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Sie sind wahre Helden des Alltags: Am Mittwoch ehrt Bayerns Staatsregierung 140 Menschen, die Leben gerettet haben und sich dabei oft selbst in Gefahr begaben. Vorbilder sind sie alle - so wie auch Constanze Richter aus Chieming. Sie verhinderte 2013 einen Schulbus-Unfall.

Sie begeben sich für andere in Gefahr

140 Lebensretter: Staatsregierung ehrt Helden

München - Sie sind wahre Helden des Alltags: Am Mittwoch ehrt Bayerns Staatsregierung 140 Menschen, die Leben gerettet haben und sich dabei oft selbst in Gefahr begaben. Vorbilder sind sie alle.

Prien/Chieming

Die Lebensretter

Die Szene ist beängstigend: Ein Schülerbus rollt führerlos auf eine Hauptverkehrsstraße zu. Der Fahrer liegt nach einem Anfall bewusstlos hinter dem Steuer. In dieser Situation schreitet die 17-jährige Constanze Richter aus Prien mutig ein – und verhindert wohl eine Katastrophe.

Constanze Richter sitzt am Nachmittag des 12. Juni 2013 mit rund 20 Mitschülern im Bus, der die Schüler der Freien Waldorfschule Chiemgau nach Hause bringen soll, wie jeden Tag. Kurz nach der Abfahrt sieht Constanze im Innenspiegel des Busses, dass es dem Busfahrer nicht gut geht. Der 54-Jährige verkrampft sich und hustet. Plötzlich sackt der Fahrer in sich zusammen und zuckt. Da der Mann mit dem Fuß am Gas bleibt, steuert das Fahrzeug führerlos auf eine Einmündung zu – mit rund 30 Stundenkilometern.

Die 17-Jährige entscheidet sich blitzschnell, einzugreifen. Sie stürmt durch die Busreihen nach vorne, drängt sich in den Fußraum der Fahrerkabine. Es gelingt ihr, mit der Hand auf die Bremse zu drücken und gleichzeitig den Getriebeschalter auf neutral zu setzen. Der Bus kommt zum Stehen. Ein paar Sekunden später, und er wäre in eine vorfahrtsberechtigte Straße eingefahren – unmittelbar dahinter fließt die Prien. Der Busfahrer kommt kurz darauf wieder zur Besinnung, alle Schüler bleiben unversehrt – dank Constanze.

Constanze Richter ist eine von 140 Lebensrettern aus ganz Bayern, die Ministerpräsident Horst Seehofer am Mittwoch um 11 Uhr in der Münchner Residenz auszeichnet. 52 von ihnen erhalten die sogenannte Christophorus-Medaille, weil sie einen Menschen aus Lebensgefahr gerettet haben. Constanze und 87 weitere Personen werden gar mit der Bayerischen Rettungsmedaille ausgezeichnet, weil sie bei der Rettung ihr eigenes Leben eingesetzt haben.

Einladung zur Ehrung: Hubert Lanzinger aus Otterfing mit dem Schreiben der Bayerischen Staatsregierung.

So wie Hubert Lanzinger aus Otterfing, der vor eineinhalb Jahren seinem Freund Harald Hoffmann das Leben rettete. Zusammen steigen sie nach einem Spiel des FC Bayern im September 2012 im Parkhaus der Allianz Arena in das Auto. Bereits mit 40 Stundenkilometern auf der Einfädelspur zur Autobahn, verkrampft sein Freund am Steuer, gerät dabei auf das Gaspedal und drückt es durch. Das Auto fährt mit Vollgas und bewusstlosem Fahrer Richtung Autobahn. „Er war nicht mehr ansprechbar, da habe ich ins Lenkrad gegriffen und den Wagen Richtung Leitplanke gesteuert“, berichtet Lanzinger. Über einen Bordstein rumpelt der Wagen am Ende der Leitplanke auf eine Wiese. „Ich habe das Lenkrad fest gehalten und bin immer im Kreis gefahren, bis ich den Zündschlüssel schließlich umdrehen und den Motor ausschalten konnte“, erzählt der 46-jährige Koch. Sanitäter behandeln Hoffmann mit Herzmassagen und Defibrillator.

Eines steht fest: Ein paar Minuten später und die beiden Männer wären bereits auf der Autobahn gewesen, mit weit weniger Ausweichmöglichkeiten. So aber hat Lanzinger das Leben seines Freundes bewahrt – und womöglich auch das Leben vieler anderer Menschen.

