Wegen dem Corona-Shutdown müssen viele Händler ihre Türen geschlossen halten.
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Der Einzelhandel geht auf dem Zahnfleisch: Wegen dem Corona-Shutdown müssen viele Händler ihre Türen geschlossen halten.

„Stehen am Rande des Ruins“

Bald Corona-Lockerungen, doch ohne Einzelhandel? Bayerns Handelsverband ruft zu Massenklagen auf

  • Corinna Maier
    vonCorinna Maier
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Über 10.000 Einzelhändler stehen in Bayern wegen Corona vor dem Aus. Für den Handelsverband nicht hinnehmbar. Sie fordern ihre Mitglieder auf zu klagen.

München - Bayerns Einzelhandel ist erbost über die Verlängerung des Corona*-Lockdowns. Der Handelsverband Bayern (HBE) will nun die Zwangsschließungen juristisch überprüfen lassen. Wir sprachen mit HBE-Sprecher Bernd Ohlmann. 

Der bayerische Einzelhandel hat Klagen wegen des fortgesetzten Lockdowns angekündigt. Wie soll das ablaufen?
Ohlmann: Wir haben unsere Mitglieder aufgerufen, gegen die Verlängerung der erzwungenen Schließung zu klagen und wir unterstützen eine gerichtliche Klärung. Wir als Verband können leider nicht selbst klagen.
Wie ist die Resonanz?
Ohlmann: Enorm. Gleich nach unserer Ankündigung kamen die ersten Händler auf uns zu, die klagen wollen. Binnen weniger Stunden waren es schon 100. Der Ärger und die Frustration unter den Geschäftsleuten sind ungeheuer gewachsen.
Wie lautet der Vorwurf?
Ohlmann: Die neuen Regelungen sind einfach nicht verhältnismäßig und sie sind ungerecht. Auf der einen Seite darf man sich beim Friseur zwei Stunden lang eine Dauerwelle legen lassen, auf der anderen Seite darf ein Buchhändler kein Buch über den Tresen reichen und ein Florist keinen Strauß Blumen. Das ist nicht nachvollziehbar.
Sprecher des Handelsverbands Bayern: Bernd Ohlmann

Corona-Lockerungen: „Gönnen es den Frisören, dass sie aufmachen dürfen, aber wir wollen das auch“

Fürchten Sie nicht, dass die Gleichbehandlung dadurch wiederhergestellt wird, dass auch die Friseure nicht öffnen dürfen?
Ohlmann: Ich weiß nicht, wie die Staatsregierung mit Klagen und Gerichtsurteilen umgehen wird. Klar ist, dass sich unser Vorstoß nicht gegen Friseure richtet. Wir gönnen ihnen, dass sie früher aufmachen dürfen. Aber wir wollen das auch.
Die Ansage ist jetzt, dass der Handel bei einem Inzidenzwert von 35 wieder öffnen darf. Das ist doch eine Perspektive.
Ohlmann: Das sorgt für noch mehr Verärgerung. Monatelang hat die Politik die Inzidenzzahl 50 wie eine Monstranz vor sich hergetragen. Jetzt haben sie in einer Nacht- und Nebel-Aktion die 35 aus dem Hut gezaubert. Das ist, als ob man einem Marathonläufer kurz vorm Ziel sagen würde, jetzt geht es noch mal zehn Kilometer weiter. Genau so ist das bei uns angekommen.

Corona-Lockdown: 10.000 Einzelhändler sind in Existenznot

Sie vertreten 60.000 Unternehmen in Bayern, wie viele sind wegen des Lockdowns mittlerweile in echten Schwierigkeiten?
Ohlmann: Wir gehen davon aus, dass es über 10.000 sind. Es ist schwer zu sagen, weil viele Händler ihr Privatvermögen ins Geschäft stecken. Klar ist aber, dass inzwischen nicht nur die Kleinen in Existenznot sind, sondern auch größere Betriebe. Viele stehen heute schon am Rande des Ruins.
Wie wollen die Geschäfte, wenn sie öffnen dürfen, Sicherheit gewährleisten?
Ohlmann: Zunächst einmal: Es gibt in ganz Bayern keinen Fall, wo ein Einzelhandelsgeschäft zum Corona*-Hotspot geworden wäre. Warum sollen ein Schuhgeschäft oder ein Baumarkt nicht unter den gleichen Hygienevorschriften öffnen dürfen wie seit Monaten der Lebensmittelhandel? Da funktioniert es doch auch wunderbar. Die bestehenden Hygiene- und Abstandsregeln haben sich bewährt.
Außerdem haben wir in Bayern ja die bundesweit strengste Maskenregelung mit den FFP2-Masken*, auch das funktioniert. Und man könnte sich auch Neues überlegen. Warum nicht „private shopping“? Also dass ein Kunde im Modegeschäft einen individuellen Termin ausmacht und dort dann mit Namen registriert ist, wie das auch in der Gastronomie gemacht wurde. Oder Schnelltests* – wir sind für alles offen. Es gibt viele intelligente Lösungen, nur die Politik nimmt das alles nicht auf, sondern hangelt sich von einem Lockdown zum nächsten. Das ist planlos und mutlos.

Das Interview führte Corinna Maier. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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