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Werner M. mit Verteidiger Seitz (re.). Im Hintergrund seine Frau Gabriele M.

Löst eine Leiche den Fall Herrmann?

Augsburg/Eching – lm Prozess um die Entführung und den Tod der kleinen Ursula Herrmann haben die Verteidiger des angeklagten Werner M. erneut einen verstorbenen Ex-Polizisten als möglichen Täter benannt. Denn dieser habe womöglich auch mit dem gewaltsamen Tod seiner Geliebten 1970 zu tun.

Einmal mehr versuchen Werner M.s Verteidiger im Prozess vor dem Landgericht Augsburg, den Verdacht von ihrem Mandanten und dessen Frau Gabriele – angeklagt wegen Beihilfe – abzulenken. Nicht Werner M. habe 1981 die damals zehnjährige Schülerin Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee (Landkreis Landsberg) entführt und in einer im Waldboden eingelassenen Holzkiste ersticken lassen, sondern ein anderer. Vermutlich Harald W., ein inzwischen verstorbener Polizist, den die Verteidiger Walter Rubach und Wilhelm Seitz schon mehrfach als Hauptverdächtigen angeführt haben.

Der Fall Ursula Herrmann

Entführungsfall Ursula Herrmann

Nun bringen sie den Mann auch mit einem anderen Verbrechen in Verbindung: 1970 wurde Karin Würz, die 18 Jahre alte Stieftochter eines Münchner Polizisten und angeblich die Geliebte des Polizisten Harald W., ermordet. Am 3. Juni, einem Mittwoch, entdeckte ein Urlauber-Ehepaar gegen 19 Uhr die blutverschmierte Leiche der Münchner Sekretärin hinter einem Busch unter der Autobahnbrücke Weyarn (Landkreis Miesbach). Der nackte Körper unter einem dunkelblauen Popelinemantel war durch unzählige Messerstiche entstellt.

Den Ermittlungen zufolge handelt es sich bei dem Fundort nicht um den Tatort. Offenbar wurde Karin Würz bereits am 1. Juni ermordet. Vermutlich sei die Frau an einem Genickbruch gestorben, berichtet Verteidiger Rubach außerdem. Die Messerstiche sollen Karin Würz post mortem zugefügt worden sein, unter anderem im Brust- und Genitalbereich – vielleicht, um eine Sexualstraftat vorzutäuschen.

Bis heute ist der Fall Würz ungeklärt. Die Polizei hatte damals eine Parallele zum Mord an dem 21 Jahre alten Call-Girl Karoline Maschkowa gezogen. An beide Leichen fände sich die Handschrift eines Sadisten, eines bestimmten Täter-Typs, wenn nicht sogar desselben Täters, hieß es.

Verteidiger Rubach denkt an Harald W., ein Polizist, der gerne Stadtstreicher quälte, ihre Köpfe zu seiner Belustigung unter Wasser getaucht haben soll. Außerdem habe sich der Geliebte von Karin Würz damals auffällig für die Mangfallbrücke und deren Umgebung interessiert. Ein ehemaliger Ermittler habe sogar behauptet: Das Alibi des Polizisten Harald W. genauer zu überprüfen, das hätten dessen Kollegen unterlassen. Eben diese Kollegen hätten später auch den Fall Herrmann „vergeigt“, meint der Kriminaler.

Rubach hat nun beantragt, noch vorhandene Spuren zum Fall Karin Würz auf Gen-Material zu untersuchen und dieses mit den DNA-Spuren von Harald W. zu vergleichen. Der Polizist habe damals „möglicherweise einen Mord begangen“. Dies sei bedeutend für den Fall Herrmann, denn auch für dieses Verbrechen käme Harald W. in Frage.

Beim Angeklagten Werner M. jedenfalls wertet die Staatsanwaltschaft den „groben Charakter“ als wesentlichen Bestandteil ihrer Indizienkette, moniert Rubach. Wie berichtet, hatte Werner M.s Ex-Frau den Angeklagten als grausamen Tierquäler beschrieben: Ihr Ex-Mann habe einmal den Hund in eine Gefriertruhe gesperrt, in der das Tier verendet sei. Werner M. hatte sich darüber geärgert, dass „Susi“ in der Küche den Abfalleimer durchwühlt hatte.

Freilich gibt es mehr, das für Werner M. als möglichen Täter im Fall Herrmann spricht. Etwa seine desolate finanzielle Situation. Allein in den Jahren 1979 bis 1981 liefen fast 30 Vollstreckungsverfahren gegen ihn. Von gut 150 000 Mark Schulden ist die Rede.

Ein sehr belastendes Indiz, wie die Augsburger Staatsanwaltschaft meint. Denn immerhin hatten die Entführer von Ursula Herrmann nach deren Verschwinden am 15. September 1981 von deren Eltern zwei Millionen Mark Lösegeld gefordert, sich dann aber nicht mehr gemeldet. Anfang Oktober wurde die Zehnjährige im Wald bei Eching gefunden. Das Mädchen war in ihrem Kistengrab erstickt. Der Prozess gegen Werner M. geht im Mai weiter.

Bettina Link 

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