Der Kick für viele Wintersportler: der Spaß abseits gesicherter Pisten. Wer Lawinenwarnungen ignoriert, könnte in italienischen Skigebieten bald bestraft werden. foto: reuters

Lawinen-Alarm: Strafen für leichtsinnige Wintersportler

München - Italienische Politiker wollen hohe Geld- und sogar Haftstrafen einführen, wenn leichtsinnige Wintersportler Lawinen auslösen. Ist das auch in Bayern eine Option?

Carabinieri verschanzen sich hinter Schneebergen, verschneiten Tannen oder stellen Überwachungskameras im Tiefschnee auf: Sobald ein Wintersportler bei Lawinengefahr die gesicherte Piste verlässt, setzt es eine gehörige Strafe, 5000 Euro sind fällig. So oder ähnlich könnte es bald in italienischen Skigebieten zugehen – denn die Politiker in Rom denken derzeit über hohe Geldstrafen bei Fahrlässigkeit in den Bergen nach. Wer eine Lawine auslöst, bei der Menschen getötet werden, könnte sogar hinter Schloss und Riegel wandern.

Die Regierung Berlusconi reagiert mit der Diskussion um die mögliche Eilverordnung auf Forderungen des Zivilschutzes. Zum einen sterben zu viele Menschen wegen des verantwortungslosen Verhaltens von Bergsteigern und Skifahrern, heißt es in Medienberichten. Zum anderen riskieren die Rettungsmannschaft in den zum Teil brisanten Einsätzen ihr Leben. Demnächst entscheidet der italienische Senat.

Wer auf deutschem Boden leichtsinnig eine folgenschwere Lawine auslöst, kann zum Beispiel wegen fahrlässiger Körperverletzung oder Tötung strafrechtlich verfolgt werden. Zivilrechtlich könnte der Verursacher auf Schadenersatz verklagt werden, von überlebenden Opfern mit bleibenden Schäden oder von Angehörigen der Verstorbenen. In Österreich ist die rechtliche Situation vergleichbar mit der in Deutschland. Dort heißen die Tatbestände „Gemeingefährdung“ oder „Tötung unter besonders gefährlichen Umständen“, erklärt Rudolf Gollia vom Bundesinnenministerium. Im Unglücksfall haftet der Verantwortliche für die Schäden – strafbar ist das bloße Auslösen oder Riskieren einer Lawine nicht.

Doch was wäre der Unterschied, wenn allein das Verlassen der Piste bei gefährlichen Verhältnissen bestraft wird, wie es in Italien angedacht ist? Man hätte eine bessere Handhabe, um fahrlässiges Verhalten nachzuweisen, sagt Gerhard Dambeck, Rechtsexperte des Deutschen Skiverbands (DSV). „Wenn an den Seilbahnen ein Hinweis auf das Gesetz hängt, kann sich hinterher niemand herausreden, er habe davon nicht gewusst“, so Dambeck, Autor des Buches „Recht und Sicherheit im organisierten Skiraum“.

Beim Deutschen Alpenverein (DAV) hingegen ist man der Auffassung, dass die bestehende Strafgesetzgebung ausreicht. Verschärfte Strafen führen nicht zum Ziel, sagt DAV-Sprecher Thomas Bucher. „Wir setzen auf Aufklärung.“ Auch Michael Berner vom DSV sieht Schwierigkeiten in der Vermeidung von leichtsinnigen Abseits-Touren: „Die Wahnsinnigen hält man durch Gesetze nicht auf.“ Er fügt hinzu: „Wir können nicht alles regeln, indem wir Sanktionen anordnen.“ Reinhold Messner, Südtiroler Extrem-Bergsteiger, warnt in österreichischen Medien sogar vor einer „Kriminalisierung“ des Wintersports. Dagegen hält aber Jurist Dambeck: „Wenn ein Wintersportler andere in die Gefahr der Körperverletzung oder sogar des Todes bringt, dann kann es nicht heißen, der wird ,kriminalisiert‘.“

Bleibt die Frage, ob die Strafen in der Praxis überhaupt durchsetzbar sind. Wird eine Lawine ausgelöst, könnte der Verursacher längst über alle Berge sein, bis die Beamten eintreffen. Und um die Abseitsfahrer zur Verantwortung zu ziehen, bräuchte man eine Art Pistenpolizei. Italien hat eine solche bislang als erstes Alpenland eingeführt. Dort werden seit 2003 zum Beispiel betrunkene Skifahrer oder Snowboarder aus dem Verkehr gezogen. Geahndet wird auch der Verstoß gegen die Helmpflicht für Kinder unter 14 Jahren oder die Missachtung von Vorfahrtsregeln. In Deutschland, Österreich und der Schweiz darf die Polizei nur dann einschreiten, wenn es einen Verdacht auf eine Straftat gibt. Ausnahme: Im österreichischen Vorarlberg gibt es Pistenwächter, die Rowdies anhalten dürfen.

Carina Lechner

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