+
Die erste Lottofee im Fernsehen: Karin Dinslage präsentiert sechs Jahre lang die Lottoziehungen. Vor den Fernsehern schauen Millionen Deutsche zu.

Kugeln der Sehnsucht

60 Jahre Lotto: Die Geschichte des Glücksspiel-Dauerbrenners

  • schließen

München/Traunstein – Der Traum vom großen Geld weckt Sehnsüchte. Sechs Richtige in der Lotterie 6 aus 49 können sie erfüllen. Seit 60 Jahren verzaubert das Spiel die Glücksritter. Doch nicht alle Sieger in der Lotto-Geschichte sind Gewinner geblieben.

Marianne Glockner, 77, füttert ihren Computer mit der Sehnsucht nach Glück. Jeden Tag steht sie hinter der Theke ihres kleinen Tabak- und Lottoladens in Traunstein. Und jeden Tag kommen Menschen zu der kleinen Frau mit der bunten Brille, reichen ihr Lottozettel über den Tresen und hoffen, dass der Computer diesmal ihre Zahlenkombination ausspuckt – und sie Gewinner sind. Der Traum vom Reichtum zwischen Zigarrenschachteln und Tabakboxen.

Lotto-Urgesteine: Marianne Glockner (re.) betreibt die älteste Lotto-Annahmestelle Bayerns. In ihrem Laden an der Bahnhofstraße in Traunstein hat sie die Geschichte der Lotterie in den vergangenen 59 Jahren miterlebt.

Marianne Glockner kennt diese Welt seit 59 Jahren. Erst hilft sie ihrem Vater, seit 1963 ist sie die Chefin. Sie betreibt die älteste noch geöffnete Lotto-Annahmestelle Bayerns. Vor 60 Jahren ist das Glückspiel 6 aus 49 erfunden worden, morgen vor genau 50 Jahren lief die erste Ziehung live im Fernsehen. Marianne Glockner hat die Lotto-Geschichte von Anfang an miterlebt – obwohl sie das eigentlich so gar nicht wollte.

„Ich mach’ das nur, bis ich 30 bin“, denkt sich die junge Frau nach ihrem Schulabschluss. Ihre Freundinnen erzählen damals von ihren Träumen, zum Beispiel einem Beruf als Stewardess. Marianne Glockner steht samstagnachmittags im Laden und verkauft Träume. „Ich bin da reingewachsen“, sagt sie rückblickend. „Das kann man nicht mehr aufgeben.“ Und das ist gut so. „Das Lotto-Fieber kam wie eine Walze. Das hat vorher keiner geglaubt.“

Sechs richtige Kreuzchen auf dem rot-gelben Tippschein: Das wünschen sich plötzlich alle Deutschen. Bei seiner Einführung im Jahr 1955 ist das Spielsystem völlig neu. Bis zu diesem Zeitpunkt dominiert Fußball-Toto den Markt – ein Wettvergnügen für Experten. Das Spiel 6 aus 49 ist einfacher: Der Zufall entscheidet.

Für die Erfinder ist das Glücksspiel der Jackpot

Den genauso simplen wie genialen Einfall haben Lothar Lammers und Unternehmer Peter Wieland, damals 29 und 36. Er macht sie reich. Zunächst bieten die Männer das Konzept den Chefs der Westdeutschen Fußballtoto an, doch die lehnen ab. Eine folgenschwere Fehlentscheidung. Die Tüftler sind enttäuscht und stellen ihre Idee bei der Nordwestdeutschen Klassenlotterie vor. Die Verantwortlichen schlagen zu, die neu gegründete Lottogesellschaft boomt. Die beiden Tüftler gelten weltweit als Vordenker moderner Lotterien. Nach ihrem Prinzip werden unzählige Glücksspiele erfunden.

Das einfache Konzept überzeugt die Massen in Deutschland. Obwohl die Gewinnchancen minimal sind. Für sechs Richtige mit Superzahl gibt es beispielsweise 139 838 160 verschiedene Tippmöglichkeiten.

Die erste Losung beginnt ausgerechnet mit einer Unglückszahl. Elvira Hahn, 12, ist die erste Lottofee. Das Hamburger Waisenmädchen steht im Rock und kurzärmligem Pulli am 9. Oktober 1955 um 16 Uhr in einem Hamburger Hotel. Vor ihr ist eine Glas-Lostrommel aufgebaut, neben ihr stehen mehrere Notare. Unter deren strengen Blicken greift das Mädchen in die Trommel – und erwischt zuallererst Gewinnzettel Nummer 13. Sechs Richtige hat damals niemand. Bis heute ist die 13 tatsächlich diejenige Zahl, die am seltensten gezogen wird: 596 Mal. Die angebliche Glückszahl 7 ist dagegen 671 Mal gezogen worden.

