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Provozierer und Bewahrer: Lois Hechenblaikner.

Lois Hechenblaikner: Das große Porträt

Hinter der Hochglanz-Heimat

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Reith – Was macht Tourismus mit den Alpen? Mit der Natur? Mit den Menschen, die hier leben? Die modernen Zeiten bringen nicht nur Gutes. In Tirol gibt es einen Künstler, der hinter die Kulisse blickt – und dafür viel einstecken muss.

Kein Wunder, dass Lois Hechenblaikner nicht mehr aufgehört hat mit der Kunst. Die erste Schau gleich ein Eklat, sozusagen der Ritterschlag. 1997 war das: Der Bürgermeister von Mayerhofen im Zillertal, Tirol, verbat dem Fotografen in letzter Minute seine Ausstellung. Die Bilder, um die es ging, hatte Hechenblaikner bei Konzerten der „Zillertaler Schürzenjäger“ gemacht. Was kann daran so schlimm sein?

Lois Hechenblaikner, 57, hat grüne Augen und ein kräftiges Kreuz – das braucht er auch. Er hat sich für seine Fotografien ein heikles Thema ausgesucht. Den Tourismus und die Konsum-Maschinerie dahinter. Es gibt in ganz Tirol kaum jemanden, der den Leuten ähnlich schmerzhaft auf den Geist geht wie er. Weil er, so banal das klingt, hinschaut.

Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Reith im Alpachtal, im Winter ist das ein Skidorf. Wenn er aufstehen und durch die Terrassentür treten würde, wäre er nach ein paar Metern auf dem Parkplatz vom Skilift. Er blättert in einem Bildband, zeigt die Aufnahmen, die er damals nicht zeigen durfte. Darauf „Schürzenjäger“-Fans, angetrunken bis hackevoll, in Billig-Dirndln oder mit hässlichen Hüten. Ungetürkt, so wie es war – aber halt unschön. Halb Tirol fühlte sich beleidigt, und Hechenblaikner wusste: Da hab ich einen Nerv getroffen. „Realität darf sein – die Fotos nicht?“, fragte er sich. Und fing jetzt erst richtig an, die Branche Österreichs zu durchleuchten: den Tourismus. „Die Widerstände“, sagt er, „haben mich stärker gemacht.“

Der Tourismus in den Alpen lebt von schönen Bildern, von einer Illusion der Gemütlichkeit. Jahrelang bildet Hechenblaikner als Fotograf genau das ab. Grüne Almwiesen, majestätische Berge, urige Bewohner – Heimat in Hochglanz. Sein Kamera-Objektiv schwenkt er schon mal ein bisschen zur Seite, damit ein nicht so hübsches Detail die hübsche Gesamtansicht nicht versaut. Als Hechenblaikner vor 15 Jahren einen Bildband über sein Heimat-Tal fotografiert, kommt’s zum Eklat. Auf der letzten Seite würde er gerne zwei nachdenkliche Bilder zeigen, von einem Ramsch-Souvenir-Laden, die Auslage voll mit billigem Zeug, auf dem zwar „Tirol“ draufsteht, das aber aus Fernost kommt. Das untersagen ihm die verantwortlichen Touristiker. Seither fotografiert Hechenblaikner bloß noch das, was er sieht. Und nicht das, was die Touristen sehen sollen.

Mit den Aufnahmen der „Schürzenjäger“-Fans fing es an. Ein ganzer Foto-Zyklus ist daraus geworden. Hechenblaikner ist mit einigen der fotografierten Fans befreundet, auch wenn er denen genau sagt, warum er sie ablichtet. Er nennt diese Musik „Jodel-Dodel-Faschismus“, es geht nicht rein in seinen Kopf, was der Sinn von Merchandising-Schmarrn wie „Schürzenjäger“-Kondomen, „Schürzenjäger“-Bettwäsche und „Schürzenjäger“-Schnürsenkeln ist. Den Fans macht er keinen Vorwurf – er sieht sie als Opfer. Sie zahlen viel Geld fürs Ticket, flüchten sich zwei Konzert-Stunden lang in eine heile Schunkel-Welt, in einen „schmerzfreien Raum“. Und kriegen dort das bisserl Geld, das sie haben, auch noch abgeluchst. Die Band ist zerstritten, zoffte sich mehrfach vor Gericht. Hechenblaikner besucht jetzt schon seit Jahren Konzerte von Hansi Hinterseer. Dasselbe in Grün. Und gerade ist die Neuauflage seines Bildbands „Hinter den Bergen“ erschienen, darin sind 60 Bildpaare.

Eine Aufnahme ist jeweils 60 bis 70 Jahre alt und schwarz-weiß: Sie zeigt das Leben, wie es war, bevor der Massentourismus, der sogenannte Wandel, über das kleine Alpenland hereinbrach. Bauern bei der Arbeit, bei Festen, im Alltag. Hechenblaikner hat sie aus dem Archiv des verstorbenen Agrar-Ingenieurs Armin Kniely, der in Weihenstephan Landwirtschaft studierte. Das Gegenstück ist bunt: Szenen aus Après-Ski-Bars, Diskos, Bilder von vollen Parkplätzen, vermüllten Bergwiesen nach kracherten Großereignissen, die hier alle bloß noch „Events“ nennen. Hechenblaikner macht keine Vorher-Nachher-Fotos im klassischen Sinn. Er sucht Parallelen und merkt oft, wie anmutig und still das einfache Leben von früher wirkt. Und wie billig das von heute. Mittendrin: Der „Homo consumis“, der Mensch, dessen Lebenszweck der Konsum ist. Der wie eine „Heuschrecke die Erdkugel aussaugt“, sagt er.

