Schwierige Nachfolgersuche

Trotz Lockversuche: Ärzte wollen nicht aufs Land

München/Wolfratshausen - Ländlichen Regionen droht ein Ärztemangel. Die meisten Landärzte sind deutlich über 50 – und sie tun sich immer schwerer, Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Trotz Lockversuchen.

München/Wolfratshausen – Ulrich Brühl hatte die Nase voll. Nicht von seinem Beruf. „Ich bin Hausarzt mit Leib und Seele“, betont er. Aber von der ganzen Bürokratie, der neuen Gebührenverordnung, den komplizierten Abrechnungen. Der Allgemeinmediziner aus Wolfratshausen hatte zuletzt fast genauso viele Stunden am Schreibtisch verbracht wie mit seinen Patienten. „Ich hatte das Gefühl, dass ich nur noch mit Verordnungen beschäftigt war“, sagt er. Vor einigen Monaten hat er einen Schlussstrich gezogen, die Umzugskisten gepackt und ist in eine Gemeinschaftspraxis in der Schweiz eingestiegen. „Die sind uns dort weit voraus“, sagt er. Weniger Bürokratie, mehr Zeit für die Patienten.

Brühl ist einer von 3035 deutschen Ärzten, die im vergangenen Jahr ins Ausland abgewandert sind. Und bevor er ging, stand er vor einem Problem, das viele Ärzte im Münchner Umland haben, wenn sie aufgeben oder in Rente gehen: Brühl hat monatelang keinen Nachfolger für seine Praxis gefunden. Obwohl er die ideale Nachfolgerin eigentlich kannte – eine junge Ärztin, die bei ihm die Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin gemacht hatte, erzählt er. Aber sie wollte nicht aufs Land. Wegen der hohen Arbeitsbelastung, der vielen Bereitschaftsdienste, der komplizierten Abrechnungsarbeit. Ulrich Brühl sind bei seiner Überzeugungsarbeit die Argumente ausgegangen – er versteht die jungen Kollegen, die vor der Arbeit in ländlichen Regionen zurückschrecken. Es ist nicht die heile Welt, wie sie in Arzt-Serien so oft dargestellt wird.

Der Landarzt-Mangel ist kein neues Problem – aber es verschärft sich. Denn das Durchschnittsalter der zugelassenen Ärzte liegt inzwischen bei weit über 50 Jahre. Bis 2020 werden deutschlandweit 7000 Hausärzte fehlen, 1400 davon in Bayern. Momentan gibt es im Freistaat rein rechnerisch keine Unterversorgung. Es fühlt sich für die Menschen in vielen ländlichen Regionen allerdings so an. Weil sie oft weite Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen – vor allem, wenn sie einen Augenarzt, einen Gynäkologen oder einen Kinderarzt brauchen. Ein Drittel aller Fachärzte praktiziert laut der aktuellen Studie in Großstädten – obwohl dort nur ein Viertel der Bevölkerung lebt.

Vor zwei Jahren ist das neue Versorgungsstrukturgesetz in Kraft getreten, das helfen sollte, die ärztliche Versorgung auf dem Land für die Zukunft besser aufzustellen. „Die Planung ist seitdem kleinräumiger“, sagt Wolfgang Krombholz, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Seitdem stimme die Versorgung besser mit dem tatsächlichen Bedarf überein, berichtet er. „Aber das löst noch nicht das eigentliche Problem – es lockt keine neuen Ärzte in ländliche Gebiete.“ Dafür, sagt er, sind zusätzliche Anreize nötig.

Die gibt es seit einigen Jahren. Die Staatsregierung fördert Ärzte, die sich in rechnerisch unterversorgten Regionen niederlassen, mit bis zu 60 000 Euro. Auch die Krankenkassen und die KVB haben Förderprogramme aufgelegt. Einige Kommunen unterstützen neue Ärzte sogar bei der Praxismiete. Auch die gesetzlichen Vorgaben sind inzwischen lockerer. „Ärzte können sich auch eine Niederlassung teilen“, sagt Stephan Haniffa. Er ist Berater in der KVB-Bezirksstelle für Oberbayern – und weiß deshalb zu gut, dass es immer schwieriger wird, junge Ärzte für ländliche Regionen zu begeistern. „Sie haben andere Vorstellungen von ihrem Beruf, wollen auch ihr Privatleben genießen und nicht mehr rund um die Uhr erreichbar sein.“ Um dem drohenden Ärzte-Mangel gegenzusteuern, ist in Bayern 2013 der Bereitschaftsdienst reformiert worden. Die Dienstgebiete sind größer, so dass mehrere Ärzte sich die Bereitschaften teilen. „Noch ist es zu früh, um zu sagen, ob sich die Situation in ländlichen Regionen damit entschärft“, sagt Krombholz.

Eine neu geschaffene Kooperationsstelle hingegen hat schon erste Erfolge erzielt. Sie hilft dabei, junge Assistenzärzte gezielt an Praxen in Regionen zu vermitteln, wo sie nach ihrer Weiterbildungszeit Wurzeln schlagen könnten. Das hat schon in vielen Fällen funktioniert, berichtet Haniffa. „Außerdem ist es wichtig, angehende Ärzte zu informieren, bevor sie die Weichen für ihr Berufsleben stellen“, sagt er. Neulich, als er für ein Planspiel bei Medizinstudenten an der Uni war, hat er das wieder einmal bestätigt bekommen. „Als ich am Anfang gefragt habe, wer sich vorstellen könnte Hausarzt zu werden, hat sich kaum jemand gemeldet“, erzählt er. Am Ende des Projekttages waren es zumindest ein paar Studenten, die bei derselben Frage ihre Hand gehoben haben.

Von Katrin Woitsch

Rubriklistenbild: © dpa

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