Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Christkindlmärkte

Leuchten in den Augen - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Erledigen wir die Kulturkritik vorab. Christkindlmärkte sind kommerziell. Es gibt Zeug, das man überall kaufen kann. Die Musik geht einem auf den Senkel, weil man „Jingle Bells“ nicht mehr hören will und es für „Stille Nacht“ wahrlich zu früh ist.

Der Glühwein ist quietschsüß und teuer. Jesus selbst hat mit der Peitsche die Händler aus dem Tempelvorhof vertrieben - also die, die aus der Religion ein Geschäft gemacht haben. Soweit, so schlecht.

Und doch .... Da ist die zarte Ahnung einer anderen Welt. Die Erinnerung an mittelalterliche Städte und Jahrhunderte alte Bräuche. Im 13. Jahrhundert etwa durften die Wiener sich erstmals auf einem speziellen Markt mit dem Nötigsten für die kalten Wintertage versorgen. Im nächsten Jahrhundert wurde in München ein Nikolomarkt urkundlich erwähnt, einer, auf dem man sich auch mit winterlichem Bedarf eindecken konnte.

Spielzeugmacher, Korbflechter und Zuckerbäcker bauten Verkaufsstände auf. Es gab Winzigkeiten für Kinder zu Weihnachten. Dem heutigen adventlichen Budenzauber kann und will ich ebenso wenig widerstehen wie alten Geschichten. Düfte von Punsch, Currywurst und gebrannten Mandeln vermischen sich im Lichterschein zu einem Hauch kindlicher Seligkeit. Mein Lieblingsmarkt ist der auf dem Münchner Mangfallplatz.

Alle Jahre wieder darf ich ihn selbst eröffnen. Er dauert nur drei Tage, vom Freitagnachmittag bis zum 1. Advent. Er hat Vieles, was das Herz begehrt: Einen Posaunenchor, der feine Adventslieder spielt. Nicht pappige Getränke. Stände, beschickt von Insassen der Justizvollzuganstalt Stadelheim: Mit bunten Adventskränzen und filigranen Gestecken, mit kunstfertigen Bastelarbeiten, die sich bestens als Geschenk eignen.

Das Christkind mag als Erwachsener zwar keine klerikale Geschäftemacherei. Aber offenbar ist ihm daran gelegen, auch aus den härtesten Burschen ungeahnt erfreuliche Talente herauszulocken. Sie sägen mit einiger Nachhilfe Engel aus, die zugegeben recht freche Gesichter haben, bauen Vogelhäuser, Kerzenständer und Krippen. Was für wieviel verkauft wird, müssen sich die Gefangenen erzählen lassen, weil sie erst mal hinter Gittern bleiben.

Vom Erlös wird neues Arbeitsmaterial gekauft und ein kleines Fest gefeiert. Es ist schon so: Manchmal könnte man den Glauben an die Menschheit und überhaupt verlieren. Aber auf einem solchen Christkindlmarkt kann man ihn neu entdecken - dann, wenn es nicht einfach bloß ums Geld geht, sondern darum, dass im Gefolge der himmlischen Majestät der Mensch selber wieder human wird.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

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