A. Rychel und K. Suda

 

München

Rettung aus der Wasserwalze

Es ist Matthias Blaschkes Beruf, Menschen zu helfen: Er ist Unfallchirurg im Münchner Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Im August 2013 hilft er auch ganz privat: Er zieht einen 34-jährigen Aktienanalysten aus der Isar und rettet ihm das Leben. Der Mann war beim Balancieren auf dem Wehr nahe der Maximiliansbrücke aus dem Gleichgewicht gekommen, ins Wasser gestürzt und in der Wasserwalze hängen geblieben. Blaschke sitzt zu der Zeit gerade mit einer Freundin an der Fischerbrücke etwas unterhalb des Wehrs, als er das Unglück sieht.

Lebensretter: Mathias Blaschke vor dem Wehr.

Er reagiert sofort, rennt zum Wehr und watet rund 25 Meter in den Fluß. Das letzte Stück muss er schwimmen. „Ich hab’ ziemlich schnell erkannt, dass er in der Wasserwalze hängenbleibt und immer wieder unter Wasser gezogen wird“, sagte Blaschke damals unserer Zeitung. Der 34-Jährige im Wasser ist bereits ohnmächtig, sein Körper wird unkontrolliert durch die Fluten gewälzt. Auch Blaschke spürt den Sog der Wasserwalze an den Beinen. Doch er hat Glück. „Irgendwann bekam ich unter Wasser einen Fuß zu greifen“, sagte Blaschke. Mit Mühe schafft er es, den Mann festzuhalten und ans Ufer zu ziehen. Dem bereits alarmierten Rettungsdienst gelingt es, den Mann wiederzubeleben. Nach kurzer Zeit schlägt er die Augen auf. Einen Tag nach dem Unfall ist er wieder recht fit auf den Beinen – und seinem Retter unendlich dankbar.

Blaschke hat, bald ein Jahr danach, mit dem Vorfall abgeschlossen und möchte auch nicht mehr darüber reden. „Es wurde alles dazu gesagt“, äußert er gegenüber unserer Zeitung. Schon damals wurde er von der Feuerwehr gelobt. Nun wird er für seinen Mut ausgezeichnet.

Tassilo Pritzl

 

Obing

Kältekampf im Eiswasser

Als der Rettungsdienst Michael Stadler aus dem Wasser zieht, beträgt seine Körpertemperatur noch 30 Grad. Zehn Minuten hat er da schon im eisigen Griessee verbracht – und einen 76-jährigen Rentner über Wasser gehalten. Der Senior ist im Januar 2013 etwa 50 Meter vom Ufer entfernt in den zugefrorenen Moorsee eingebrochen.

Er hat einen Rentner gerettet: Michael Stadler.

Stadler, der für die DLRG Seeon-Truchtlaching arbeitet, ist die erste Rettungskraft vor Ort. Eine 56-Jährige Passantin hat dem verunglückten Rentner da bereits eine fünf Meter lange Rettungsstange gereicht, an der er sich festklammert. Stadler greift sich einen Rettungsring und robbt über das nur fünf bis zehn Zentimeter dicke Eis auf die Unglücksstelle zu. „Der Mann befand sich schon mindestens zehn Minuten im Wasser und konnte sich kaum noch halten“, so Stadler. Als er versucht, den Mann herauszuziehen, bricht das Eis – und Stadler stürzt ebenfalls in den See.

Stadler klemmt sich hinter den völlig entkräfteten Rentner und hält ihn mit Rettungsring und -stange über Wasser. Doch auch Stadlers Kräfte schwinden zunehmend. „Man hat überhaupt keine Kraft mehr, und die Gliedmaßen fangen an, einzufrieren.“ Nach zehn Minuten die Erlösung: Wasserwachtler befreien die beiden Eingebrochenen. Sie kommen mit starker Unterkühlung auf die Intensivstation – und überleben.  

ku/ary

 

Walchensee

Taucher-Drama am Walchensee

Sie brauchen keine Worte: ein Blick, ein Nicken – schon streifen Christopher Böhm und Constantin Vorwerg Schuhe und Kleider vom Leib. Beide stürzen sich in den 17 Grad kalten Walchensee und schwimmen los – zu den drei Tauchern, in Richtung der Hilferufe. Einer von ihnen treibt regungslos im Wasser.

Mutig: Christopher Böhm (l.) und Constantin Vorwerg.

