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Der verurteilte Josef Scheungraber.

Lebenslang für 90-jährigen Kriegsverbrecher

München -  In einem der letzten deutschen Kriegsverbrecherprozesse ist der 90 Jahre alte Josef Scheungraber am Dienstag in München wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Lesen Sie dazu:

Prahlte der Angeklagte mit Kriegsverbrechen?

Verteidigung will Freispruch

Der Fall Demjanjuk:

Alles zum Fall Demjanjuk finden Sie hier.

Hintergrund:

Viele NS-Verbrecher erst nach Jahrzehnten verurteilt

Die Liste der meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher

Das Schwurgericht war nach knapp elfmonatiger Beweisaufnahme überzeugt, dass der damalige Kompaniechef des Gebirgspionierbataillons 818 im Juni 1944 in der Toskana den Befehl zu einem Vergeltungsschlag für den Tod zweier Soldaten gegeben hatte. Insgesamt 14 italienische Zivilisten starben damals. Das Gericht sprach den Angeklagten aber nur des Mordes in zehn Fällen sowie des versuchten Mordes schuldig.
Das Strafmaß entsprach dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. An der Urteilsverkündung nahmen auch Hinterbliebene der Opfer teil. Die Zuhörer im Gerichtssaal quittierten das Urteil mit Klatschen. Richter Manfred Götzl rief zur Ruhe: "Hören Sie bitte sofort auf." Er wolle zur Urteilsbegründung keinerlei Kommentare.

Die Anwälte des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Josef Scheungraber haben nach der Verurteilung ihres Mandanten Rechtsmittel angekündigt. "Wir gehen auf jeden Fall in Revision", sagte Anwalt Klaus Göbel am Dienstag in München.

Bei dem Vergeltungsschlag waren vier Angehörige der Zivilbevölkerung erschossen und zehn in einem Haus in die Luft gesprengt worden. Bei den zehn Männern, die in dem Haus starben, habe es sich nicht um diejenigen gehandelt, die die deutschen Soldaten getötet hatten, sagte Richter Götzl. "Es handelte sich ausschließlich um Zivilbevölkerung, um Bauern und Bauernsöhne aus der Region, von denen nicht bekannt gewesen wäre, dass sie Kontakt zu Partisanen hatten."

Die Sühneaktion Scheungrabers habe Unschuldige getroffen, da man der wahren Täter nicht habhaft werden konnte. "Bei seinem Vorgehen kam es dem Angeklagten darauf an, seinen Hass wegen des Todes seiner Soldaten abzureagieren und sich zu rächen." Scheungraber hatte drei seiner Soldaten losgeschickt, um ein Pferd und einen Wagen für den Bau einer Brücke zu holen. Dabei waren sie in den Partisanenhinterhalt geraten, zwei starben, einer wurde verletzt.

Scheungraber verzichtete auf ein letztes Wort unmittelbar vor dem Urteil. Er hatte im Vorfeld der Verhandlung jede Beteiligung an dem Massaker bestritten, er habe davon nicht einmal gewusst. In Italien war Scheungraber schon 2006 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Als deutscher Staatsbürger wurde er zur Strafvollstreckung nicht ausgeliefert.

Angehörige der Opfer sowie der Bürgermeister des italienischen Ortes Cortona, in dem das Massaker standfand, waren nach München gereist, um an der Urteilsverkündung teilzunehmen. Es gehe nicht vordringlich darum, dass Scheungraber hinter Gitter komme, sagte Bürgermeister Andrea Vignini. "Es geht darum, dass die Wahrheit herauskommt."

Schauplatz des Vergeltungsschlages war der Ortsteil Falzano di Cortona. Heute leben dort laut Vignini noch sechs Menschen. Von den zur Zeit des Urteils rund 600 Einwohnern seien fast alle nach dem blutigen Vorfall weggezogen. In einem weiteren NS-Verfahren hat die Staatsanwaltschaft München I den mutmaßlichen Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk, wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden angeklagt. Der 89-Jährige sitzt seit seiner Abschiebung aus den USA im Mai in München in Untersuchungshaft. Der Prozess soll im Spätherbst beginnen.

dpa

Reaktionen zur Verurteilung

Der Neffe Josef Scheungrabers: „Mein Onkel ist vermögend genug, er könnte den Angehörigen der Opfer von Cortona endlich eine Entschädigung leisten.“ Das sagte Heinrich Schwarzmayr (54), der Neffe Scheungrabers, nach der Urteilsverkündung. Einsperren sollte man den fast 91-Jährigen nicht mehr, betont Schwarzmayr. Aber: „Er muss sich entschuldigen.“ Bürgermeister und Gemeinderat von Scheungrabers Heimatort Ottobrunn sollten ihm nun die Ehrenbürgerwürde und alle anderen Ehrungen entziehen: „Es gibt keinen Ehre für einen Mann, der ein solches Verbrechen begangen hat.“

Die Tocher eines der Falzano-Opfers und ihre Halbschwester: Als ihr Vater im Juni 1944 zusammen mit elf anderen Männern in einem Haus in die Luft gejagt wurde, war Margherita Lescai ein Jahr alt. Sie wohnte mit ihrer Halbschwester Angiola (65) der Verurteilung Scheungrabers bei. „Dieses Urteil haben wir uns gewünscht“, sagten beide danach. „Jetzt endlich können wir im Leben etwas fröhlicher sein.“

Der Bürgermeister von Cortona: Andrea Vignini, der Bürgermeister von Cortona – wo das Massaker an der Zivilbevölkerung geschah –, ist extra nach München gereist. „Die Menschen von Cortona warten seit 65 Jahren auf die Wahrheit. Dieses Urteil gibt Leuten Zuversicht, die schon nicht mehr an Gerechtigkeit geglaubt haben“, sagte Vignini der tz nach der Urteilsverkündung. „Ich glaube, dass dieses Urteil endlich Frieden für Tote und Lebende bringt.“ Er werde nun am Ort des schrecklichen Geschehens einen Blumenkranz niederlegen, um zusammen mit den Bürgern der Opfer zu gedenken.

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