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Plötzlich vor der Kamera: Nicht nur im ARD-Morgenmagazin berichtete der Zweite Bürgermeister Lothar Venus von der Situation in Wegscheid.

Er ist der Vize-Bürgermeister von Wegscheid

Flüchtlingskrise: Wie Lothar Venus zum Talkshow-Star wurde

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Wegscheid - Lothar Venus konnte bei der Wahl 2014 nicht ahnen, dass er als Zweiter Bürgermeister von Wegscheid einmal in Polit-Talkshows eingeladen werden würde. Dann kam die Flüchtlingskrise.

Lothar Venus lenkt sein Auto durch die Wegscheider Innenstadt und grüßt, grüßt, grüßt. Alle paar Meter. Es gibt kaum jemanden in dem 5000-Einwohner-Ort in Niederbayern, der ihn nicht kennt. Und das ist nicht so, weil der 41-Jährige stellvertretender Bürgermeister ist. Sondern weil er Lothar Venus ist. Feuerwehrler seit 25 Jahren, ehemaliger THWler, Mitglied der CSU, Gemeinderat, Kreisbrandmeister, zweifacher Familienvater. Wenn Lothar Venus Menschen das zweite Mal begegnet, ist er mit ihnen schon per Du – bei einigen reicht dafür der erste kräftige Handschlag. „Ich mag das Siezen nicht“, sagt er. Schafft zu viel Distanz, braucht zu viel Worte. Lothar Venus bringt die Dinge gern auf den Punkt. Vielleicht auch wegen der vielen Feuerwehr-Einsätze, die er erlebt hat. „Da gibt’s kein Bitte und Danke“, sagt er. Im Einsatz muss jeder funktionieren.

Diese Weisheit hat Venus als junger Mann bei Katastrophenschutzübungen gelernt. „Damals kam mir das alles so realitätsfern vor“, erinnert er sich. Zwei Jahrzehnte später ist die Katastrophe in Wegscheid Realität geworden – und es ist Venus’ Aufgabe, den Einsatz zu koordinieren. Nur, dass er diesmal nicht Löschwassermengen berechnen muss – sondern Menschenmengen.

Hunderte Flüchtlinge marschierten im Herbst von dem Aufnahmelager im österreichischen Kollerschlag über die Grenze nach Wegscheid

Die Lage in der Grenzregion eskaliert, als der Münchner Hauptbahnhof wegen des Oktoberfestes nicht mehr als Drehkreuz genutzt werden kann. Die Österreicher richten wenige Kilometer von der Grenze entfernt Aufnahmelager ein – und sagen den Flüchtlingen, dass Deutschland nur noch einen Fußmarsch entfernt ist. Es werden Landkarten verteilt, sogar Wegweiser sind aufgestellt. Der damalige Julbacher Bürgermeister Adolf Salzinger fährt die Flüchtlinge mit seinem Privatauto bis zur deutschen Grenze. „Wir sind in der Grenzregion über Jahre zusammengewachsen“, sagt Venus. „Die Flüchtlingsdebatte zwischen Deutschland und Österreich hat das über Nacht kaputtgemacht.“

Flüchtlingsstrom nach Niederbayern: Im Oktober eskaliert die Lage

Bis zu 900 Flüchtlinge kommen jeden Tag zu Fuß in Wegscheid an, die Lage verschärft sich. Landrat Franz Mayer richtet einen Einsatzstab ein, Wegscheid rüstet sich für den Ernstfall. Lothar Venus ist als Zweiter Bürgermeister und Kreisbrandmeister fast rund um die Uhr vor Ort. Der Landrat macht ihn zum Pressesprecher. Von da an klingelt sein Handy im Minutentakt. Venus koordiniert die Notunterkünfte, organisiert Busse, gibt Interviews. An vielen Tagen bis in die frühen Morgenstunden. Anfang Oktober eskaliert die Situation. Die Österreicher bringen die Flüchtlinge mit Bussen direkt an die Grenze. An einem Tag kommen 55 volle Busse an. Venus spricht von „50er Paketen“, die „angeliefert“ werden. Der Ton ist Absicht. „Die Menschen sind nicht mehr wie Menschen behandelt worden“, sagt er. Er will nichts schönreden, was am 5. Oktober passiert ist.

Am Abend sind 3500 Menschen auf der Wiese – zuviele, um alle in Notunterkünfte zu bringen. Viele Flüchtlinge müssen die Nacht bei Minustemperaturen im Freien verbringen. Auch Kleinkinder und Säuglinge. Es ist die Nacht, in der das System zusammenbricht. In der auch Lothar Venus nicht mehr funktioniert. „Ich habe mir das erstbeste Mikrofon gegriffen und die ganze Wut rausgelassen.“ Die Wut auf Europa, auf Österreich, auf die Politik, die die Grenzgemeinden mit dem Flüchtlingsproblem allein lässt. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis hier ein Kind erfriert“, sagt Venus in die Kamera. Danach ruft er den Landrat an und sagt: „Franz, ich hab’ Mist gebaut!“

Ein Satz vor laufenden Kameras machte ihn bekannter, als er je wollte

In der Nacht des 5. Oktober eskalierte die Situation in Wegscheid. Flüchtlinge mussten im Freien schlafen - auch Kinder.

Dieser Satz vor laufenden Kameras macht ihn bekannter, als er je werden wollte. Venus wird in allen großen Zeitungen zitiert, bekommt Interviewanfragen von Fernsehsendern, wird abends in der Tagesschau zugeschaltet. Frank Plasberg lädt ihn in seine Sendung „Hart aber Fair“ ein. Eine Interview gibt er sogar über Skype bis nach Australien – dort unterrichtet eine Passauerin, die ihren Schülern die Flüchtlingskrise erklären will. „Ich habe damals nicht eine Minute über den ganzen Medienrummel nachgedacht“, sagt Venus. In Gedanken war er immer im Einsatz. Heute ist er froh darüber, dass ihm keine Zeit zum Nachdenken blieb.

Der Medienrummel in Wegscheid hat dazu beigetragen, dass weniger Busse aus Österreich kamen. „Seit Anfang Dezember ist kaum noch ein Flüchtling bei uns angekommen“, sagt Venus. Wirklich aufatmen kann er nicht. Nicht bei den Nachrichten von den Flüchtlingscamps aus Idomeni. „Das ist so weit weg – aber so schnell bei uns“, sagt er.

Neulich hat Lothar Venus eine mehr als 300-seitige Powerpoint-Präsentation über die längsten Tage seines Lebens zusammengestellt. Mit Fotos, Einsatzprotokollen, SMS-Nachrichten. „Vielleicht ist das meine Art, das alles zu verarbeiten“, sagt er. Als junger Feuerwehrmann hat er damals gelernt, im Einsatz nicht die Menschen zu sehen – sondern nur seine Aufgabe bei der Rettung. In der Nacht des 5. Oktober hat er das nicht mehr geschafft. „Das Wimmern der Kinder in der Kälte höre ich heute noch manchmal.“

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