„Aus der Ferne konnte man nicht erkennen, ob er noch lebt“, wird Böhm später erzählen. Der 39-Jährige aus Grasbrunn im Kreis München ist an dem Tag mit seiner Frau zum Spazieren zum Walchensee gefahren. Dann hören sie Schreie. Böhm klettert die Böschung hinab und trifft dort auf Vorwerg; der Wolfratshausener war mit dem Rad am See unterwegs. Zusammen ziehen sie den Taucher ans Ufer, dort beginnen sie mit der Wiederbelebung. „Am Anfang habe ich nicht nachgedacht, sondern nur gehandelt“, sagt Böhm. „Das Denken hat erst eingesetzt, als die Rettungskräfte gekommen sind und den Taucher übernommen haben.“

Für den Mann kommt jede Hilfe zu spät; die Obduktion ergibt, dass er wohl noch im Wasser gestorben ist. Böhm: „Für mich war das im Nachhinein eine Erleichterung – so komisch sich das anhört. Wir haben alles versucht, konnten ihn aber nicht mehr retten.“

Ihn beschäftigt das Erlebnis noch lange – physisch wie psychisch. Er bekommt eine Lungenentzündung vom Schwimmen im kalten See. Seine Gedanken kreisen immer wieder um dem Tag: „So klischeehaft das klingt: Nach so einem Erlebnis ändert sich die Einschätzung, was im Leben wirklich wichtig ist.“

Patrik Stäbler

Rottach-Egern

Autoinsassen aus See geborgen

Sie halfen gerne: Hans Mielke (l.) und Daniel Dehm.

Daniel Dehm aus Gmund fischt im Juli 2012 an einer Anlegestelle am Tegernsee, als etwas Merkwürdiges geschieht: „Ich sah ein Auto vorbeifliegen – und wusste gleich, was jetzt passiert.“ Der Subaru knallt aufs Wasser, eine 91-jährige Rottacherin hatte offenbar die Pedale an ihrem Automatikauto verwechselt. Nun sinkt das Auto, mitsamt dem 87-jährigen Beifahrer und dessen 85-jähriger Ehefrau auf dem Rücksitz. Ohne zu zögern, spring Dehm hinterher.

Hans Mielke, Rettungsflieger und Tauchausbilder aus Warngau, birgt zu dieser Zeit mit der Bad Wiesseer Wasserwacht gerade ein gesunkenes Segelboot. Gleich nach dem Funkspruch rast er mit seinem Boot zur Unglücksstelle. Die betagte Fahrerin kann sich selbst befreien; gemeinsam schaffen es die beiden Retter, die zwei weiteren Insassen nach oben zu bringen. Für die beiden kommt die Hilfe jedoch zu spät.  

gr/tsp

 

Weilheim

Im Schlafanzug gegen Schläger

Als Gerald Uhl de Canehan am 7. Januar 2012 frühmorgens aufwacht, weiß er erst mal gar nicht, was los ist. „Ich habe Hilferufe gehört, Schreie einer Frau. Ich konnte das gar nicht lokalisieren“, erzählt der Weilheimer. „Ich bin einfach nur aufgesprungen und runtergelaufen.“ In dieser kalten Winternacht wird Uhl zum Lebensretter. Im Schlafanzug – und barfuß.  

Vor seiner Wohnungstür schlagen zwei Männer, 24 und 26 Jahre alt, auf einen 26-Jährigen ein, mit dem sie auf einer Party in Streit geraten waren. Als Uhl gegen 1.30 Uhr dazu kommt, liegt das Opfer auf der Straße. Einer der Täter sitzt auf ihm, packt ihn am Hals. Direkt daneben steht sein Kumpel. „Und dann war da noch die Frau, die offensichtlich die Freundin des Opfers war.“ Und die Uhl aus dem Bett geschrien hatte.

Bewies Zivilcourage: Gerald Uhl de Canehan.

Der brüllt die Prügelnden an, packt sich einen Angreifer und zerrt ihn vom 26-Jährigen herunter. Der blutet stark, ist schwer verletzt: mehrere Frakturen im Gesicht und Hautabschürfungen stellen Ärzte später fest. Der junge Mann leidet lange unter Schmerzen und Panikattacken. Aber er lebt. Das hat er Uhl zu verdanken.

Damals war Uhl das Ausmaß der Prügelattacke noch nicht bewusst: „Ich habe erst im Nachhinein erfahren, wie schwer die Verletzungen waren.“ Und wie brutal die Täter vorgingen: „Sie hatten ihm sogar gegen den Kopf getreten.“

Inzwischen hat man sie wegen gefährlicher Körperverletzung zu dreieinhalb und fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie waren vor Ort festgenommen worden – Uhl hatte mit hinzugeeilten Nachbarn und Partygästen dafür gesorgt, dass sie sich bis zum Eintreffen der Polizei nicht vom Fleck bewegt hatten. „Ich habe ihnen gesagt, sie sollen jetzt ja keinen weiteren Schmarrn machen“, sagt Uhl, der noch oft an jene Winternacht denkt. Zweifel an seinem Handeln kamen ihm nie. „Ich würde immer wieder eingreifen.“ Auch, wenn er sich selbst wundert, wie gut er die aggressiven Schläger im Griff hatte. Uhl: „Ich war offenbar einschüchternd in meinem Schlafanzug.“

Katrin Martin 

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