Bald bestimmen automatische Ziehungsgeräte über das Schicksal der Glücksritter, Lottofeen gibt es weiterhin. Die Ansagerin Karin Dinslage präsentiert die erste Live-Auslosung im Fernsehen am 4. September 1965. Das ist am  Freitag genau 50 Jahre her. Marianne Glockner aus dem Lottoladen hat die erste Ziehung nicht im Fernsehen verfolgt. „Ganz einfach, weil wir noch keinen Fernseher hatten“, sagt sie und lacht. Die bekannteste Glückbringerin der deutschen Fernsehgeschichte kennt sie natürlich trotzdem – genau wie Millionen Deutsche. Karin Tietze-Ludwig, heute 74, moderiert ab 1967 drei Jahrzehnte lang die Glückszahlen an. Ihr Sendeplatz: Samstagabend, kurz vor der Tagesschau. Erst im Wechsel mit Karin Dinslage, ab 1971 allein. In einem kargen Fernsehstudio wird über den Traum vom großen Glück entschieden.

Die Zeiten haben sich geändert. Im Studio steht heute ein riesiger Touchscreen, die Ziehung selbst wird seit Juli 2013 nur noch im Internet live gezeigt. Schon vier Jahre zuvor fliegt die Sendung aus dem Vorabendprogramm – die Einschaltquoten sind gesunken. Die Bundesliga-Sportschau bekommt dafür mehr Sendezeit. Vor 60 Jahren hatte Lotto die Fußball-Wetten als populäres Glücksspiel verdrängt, jetzt schlägt der Ballsport zurück. Auch Marianne Glockner hat einen Rückgang der Euphorie bemerkt. Das Wettangebot ist deutlich größer geworden, das Interesse geringer. „Nur bei Jackpots ab 15 Millionen Euro ist mehr los als gewöhnlich“, sagt die Traunsteinerin. Der Umsatz von Lotto Bayern ist beeindruckend: Im vergangenen Jahr brachten alle Spielarten 1,1 Milliarden Euro ein.

Die Auslosungen der Lotterie 6 aus 49 verlaufen nicht immer nach Plan. Die wohl größte Panne passiert am 3. April 2013 beim Mittwochslotto im ZDF. „Kugeln und Geräte sind wie immer geprüft“, sagt Lottofee Heike Maurer in die Kamera. Auf ihr Startsignal fallen die Kugeln in die Losmaschine. Eigentlich wie immer, doch diesmal bleiben zwei Kugeln in ihrer Verankerung stecken. Die Auslosung wird 22 Minuten nach der Ausstrahlung im ZDF für ungültig erklärt und wiederholt. Das ist nicht der einzige Zwischenfall.

Im Februar 1999 zerbricht das Glück buchstäblich vor laufender Kamera. Beim letztmaligen Mischen für die Lotterie Spiel 77 fällt die Kugel mit der Nummer sechs auseinander. Die Ziehung wird wiederholt, die Aufregung ist riesig, die Zuschauer reklamieren beim Sender. „Die Geschichte stand danach sogar in Indonesien in der Zeitung“, erinnert sich ARD-Lottofee Franziska Reichenbacher.

Keine Panne, aber durchaus kurios verlaufen die Ziehungen am 10. April 1999 und am 30. Juli 2014. Damals purzeln die Zahlen 2, 3, 4, 5, 6, 26 sowie die Zahlen 9, 10, 11, 12, 13 und 37 als die sechs Richtigen aus der Trommel. Eine Reihung mit fünf aufeinanderfolgenden Zahlen gab es seither in der Lottogeschichte nie wieder. Für die Tipper ist das wohl auch besser. Denn: Außergewöhnlich viele Spieler setzen auf Reihungen. Die Ausschüttungsssumme wird aber aber auf die Zahl der Sieger aufgeteilt, so dass der Gewinnanteil jedes Einzelnen schrumpft. Bei der Auslosung 1999 bekommen 38 008 Sieger für ihre fünf Richtigen nur je 379,90 Mark. Bei normalen Auslosungen wären es bis zu 10 000 Mark gewesen.

In 60 Jahren Lotto-Geschichte gibt es aber nur selten Pannen, Gewinner dafür immer. Seit Einführung des Euro hat Bayern 156 neue Lotto-Millionäre bekommen. Der höchste Einzelgewinn bringt im September 2009 einem bayerischen Spieler satte 31,7 Millionen Euro.

