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Allgäuer Longboard-Könige: (von links) Fabian Glasow, Simon Fischer und Patrick Fischer.

"King Lui" aus dem Allgäu

Diese Drei bauen Longboards im Namen des Kini

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Wertach - Drei heimatnarrische Freunde stürzen sich steile Gebirgspässe hinab und bauen in einer Tenne im Allgäu ganz besondere Longboards, im Namen des Königs. Zu Besuch in der Manufaktur „King Lui“.

Direkt über dem „Langen Lui“, da hängt der „Wächter“. Darunter ruht in seiner ganzen Pracht auf hölzernen Halterungen: der „Einheimische“. Und die Allgäuer Coolness sitzt an einem verkritzelten Holztisch mit Brandlöchern und trinkt Bier. Patrick Fischer, 27, Österreicher, krachendes Tiroler Mundwerk, hellbrauner Pferdeschwanz und Skaterklamotten, lehnt sich entspannt auf seinem Stuhl zurück. Gegenüber auf der Eckbank dreht Simon Fischer, 25, blond, vollbärtig, großgewachsen, langsam die Flasche in den Händen.

Die Herren Fischer, nicht verwandt oder verschwägert, sind Longboarder. Und Longboard-Bauer. Und heimatnarrische Allgäuer. In der Reihenfolge. Ihre Bretter als längere Skateboards zu beschreiben, wäre schlichtweg Majestätsbeleidigung. Denn zum einen ist das Longboard ein Vorfahre des Skateboards, nicht etwa der Nachfolger. Und zum anderen fertigen die Brettlbauer aus dem Allgäu Boards wie den „Wächter“ aus heimischen Hölzern im Namen des Kini. Seit Juli 2014 gibt es „King Lui“. Zusammen mit ihrem Freund Fabian Glasow, 26, haben die Burschen, allesamt Handwerker und Skater, in einer Tenne am Ortsrand von Wertach im Oberallgäu ihre Manufaktur eingerichtet.

Draußen vor der Tenne stehen Couch und Bierbank, drinnen wird auf zwei Etagen gewerkelt – und geskatet. Patrick steigt im Halbdunkeln die knarzende Holztreppe nach oben. „Unsere Werkstatt war von Anfang an als Treffpunkt für Freunde gedacht“, sagt er und öffnet die Tür zum Skaterhimmel. Im Erdgeschoss bauen sie in zwei Räumen Longboards, die Halfpipe füllt das offene Obergeschoss aus. Die Drei haben Geld in die Hand genommen, viel Zeit investiert. Schrott entsorgt, so gut gedämmt, „dass die Nachbarn nimmer hören, wenn bei uns gefeiert wird“. Einen Raum für die dreckige Arbeit: Sägen, Fräsen, Schleifen. Und einen, der sauber bleibt, wo die Boards Schicht für Schicht verklebt werden. Dort, wo keine Späne fliegen, hängen die fünf Modelle in verschiedenen Variationen an der Wand: Der „Wächter“, benannt nach dem Hausberg Grünten. Der „Lange Lui“. Der „Aladschee“, eine Allgäuer Schreibweise des Alatsees. Der „Einheimische“. Und das „Schindluada“.

Das Schindluada. Es hat sich seinen Namen redlich verdient. „Wie oft hamma dacht, jetzt hamma’s?“, fragt Patrick und wendet sich Simon zu. „Stimmt“, entgegnet der und dreht das „perfekte Downhill-Longboard“ in den Händen. „An keinem Brett hamma so lang geschraubt, bis es gepasst hat.“ Bretter, die das Konterfei von Ludwig II. auf die Unterseite bekommen, müssen nah dran sein an der Perfektion. „Wir prüfen jedes Board auf Herz und Nieren“, sagt Patrick. Schließlich machen die Burschen ihre Bretter nicht für Hipster, die sie unterm Arm durch die Stadt tragen. Sondern vor allem für Boarder, die sich Gebirgspässe hinunterstürzen.

"Team King Lui": Boarden im Namen seiner Majestät

Es gibt sogar ein „Team King Lui“: Wenn sich die Fahrer und Fahrerinnen, dreizehn an der Zahl, in wechselnder Besetzung zum Downhillfahren treffen, ist die Kamera fast immer dabei. Die Videos gibt’s bei Facebook, auf Vimeo, auf ihrer Homepage. Burschen in Lederhosen, die auf rollenden Holzbrettern Richtung Tal rasen. Volle Konzentration. Ein, zwei Mal anschieben, dann die Beine hintereinander in Stellung bringen, Knie eng beisammen, Oberkörper weit nach vorn, Arme hinter den Rücken, Vollgas. Klingt einfach, erfordert neben Balance und Körperbeherrschung aber auch: Mut. Die Bretter werden schnell. „So schnell, dass das Auto mit der Kamera oft kaum hinterherkommt“, sagt Patrick. In Stundenkilometern? Er lacht. Die Höchstmarke, aufgestellt von einem Freund, liegt jenseits der 130. Patricks Komfortzone hört irgendwo bei Tempo 80 auf.

