Für seine Heldentat hat Ersin Bengi teuer bezahlt. Foto: breitfuß

Bei Schießerei in Prien

Lebensretter verliert alles nach Heldentat

Prien – Es war ein mutiger Einsatz mit tragischen Folgen: Ein Lkw-Fahrer aus Prien zeigt bewundernswerte Zivilcourage - und muss nun mit den Folgen kämpfen.

Ersin Bengi ist ein stiller Held. Der 49-Jährige drängt sich nicht gerne in den Vordergrund. Doch am 3. Februar 2014 hat er es getan – und damit einer 30-Jährigen ihr Leben gerettet. Seit damals kämpft er mit den bitteren Folgen seiner Heldentat.

Ersin Bengi ist einer der Augenzeugen, die an jenem Montagabend in der Priener Innenstadt beobachteten, wie ein 39-Jähriger seiner Ex-Freundin auflauerte, sie an den Haaren über die Straße zerrte und mit einer Pistole bedrohte. Der 49-Jährige war der Einzige, der sofort reagierte. Er versuchte den Mann zur Vernunft zu bringen. „Lass sie in Ruhe, hör auf damit, geh nach Hause“ – so versuchte er den 39-Jährigen von der jungen Frau abzulenken. Es gelang ihm. Das Opfer konnte flüchten. Der 39-Jährige schoss auf sie, als sie wegrannte, verfehlte sie aber knapp.

Dann drehte er sich um und schoss aus kurzer Distanz zweimal auf Bengi. Er wurde in die Brust und in die Oberlippe getroffen und blieb schwer verletzt auf dem Gehsteig liegen. Unter den anderen Passanten war ein Notarzt, Andreas Bock. Er griff sofort ein und konnte den Täter überwältigen und entwaffnen.

Es war ein Zufall, dass der gebürtige Türke Ersin Bengi gerade in der Innenstadt unterwegs war, als die 30-Jährige angegriffen wurde. Er arbeitete als Lkw-Fahrer bei einer Spedition. Seinen Brummi hatte er an diesem Abend auf einem öffentlichen Parkplatz abgestellt und war zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Als er merkte, dass er seinen Wohnungsschlüssel im Laster vergessen hatte, schaute er spontan im Laden seiner Frau vorbei. Genau in dem Moment, als er sich in der Änderungsschneiderei aufhielt, zerrte der Täter vor dem Schaufenster seine Freundin an den Haaren über die Straße. Bengi überlegte nicht lange, ihm war sofort klar, dass jemand etwas unternehmen musste, erzählt er.

Wegen seiner schweren Verletzungen musste er eine Woche im Krankenhaus bleiben. Doch an den Folgen leidet er bis heute. Zweimal pro Woche muss Bengi zur Physiotherapie, jede Woche zum Psychologen. Durch den Knall der Schüsse hat er einen Tinnitus. Seine Oberlippe, die von einer Kugel getroffen wurde, ist taub geblieben. Offenbar sind Nerven geschädigt worden. Beim Autofahren hat er Probleme, die rechte Spur zu halten. Deshalb sitzt nun fast immer seine Frau am Steuer, erzählt er. Wie lange Ersin Bengi noch krankgeschrieben bleibt, weiß er nicht. Doch seinen Beruf als Lkw-Fahrer kann er vermutlich nie wieder ausüben. Acht Wochen nach der Schießerei wurde Bengi gekündigt. Bei einem Vergleich in zweiter Instanz vor dem Arbeitsgericht erhielt er nur eine kleine Abfindung.

Ersin Bengi steht vor einer ungewissen Zukunft. Voraussichtlich werden in vier Monaten die Zahlungen der Berufsgenossenschaft eingestellt. Auf Schadensersatz kann er wohl nicht hoffen, selbst wenn er ihn einklagen würde – denn der Täter gilt als mittellos. Der 39-Jährige war vom Schwurgericht Traunstein kurz vor Weihnachten in die Psychiatrie eingewiesen worden.

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In einer Sitzung haben die Priener kürzlich diskutiert, ob sie den Einsatz des Notarztes würdigen werden. Von Ersin Bengis Schicksal wussten sie nicht einmal etwas. Auch er hätte es verdient, unterstützt zu werden, findet die Prienerin Elke Garczyk. Sie unterstützt Bengi dabei, einen Antrag bei der Stiftung Opferhilfe zu stellen. Neulich ist der 49-Jährige gefragt worden, ob er trotz aller Folgen noch einmal so beherzt eingreifen würde. Er sagte „Ja“ – ohne zu überlegen. Dirk Breitfuß

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