Für einige Lotto-Millionäre wird der Traum vom großen Geld jedoch zum Albtraum. Die bekannteste Geschichte ist wohl die von „Lotto Lothar“, der eigentlich Lothar Kuzydlowski heißt. Vor 21 Jahren gewinnt der Niedersachse, damals 48, 3,9 Millionen Mark. Er wird schlagartig berühmt: Der arbeitslose Teppichleger ist Deutschlands fröhlichster Glückspilz. Er kauft teure Autos, liebt Wodka und Frauen. Um seinen Hals baumelt eine Goldkette mit den drei Buchstaben „LLL“: für Lotto, Lothar und Lamborghini. Lothar Kuzydlowski hat ein Leben im Luxus gewonnen. Fünf Jahre später ist er tot. Er erliegt einer Leberzirrhose. Ehefrau Andrea streitet jahrelang vor Gericht um das Erbe. Lothar Kuzydlowski hatte sein Restvermögen an eine Urlaubs-Gespielin vermacht. Glück und Unglück liegen nah beieinander.

Auch für andere Sieger wird das Geld zum Fluch. 1997 gewinnt „Lotto-Claus“ aus Thüringen stattliche 750 000 Mark. Seine Immobiliengeschäfte werfen aber nicht genug Rendite ab, um das Lotterleben zu finanzieren. Claus W. wird zum mehrfachen Einbrecher. Er wandert für vier Jahre ins Gefängnis.

Schon der erste deutsche Lotto-Millionär hat unterm Strich weniger Glück als gedacht. Heinz W., damals 25, versäumt es, seinen Gewinn geheim zu halten. Das Haus der jungen Familie in Ostfriesland wird von zwielichtigen Ratgebern belagert, die ein Stück vom Lotto-Kuchen wollen. Heinz W. kauft ein Haus in einem anderen Ort und zieht um. Doch der 25-Jährige hat keine Erfahrung im Umgang mit viel Geld. Er vertraut den Ratschlägen von Freunden, steigt ins Immobiliengeschäft ein – und verliert. Faule Geschäfte lassen in 60 Jahren Lotto-Geschichte viele Gewinne zerrinnen.

Einen Lotto-Millionär haben Marianne Glockner und ihre Mitarbeiterin Hedwig Muth, 75, in ihrer Traunsteiner Annahmestelle noch nie gekürt. Zumindest wissen sie es nicht. Bei Gewinnsummen ab 2500 Euro verweist der Lotto-Computer die Sieger an die Zentrale, ohne die genaue Gewinnsumme zu verraten. Die Glückspilze reagieren unterschiedlich. „Wer es schon weiß, ist ganz staad“, sagt Hedwig Muth. „Nur wer überrascht wird, freut sich laut. Und wir freuen uns mit.“ Natürlich versuchen auch Hedwig Muth und Marianne Glockner ihr Glück. Bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Macht Lottospielen glücklich? „Nein“, sagt Marianne Glockner. „Mit Lotto verbindet man die Sehnsucht nach Glückhaben. Und für diese Hoffnung muss man bezahlen.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Alarm! Pest-Virus aus Tschechien - Angst auch in Bayern
Bayerns Schweinebauern blicken mit Sorge nach Tschechien: Dort häufen sich Fälle der Afrikanischer Schweinepest. Die ist zwar für Verbraucher ungefährlich – …
Alarm! Pest-Virus aus Tschechien - Angst auch in Bayern
Supermarkt-Mitarbeiter öffnen Bananenkisten - und machen seltsamen Fund
Ein Mitarbeiter eines Supermarktes räumt Bananen aus einer Kiste. Unter den Südfrüchten entdeckt er Päckchen - gefüllt mit Kokain. Bei diesem einen Fund bleibt es aber …
Supermarkt-Mitarbeiter öffnen Bananenkisten - und machen seltsamen Fund
Polizei nimmt Fernreisebusse ins Visier
Das Polizeipräsidium Oberbayern Nord beteiligte sich an einer bayernweiten Kontroll- und Fahndungsaktion. Dabei nahmen sie vor allem Fernreisebusse ins Visier. 
Polizei nimmt Fernreisebusse ins Visier
Schweinehoden an Haustür des Nachbarn gehängt
Ein jahrelanger Nachbarschaftsstreit in Unterfranken scheint zu eskalieren. Nun hat ein Mann seinem Nachbarn Schweinehoden an die Haustür gehängt. 
Schweinehoden an Haustür des Nachbarn gehängt

Kommentare