Geschwindigkeit ist wie ein Rausch. Trotzdem, sagen die Jungs, sind sie „hellwach und voll da“, wenn sie auf ihren Brettern stehen. „Du bist völlig frei, frei vom Alltag, frei von negativen Gedanken“, sagt Simon. Dabei zögerte er zunächst, als die drei mit dem Longboarden anfingen. „Mich kriegst ned an Berg runter!“, sagte er vor zwei Jahren. Heute nippt er am Bier und sagt: „Ich bin immer mittendrin, sooft Wetter und Freundin es erlauben.“

Wie so oft fängt alles mit einem Zufall an. Fast zeitgleich besorgen sich Patrick und Fabian unabhängig voneinander Longboards. Patrick will „eigentlich nur von A nach B kommen“, aber Fabian hat eine andere Idee, schlägt vor, Downhillfahren zu probieren. Steil bergab. Die gewundenen Bergstraßen im Allgäu bieten perfekte Bedingungen, viele Straßen sind Mautstrecken und wenig befahren. Schon die ersten Fahrten sind „einfach nur der Wahnsinn, unbeschreiblich“, schwärmt Patrick. Seitdem sind die Freunde leidenschaftliche Longboarder. Und haben mit ihrer Bergab-Leidenschaft auch Simon angesteckt.

Gemeinsam machen sie einen Kurs, lernen, wie man einfache Boards ohne viel Schnickschnack baut. Danach packt sie der Ehrgeiz, sie wollen noch bessere Bretter bauen, auch für andere Boarder, also tüfteln sie in ihrer Freizeit weiter. Dem Kini ist man im Allgäu naturgemäß ein bisserl näher als anderswo, und „weil der Name unserer Marke Natur- und Heimatverbundenheit widerspiegel sollte“, erklärt Simon, „war King Lui für uns die erste Wahl.“ Ein Spezl zeichnet das Logo, der Rest ist Geschichte.

"King Lui": Keine Boards von der Stange

Wer meint, er kommt nach Wertach und kauft ein Board von der Stange, der irrt gewaltig. Patrick sagt: „Es gibt nix Schlimmeres als das falsche Brett: Wenn man für teures Geld ein Board kauft und dann merkt, dass es nicht zu einem passt.“ Das soll den Kunden von „King Lui“ nicht passieren. Wollen sie Downhill-Fahren? Oder lieber lässig von A nach B gleiten? Freerider, Dancer, Cruiser, Downhill: viele Stile, viele Modelle, viele Möglichkeiten. Ist das Richtige gefunden, stellt sich nur noch die Frage: Soll’s ein fertiges Brettl oder eine Spezialanfertigung sein?

Erstere gibt’s ab 270 Euro, für das ganz persönliche Wunschbrett kann’s auch ein bisserl mehr sein. „Wir haben nicht das Billigste vom Billigsten, klar, aber wir haben sehr gute Qualität“, sagt Simon. Und schier unendliche Auswahl. Patrick freut sich über Sonderwünsche. Ob ein Brett in Pink oder aufwendige Intarsien: „Ich feier die Leut, die was Bsonders haben wollen.“ Darum nehmen sie sich Zeit und machen Dinge möglich, die unmöglich scheinen. In jedem Longboard stecken viele Stunden Arbeit, das meiste wird von Hand gemacht. Etwa vierzehn Tage müssen die Kunden warten, dann können sie ihr Brettl mit dem „King Lui“-Logo abholen oder bekommen es zugestellt, per klimaneutralem Versand. Das ist den Naturburschen wichtig: Für jedes versandte Board pflanzt die Klimapatenschaft einen Baum.

Longboarden lernen: Ein Tipp von den Fachmännern

Mehr als 150 handgemachte Longboards haben die Tenne inzwischen verlassen, leben können die Drei von ihren Brettern aber noch nicht. Bis das Hobby zum Hauptberuf wird, arbeiten sie als Heizungsbauer, Maschinenbautechniker und studieren. Doch sie bauen sich einen Kundenstamm auf, in der Region, aber auch in ganz Europa. Kein Wunder, man kennt sich in der Szene, ist befreundet, besucht sich gegenseitig. Sechs bis sieben Mal im Jahr treffen sich die Jungs mit Gleichgesinnten, vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und weil man sich unter Longboardern hilft, haben die Brettl-Bauer einen Tipp für alle, die mit dem Longboarden anfangen wollen: „Geht zu den Locals, also den Longboardern bei Euch in der Gegend. Leiht Euch ein Board. Probiert es aus.“ Man muss ja nicht gleich den steilsten Gebirgspass fahren.

Ausreichender Schutz ist wichtig: „Helm, Knieschoner, Handschuhe – alles Pflicht“, sagt Patrick. „Wer ohne zum Event kommt, wird heimgeschickt.“ Ernsthafte Verletzungen haben sie sich beim Longboarden bisher nicht geholt. „Wir fahren jede Strecke vorher mit dem Auto ab, benutzen keine Hauptstraßen und sichern die Straße mit Streckenposten und Walkie Talkies ab.“ Wer den „Slide nicht steht“, also nicht ordentlich bremsen und Kurven fahren kann, fährt nicht am Berg. Stürze mit kleineren Blessuren bleiben freilich trotzdem nicht aus. Simon krempelt seine Shorts hoch und zeigt eine große, dunkelrote Schürfwunde am linken Oberschenkel. „Pizza“ nennen die Boarder großflächige Abschürfungen wie diese. „Ned weiter wild“, sagt er. Allgäuer Coolness halt.

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