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"Little Moscow" im Herzen von Augsburg

Augsburg - Kaviar aus dem Schwarzen Meer, Wodka mit Pinienkernen und kulinarische Exoten wie eingelegte Dorschleber gelten nicht unbedingt als schwäbische Delikatessen.

Es sind jedoch für die Kunden im Augsburger Mix-Markt keineswegs ungewöhnliche Bestandteile ihrer Einkaufsliste. Seit März 2004 ist die auf russische Lebensmittel spezialisierte Supermarktkette auch in Augsburgs Uni-Viertel, dem “Little Moscow“ am Lech, vertreten und erfreut sich großer Beliebtheit: “Unsere Stammkundschaft wächst und wächst“, sagt Dietrich Bergen, Geschäftsführer der Filiale.

Yilia Hoffmann ist eine solche Stammkundin. Seit fünf Jahren kauft sie wöchentlich im Mix-Markt ein und möchte die Spezialitäten aus ihrer früheren Heimat nicht missen: “Typisch russische Süßigkeiten bekomme ich nur hier“, sagt sie, “es gibt nichts, was es hier nicht gibt.“ Dies sei auch das Erfolgsgeheimnis der Supermarktkette, meint Bergen. “Unser Angebot ist riesig und kann preislich mit den großen Discountern locker mithalten. Außerdem ist der Mix-Markt über die Jahre zu einem richtigen Gemeinschaftszentrum geworden. Man kennt sich, man redet über Alltägliches - natürlich russisch, in der Muttersprache.“

Auf Russisch wird man auch von Maria Goldberg begrüßt. Sie ist Angestellte im Spezialitätenladen “Universam“ nahe der Universität. Das Sortiment gleicht dem des Mix-Marktes, doch die Dimensionen sind andere. “Klein, aber fein“, lacht Goldberg, die bereits seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Ihre Kundschaft schätze neben der familiären Atmosphäre vor allem das frische Gebäck, beispielsweise die traditionellen Piroschoks: Germteigbrötchen, gefüllt mit Zwiebeln und Eiern.

Neben Obst, Gemüse und unzähligen Einmachgläsern finden sich im Laden auch diverse Geschenkartikel, russische Liebesromane und Dutzende Babuschkas in den Regalen. Nostalgie, wohin man auch blickt. Sogar die Zwei-Liter-Bierflaschen ziert das Motiv des verschneiten Kreml im Mondschein.

“Eine gewisse Sehnsucht nach der alten Heimat ist sicherlich vorhanden“, sagt Robert Vogl, Integrationsbeauftragter der Stadt Augsburg. “Die Sprache spielt dabei selbstverständlich eine wichtige Rolle“. So betrachten es mittlerweile auch Inhaber nicht-russischer Geschäfte im Uni-Viertel als obligatorische Serviceleistung, der Kundschaft die Möglichkeit zu geben, sich in ihrer Muttersprache zu verständigen.

In der Postfiliale hat jede der sechs Angestellten einen osteuropäischen Migrationshintergrund. Bei Ärzten dominieren kyrillische Buchstaben das angebotene Informationsmaterial. Und auch in der Apotheke weiß man um die Bedürfnisse der Kundschaft. “Der überwiegende Teil der Angestellten spricht russisch und unsere Kunden kommen gerne darauf zurück“, sagt Olga Helmel, die selbst im Uni-Viertel aufgewachsen ist und seit zwei Jahren in der Apotheke arbeitet. Spätaussiedler aus ganz Augsburg kämen in ihre Apotheke, meint Helmel. Besonders wenn es um medizinische Angelegenheiten geht, legten die Kunden Wert auf die unmissverständliche Kommunikation in ihrer Muttersprache.

Wirft man einen Blick auf die aktuellen Statistiken der Stadt Augsburg, wird klar, welch enorme soziale Gruppe die Aussiedler darstellen. Mehr als 30 000 Einwohner in Augsburg stammen aus der ehemaligen Sowjetunion - eine beträchtliche Zahl, besonders im Vergleich mit anderen Großstädten wie München. Das Gesetz unterscheidet hierbei zwischen Heimkehrern, Aussiedlern und Spätaussiedlern. Statistisch werden die drei Gruppen jedoch zusammen erfasst.

Das Uni-Viertel hat sich neben den Augsburger Stadtteilen Hochfeld und Lechhausen über die Jahre hinweg zum beliebten Wohnort entwickelt: Etwa 22 Prozent der russischen Bevölkerung Augsburgs haben sich hier niedergelassen. Dass eine solch große Gruppe über eine beachtliche Kaufkraft verfügt, ist offensichtlich und erklärt das breite russische Angebot, inklusive lächelnder Babuschkas.

Von diesen Äußerlichkeiten solle man aber nicht auf eine mangelnde Bereitschaft zur Integration schließen, meint Vogl. Man dürfe aber die Augen vor etwaigen Problemen nicht verschließen. “Das Angebot an Sprachkursen der Stadt Augsburg hat sich über die letzten Jahre sehr verbessert und wird immer besser angenommen“, erläutert Vogl. “Vor allem junge Menschen haben das Bedürfnis, sich im deutschen Lebensalltag besser zurechtzufinden und zeigen großes Engagement.“ Erfolgreiche Integration und Wahrung der russischen Traditionen schließen sich nicht zwingend aus, wie Vogl meint. “Ganz abgesehen davon sind es ja nicht nur die Spätaussiedler, sondern auch viele Augsburger, die einen guten Wodka zu schätzen wissen.“

dpa

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