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Wehmütiger Abschied in MIttendwald: Haflinger-Hengst "Maxl" mit Betreuer Andreas Neuner zieht als letztes Tier der legendären Tragtier-Kompanie in ein Gestüt um, später soll ein neuer Besitzer für ihn gefunden werden.

Der letzte Tag der Wehrpflicht

Murnau/Amberg - Historische Zäsur bei der Bundeswehr: Gestern wurden die letzten Wehrpflichtigen verabschiedet - zum Beispiel auch in Murnau und Mittenwald.

Eine Urkunde, Dankesworte, ein Händedruck, eine Beförderung - in den Vormittagsstunden war das Kapitel Wehrpflicht auch in der Werdenfels-Kaserne Murnau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) Geschichte. 26 Wehrpflichtige, ausnahmslos aus Bayern, verließen die Kaserne. In der Nacht zum Freitag, Punkt 0.00 Uhr, endete formell ihre sechsmonatige Grundwehrdienstzeit. „Wir haben sie ein paar Stunden früher in Marsch gesetzt“, sagt Kasernen-Kommandant Igor Asl. „Es war ein Abschied in den gebührenden Formen.“ Nachdenklich fügt er an: „Irgendwie ist es schon schmerzlich.“

54 Jahre Wehrpflicht sind nun Geschichte. Am 1. April 1957 wurden in West-Deutschland die ersten 10 000 Wehrpflichtigen in die Kasernen eingezogen. Insgesamt 8,4 Millionen junge Männer durchliefen den Pflichtdienst. Mit dem heutigen 1. Juli wird die Wehrpflicht ausgesetzt, wie es der Bundestag beschlossen hat. Das heißt: Sie bleibt im Grundgesetz verankert und kann per einfachem Gesetz wieder eingeführt werden, wenn die Sicherheitslage das erfordern sollte. Nur in vier von 28 Nato-Staaten gibt es noch so etwas wie eine allgemeine Wehrpflicht: in Griechenland, Türkei, Estland und Norwegen.

„Heute ist ein wahrhaft historischer Tag“, sagt Oberstleutnant Ferdi Akaltin von der Leopold-Kaserne in Amberg/Oberpfalz. Er verabschiedete gestern elf Wehrpflichtige aus der in Amberg stationierten Panzerbrigade 12. Akaltin klingt wie sein Kamerad in Murnau wehmütig. Die Bundeswehr sei bisher näher an der Gesellschaft gewesen, vom Gymnasiasten bis zum Berufsschüler habe man Wehrpflichtige gehabt, und dies habe der Truppe neue Impulse gegeben. „Wir haben uns mit den jungen Leuten beschäftigt. Das hat diese Armee lebendig gehalten.“ Und jetzt? „Wir werden sicher professionalisierter, aber die Bundeswehr wird ein Stück wegrücken von der Gesellschaft.“

Ein bis zu 23-monatiger Freiwilligendienst soll nun die Lücke, die die Wehrpflicht reißt, zumindest teilweise füllen. Rund sechs Millionen Euro lässt sich die Bundeswehr die Werbekampagne „Wir. Dienen. Deutschland.“ kosten. Über Erfolg oder Misserfolg dieser Kampagne kursieren Gerüchte - nach offiziellen Angaben wurden mehr als erwartet, nämlich schon über 13 000 Freiwillige, geworben. Am Montag (4. Juli) will Verteidigungsminister Thomas de Maiziére die ersten freiwilligen Wehrdienstleistenden in der Berliner Julius-Leber-Kaserne begrüßen.

In Murnau hat Kasernen-Kommandant Asl noch keine Kenntnisse, wann die ersten Freiwilligen eintreffen werden. Er hoffe, dass die durch die Wehrpflichtigen besetzten Stellen „adäquat“ nachbesetzt würden. Viele Arbeiten, von der Büroarbeit bis zum Kasernendienst, müssten neu verteilt werden.

Kommandeur Martin Seebörger hat schon Planungssicherheit: In der Mittenwalder Edelweiß-Kaserne erwartet er am Montag genau 53 Freiwillige. In Zeiten der Wehrpflicht rückten zu den Stichtagen immer doppelt so viele angehende Gebirgsjäger ein. Aber zum reibungslosen Ablauf des Kasernenbetriebs seien etwa 50 neue Soldaten je Quartal ausreichend. „Dann sind wir gut aufgestellt.“

Einen schmerzlichen Verlust muss Seebörger freilich verkraften: Der Tragtier-Verein wird aufgelöst, der letzte Haflingerhengst „Maxl“ verlässt die Kaserne. Die Mulis, für die die Edelweiß-Soldaten einst berühmt waren, sind schon länger Geschichte: Das letzte Maultier ist vor einiger Zeit eingegangen.

Von Dirk Walter und Kathrin Zeilmann

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