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Kardinal Marx ruft dazu auf, das Gespräch mit den Ausgetretenen zu suchen.

Erschreckende Zahlen

Limburg-Skandal: Zehntausende traten aus Kirche aus

München - Skandale in der katholischen Kirche haben 2013 die Menschen zu zehntausenden zum Austritt bewogen. Dass sich immer mehr Gläubige von der Kirche entfremden, wird vor allem dem ehemaligen Bischof von Limburg angelastet.

Nach dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, der 2010 ans Tageslicht gelangte, hatten sich Priester, Bischöfe und der Papst redlich bemüht, die Glaubwürdigkeit bei den Menschen zurückzugewinnen. 2013 schien man auf einem guten Weg. Nach der Wahl von Papst Franziskus am 13. März 2013 setzten viele berechtigte Hoffnungen auf Veränderungen, Authentizität, Reformen.

Doch das zweite Halbjahr 2013 machte in Deutschland alle Bemühungen weitgehend zunichte: die quälend lange Affäre um den damaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der offensichtlich jeglichen Bezug zur Realität verloren hatte und dessen skandalöser Umgang rund um die Finanzierung seines Bischofssitzes die Menschen empörte, erschütterte die angeschlagene Kirche abermals.

Die Folgen wurden am Freitag von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht: Die Zahl der Kirchenaustritte im Jahr 2013 ist beinahe so hoch wie im Missbrauchsjahr 2010. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, nannte die Zahlen schmerzlich. „Das zweite Halbjahr 2013 hat offensichtlich zu einem Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust geführt“, schreibt er. In Prozentzahlen ausgedrückt wirkt das Bild noch dramatischer: Im Vergleich zu 2012 stieg die Zahl der Austritte um sage und schreibe 51 Prozent (von 118 335 auf 178 805; 2010 waren es 181 193). Auch das Münchner Erzbistum blieb nicht verschont. 39,2 Prozent mehr Austritte, in absoluten Zahlen sind das 16 033 Menschen, die sich abgewendet haben (2012 waren es 11 517).

Kardinal Marx ruft dazu auf, das Gespräch mit den Ausgetretenen zu suchen.

Der Name Tebartz-van Elst fällt nicht in der Stellungnahme des Kardinals. Aber allein der Blick auf die Zahlen aus Limburg zeigt, dass diese dramatische Entwicklung mit dem Namen des ehemaligen Bischofs engstens verknüpft ist. In Limburg nämlich schoss die Zahl der Austritte gewaltig in die Höhe, um 79 Prozent auf 7980 (2012: 4453). Marx sieht aber auch einen „kontinuierlichen gesellschaftlichen Umbruch“ als Grund für die Austritte. „Die Menschen sind – Gott sei Dank – frei, sich für oder gegen die Zugehörigkeit zur Kirche zu entscheiden und sie tun das auch.“ Doch nicht alle Ausgetretenen verlören damit den Kontakt zur Kirche. Marx ruft dazu auf, das Gespräch mit ihnen zu suchen. Das unterstreicht auch der neue Passauer Bischof Stefan Oster: „Die Türe ist niemals zu.“

Im Bistum Augsburg spiegelt sich der traurige Bundestrend ebenfalls wider. 9510 Katholiken erklärten ihren Austritt; 2012 waren es 6985. „Besonders bitter“, kommentiert Generalvikar Harald Heinrich diese Zahlen. Er lasse sich vor allem auf Faktoren außerhalb des Bistums Augsburg zurückführen, „insbesondere Vorgänge in anderen Bistümern“, umschreibt er den Limburger Skandal. „Vielleicht war das für viele nur der Auslöser dafür, ihren Weg mit und in der Kirche zu beenden“, glaubt er.

Das sieht auch Hans Tremmel so, Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum München und Freising. „Wir müssen uns nichts vormachen: Natürlich war Limburg für viele das Zünglein an der Waage“, sagt er. Er glaubt aber, dass die Kirche dazugelernt habe aus der Affäre Limburg. „Jetzt wird genau hingeschaut, was mit welchem Geld gemacht wird.“ So lobt er ausdrücklich, dass das Ordinariat in München zu den großen Bauprojekten die Gremien im Vorfeld gehört habe und jetzt auch die Gläubigen befrage. Für die Katholiken heiße es, „noch engagierter die positiven Seiten des Glaubens herauszustellen, wir dürfen nicht als Jammerhaufen in Erscheinung treten“. Dem Tebartz-Effekt setzt der Sozialethiker den Franziskus-Effekt entgegen. „Der Papst hat uns neuen Schwung gegeben. Ich würde mir doch nicht von irgendeinem Bischof den Schwung nehmen lassen“.

Auch Kardinal Marx lässt es nicht beim Bedauern über die Zahlen bewenden. „Ich bin nicht entmutigt, sondern sehe die Statistik auch als hilfreichen Weckruf. Die Zahlen rütteln noch einmal auf, danach zu fragen, wie wir uns jetzt und künftig neu aufstellen müssen, damit das Evangelium weiterhin gehört und gelebt werden kann.“ Der hohen Austrittszahl müsse man begegnen, „indem wir immer wieder versuchen, auf allen Ebenen Vertrauen zu schaffen durch gute und überzeugende Arbeit“.

Aus dem Bistum Regensburg ist am Freitag zu hören, dass Bischof Rudolf Voderholzer nicht in die neue Bischofswohnung im sanierten Ordinariat einzieht. Er bleibt in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung, weil er auch seinen Haushalt selber führt. Es sei für ihn praktischer, er wolle damit nicht Bescheidenheit demonstrieren, heißt es aus Regensburg explizit. Doch an diesem schwarzen Freitag wirkt auch das wie ein Lichtblick in der Kirche.

Claudia Möllers

Austrittszahlen aus den Landkreisen

Bad Tölz-Wolfr.327 (2012: 278)

Dachau 598 (405)

Ebersberg 611 (360)

Erding 502 (328)

Freising 552 (396)

Fürstenfeldbruck 903 (627)

Garmisch-Partenk. 137 (116)

Stadt München 7382 (5488)

Miesbach 289 (186)

Mühldorf/Inn 333 (219)

Kreis München 1620 (1113)

Kreis Rosenheim 898 (619)

Stadt Rosenheim 201 (232)

Starnberg 256 (130)

Traunstein 644 (425)

Weilheim-Schongau* 48 (47)

* (nur wenige Gemeinden gehören zum Erzbistum München und Freising)

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