-Westfalen soll in der Lehrerausbildung für moderne Fremdsprachen wie Englisch, Französisch und Spanisch auf den Nachweis von Lateinkenntnissen komplett verzichtet werden können. Für Geschichts-Lehrer reichen künftig Latein-Kenntnisse „auf einem abgesenkten Niveau“. Der Vorsitzende des Altphilologenverbands in NRW beschwor schon den Untergang des Abendlandes. Latein sei schließlich das „Schlüsselfach zur europäischen Tradition“.

Latein – resquiescat in pace. Latein – Ruhe in Frieden? So weit ist es in Bayern nicht. Der ideelle Stellenwert des Faches ist hoch – wen wundert’s in einem Land, in dem einst Übervater Franz Josef Strauß mit Latein-Sprüchen („Vox populi, vox Rindvieh“) um sich warf? Strauß war kein Küchenlateiner, er konnte die Sprache wirklich, im Abschlusszeugnisse gab ihm sein Lehrer ein „hervorragend“ in Latein und Griechisch. Und dass Strauß eine Doktorarbeit über „Justins Epitome der Historiae Philippicae des Trogus Pompeius“ plante, spricht vielleicht für sich. Zum Abschluss der Arbeit kam es nie – die Unterlagen verbrannten 1944 nach einem Bombenangriff.

Doch die Tradition wirkt fort. Latein ist im Kultusministerium eine Bank – das Referat V.3 ist für die „Alten Sprachen“ reserviert. Es hatte stets mächtige Fürsprecher. Nicht nur Strauß. Der frühere Amtsleiter im Kultusministeriums, Josef Erhard, hatte seinen Cicero auf dem Nachttisch liegen. Der höchste Beamte im Ministerium las ihn im Original – also auf Latein. „Aus purem Genuss“, wie er einmal sagte. Erhard war ein Vertrauter von Ex-Kultusminister Hans Zehetmair – der vor seiner politischen Laufbahn Lateinlehrer am Dom-Gymnasium Freising war. Auch der jetzige Minister Ludwig Spaenle, promovierter Historiker und studierter Theologe, ist Latein-Kenner. Kein Wunder, dass das Ministerium betont, an der Existenz des Faches werde nicht gerüttelt. Latein ist – nach Englisch – die zweithäufigste Fremdsprache. Zwei von drei Gymnasiasten kommen in ihrer Schullaufbahn damit in Berührung.

Doch sind auch in Bayern manche Dämme gebrochen. Erst kam das G 8, das das Stundenbudget auch für Latein kürzte. Im Gegensatz zu früher muss ein Schüler heutzutage nur noch von Latein ins Deutsche übersetzen – nicht aber (was schwieriger ist) vom Deutschen ins Latein. Auch die Zahl der Vokabeln wurde gekürzt. Noch wichtiger aber ist der Nimbus, den das Fach umgibt. Überspitzt gesagt: Existenzsichernd für Latein ist heute nicht mehr, dass es für eine ganze Reihe von Studienfächern notwendig ist – sondern dass die Eltern meinen, dass dem so ist. Wer zum Beispiel denkt, für ein Medizinstudium sei Latein unabdingbar, der irrt. Die paar Fachtermini kann man locker in einem Lexikon nachschlagen, ein reguläres Latinum wird weder an der TU München noch an der LMU verlangt. In anderen Fächern können Latein-Kenntnisse studienbegleitend erlernt werden. Bayern unterscheidet zwischen „Kenntnissen“ in Latein (am Ende der 8. Klasse), „gesicherten Kenntnissen“ (9. Klasse) und dem regulären Latinum, das der Schüler automatisch bekommt, wenn er am Ende der 10. Klasse mindestens einen Vierer hat – das früher übliche „große“ und „kleine“ Latinum gibt es nicht mehr.

Bei der 6d am Gymnasium Gröbenzell steht morgen erst einmal eine Latein-Schulaufgabe an. Vokabel-Test, Grammatik-Übungen, der Unterschied von Imperfekt und Perfekt – das muss sitzen. Zur Übung nimmt Lehrerin Gudula Schäfer einen Text aus dem Lehrbuch „Cursus 1“, früher bekannt als Cursus Latinus, ein Schulbuch-Klassiker. Jetzt geht es um Ikarus, den Sohn von Daedalus, der von Kreta flieht, aber mit Flügeln aus Wachs ins Meer stürzt. „Icarus autem in aquam praecipitavit et pater morte filii maestus erat“, so lautet einer der Sätze, die die Schüler übersetzen müssen. Also: Ikarus aber stürzte ins Wasser und der Vater war traurig über den Tod des Sohnes. „Ikarus ist verreckt“, entfährt es einem Schüler. So kann man’s auch sehen. Mors ultima linea rerum est – der Tod steht am Ende aller Dinge, hätte Horaz gesagt.

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