Zu dünne Eisdecke

Auf Bayerns Seen herrscht Lebensgefahr

Zehntausende Spaziergänger, Schlittschuhläufer und Eishockeyspieler haben sich am Wochenende auf die zugefrorenen bayerischen Seen gewagt – allen Warnungen zum Trotz. Die Eisdecken sind nicht dick genug. Drei Menschen sind eingebrochen. Sie überlebten nur durch viel Glück.

Rosenheim – Florian Städtler ist merklich frustriert. „Die Leute schalten ihr Hirn einfach aus“, sagt der Einsatzleiter der Wasserwacht Rosenheim. „Es ist irre, was hier abgeht.“ Als er dies sagt, ist es Sonntagmittag, Städtler steht in Prien am Ufer des Chiemsees und blickt zur Herreninsel hinüber. Mehr als 200 Leute, schätzt er auf die Schnelle, laufen gerade über den See, darunter viele Familien mit Kleinkindern. „Da, schon wieder ein Mann mit zwei Kindern auf dem Schlitten“, sagt Städtler. „Das ist doch einfach nicht zu fassen.“

Rund um den See stehen große Verbotsschilder. Sie warnen davor, die Eisfläche zu betreten. Es bestehe Lebensgefahr. „Das interessiert die Leute nicht“, sagt Städtler. „Die sehen nur, dass der See zugefroren ist, und dass andere auf ihm herumlaufen. Dass die Eisdecke viel zu dünn ist, ist ihnen egal.“

Eisunfälle am Chiemsee und Königssee

Auch, dass es am Samstag einen Unfall gegeben hat, hält die Menschen nicht ab. Ein 55-Jähriger war rund 200 Meter von der Herreninsel entfernt ins Eis eingebrochen. Er hatte das Glück, dass es Passanten gelang, ihn mithilfe eines Schlittens aus dem Wasser zu ziehen und ans Ufer zu bringen. Per Rettungshubschrauber wurde der Mann ins Priener Krankenhaus geflogen. Dort kam er mit lebensgefährlicher Unterkühlung auf die Intensivstation. Sein Zustand gilt als stabil.

Nur um die zehn Zentimeter dick ist die Eisdecke am Chiemsee, und das auch nur an einigen Stellen. Zudem hat es unter anderem durch Lufteinschlüsse eine schlechte Qualität. Grundsätzlich gilt: Die Eisdecke muss laut Deutscher Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) mindestens 15 Zentimeter dick, dicht und kompakt sein. Erst dann gilt sie als tragfähig. Auf keinem der bayerischen Seen, sei es Chiemsee, Ammersee, Königssee, Wörthsee oder Starnberger See ist die Eisdecke dick genug. Dennoch waren Zehntausende auf den Seen unterwegs. Allein auf dem Wörthsee waren es am Sonntag bis zu 15 000 Menschen, schätzt die Feuerwehr.

Der Unfall am Chiemsee war auch nicht der einzige an diesem Wochenende. Auch auf dem Königssee und dem Simssee brachen Menschen durch die zu dünnen Eisdecken. In allen Fällen hatten die Menschen Glück und kamen mit Unterkühlung und leichten Verletzungen davon.

Polizei muss einschreiten

Im Polizeipräsidium Oberbayern Süd in Rosenheim bereitete man sich am Sonntag auf einen weiteren Hubschrauber-Einsatz vor. Bereits am Samstag hatte die Polizei den Chiemsee und den Königssee überflogen und mit Lautsprecher-Durchsagen versucht, die Menschen dazu zu bewegen, die Eisflächen zu verlassen. „Das hat dann schon Wirkung“, sagte ein Sprecher des Präsidiums.

Es ist auch das Wetter, das den Einsatzkräften Sorge bereitet. Auf bis zu plus acht Grad Celsius kletterte gestern das Thermometer, was die ohnehin instabilen Eisflächen rasch dünner werden lässt.

Die Wasserwacht musste am Samstag einen 55-jährigen Mann aus dem Landkreis Rosenheim aus dem Chiemsee retten. Der Mann war 200 Meter von der Herreninsel entfernt eingebrochen. Ein Passant bemerkte den Vorfall und setzte einen Notruf ab, ein anderer kam dem Mann mit seinem Schlitten zu Hilfe. Er schaffte es, den Schlitten so nah an den Mann heranzubringen, dass dieser letztlich an Land gezogen werden konnte.

münchen.tv-Video: Eisrettung - So hart trainieren die Münchner Rettungskräfte den Ernstfall

Florian Städtler kann dem Treiben auf dem Chiemsee nur zusehen. „Wir können den See ja nicht absperren“, sagt er. Rechtlich hat er keine Handhabe, die Menschen am Betreten der Eisfläche zu hindern. „Es nützt auch nichts, sie direkt anzusprechen“, sagt er. „Ich bekomme dann zu hören, dass ich mich nicht einmischen soll. Und dass sie schon wüssten, was sie täten.“ Bis dann etwas passiert. Und das ist auch etwas, was den Wasserwachtler ärgert. „Jeder Eis-Einsatz ist für die Retter extrem gefährlich“, sagt Städtler. Das sollten sich die Menschen, die hier so leichtsinnig über das Eis spazierten, einmal bewusst machen. „Sie bringen nicht nur sich, sondern auch andere in Lebensgefahr.“

Beatrice Ossberger


Video: snacktv

Rubriklistenbild: © dpa

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