Seine Gegenüberstellungen zeigte er unterschiedlichen Menschen: erst einem „Boulevard-Publikum“, er sagt das nicht abfällig, sondern mit dem wissenschaftlichen Ernst eines Soziologen. „Die sind am Witz hängen geblieben, haben gelacht.“ Er lacht nicht. Als er dieselben Bilder einem „alten, gescheiten Bergbauern“ vorlegt, kommen dem Mann die Tränen. „Der hat gesehen: Seine Heimat ist kaputt.“ Der Künstler, der oft Philosophen zitiert, nennt das „Verlustgeschichte von Heimat in visuellem Schraubstock“. Es passiert nicht selten, dass ihn die Menschen erst beschimpfen, und dann platzt es aus ihnen heraus. Wie ein Schmerzensschrei, der ganz tief drinnen sitzt: „Wir wissen doch nicht mehr, was wir noch tun sollen.“ Der Gast, meinen Hoteliers, Wirte und Touristiker, will immer mehr, mehr, mehr. Also machen sie immer mehr, mehr, mehr. „Das sind die Verursacher der Verkitschungsindustrie“, sagt er. Immer noch was draufsatteln. Der Wettbewerb der Skigebiete um die meisten Pistenkilometer. „Events“ wie der Almabtrieb in Reith, der im Herbst zigtausende Gäste anzieht – und bloß noch Theater ist. Es macht Hechenblaikner zornig, dass sie die Kühe extra mit dem Lastwagen ankarren und gar nicht mehr von der Alm heruntertreiben. Hauptsache Spektakel. Irgendwann, so seine Analyse, kippt’s. „Wie bei einer Frau, die zu viele Schönheits-OPs hat. Irgendwann ist es nicht mehr schön.“

Was viele Tiroler nicht verputzen können, ist, dass Hechenblaikner nicht irgendein Zuagroaster ist. Einer, der keine Ahnung hat, wovon er spricht. Denn Hechenblaikner ist in dem Dorf geboren, hat seine Kindheit hier verbracht, eine Ausbildung zum Kfz-Elektriker gemacht. Als junger Mann baute er auf dem Grundstück, das sein Vater für ihn gekauft hatte, ein Haus. Er wohnt hier mit seiner Frau und zwei Söhnen. Im Winter kann er von der Couch aus sehen, wie auf der anderen Seite der Dorfstraße Skifahrer den Berg herunterwedeln. Manchmal haben sie dafür nur ein schmales Schneeband zur Verfügung. Weiße Pracht aus Schneekanonen. Er sitzt mittendrin in dem Zirkus, aber weil er als Reisefotograf viel Zeit im Ausland, vor allem in Asien verbracht hat, ist er Darsteller und Zuschauer zugleich.

Hechenblaikner hat Ahnung von der Branche. Seine Mutter hatte eine Pension, er vermietet im Haus Ferienwohnungen. Er sagt: „Ich lebe hier, aber sehr isoliert.“ Immer wieder hört er das böse Wort „Nestbeschmutzer“.

Hechenblaikner will den Tourismus nicht zum Feind erklären, im Gegenteil, sagt er. Er kommt mit vielen Hoteliers gut aus, zumindest mit denen, die ein gescheites Konzept haben. Er will auch keinen kurzfristigen Krawall, deshalb veröffentlicht er seine Bilder immer erst dann, wenn die Original-Szenerie längst verschwunden ist. Dem Betrachter wird dadurch noch ein bisschen mulmiger. Weil der Schaden schon Vergangenheit ist. Und somit unwiderruflich wird.

In Hechenblaikners Hausgang hängt ein großes Bild mit bunten Tupfern, es sieht aus einigen Metern aus wie abstrakte Kunst. Wer näher hinschaut, sieht: Ski. Kaputte, zerbrochene, zerkratzte, aussortierte Ski. 30 Kubikmeter Skimüll auf einem Haufen. Nach einer einzigen Saison. Er will zeigen, dass „wir für alles einen Preis bezahlen“. An einem geheimen Ort in Tirol hat er den Ski-Müll fotografiert, wo verrät er nicht. Ärger hat er so schon genug.

Das ist auch Teil seines Projekts. Er könnte auf jedes Hinterseer-Konzert als Gast gehen. Macht er aber nicht. Er weist sich aus als Journalist, als Lois Hechenblaikner. Er will sehen, wie die Organisatoren erschrecken, ihn nicht reinlassen. Dann fragt er sich: „Warum muss ich auftauchen, damit ein Schamgefühl entsteht?“ Nach all den Jahren kennt er die Antwort: „Die wissen insgeheim, dass das, was sie machen, nicht richtig ist.“

Im vorigen Herbst, beim Almabtrieb in Reith, traten wie jedes Jahr die „Original Zillertaler“ auf. Der Höhepunkt, das ist immer so, ist die Showeinlage „Die Höllenhunde aus dem Zillertal“. Dann ziehen die Musiker ihre Lederhosen aus, mit obszönen Bewegungen lassen sie Kuhglocken zwischen ihren Beinen läuten, ein Gummi-Penis kommt zum Einsatz. Als der Geschäftsführer des Tourismusverbandes hörte, dass Hechenblaikner kommt, um mit dem Bayerischen Fernsehen einen Film zu drehen, sagte er über Lautsprecher die Einlage ab.

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