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Ministrieren ist in Altenau noch Männersache.

"Vergiftete Atmosphäre"

Mädchen am Altar: Wollte der Pfarrer keine Ministrantinnen?

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Altenau - Ein Mädchen will Ministrantin werden – 14 Burschen lehnen das ab und drohen mit Rücktritt. Im Dorf Altenau wird das Thema heiß diskutiert. Inzwischen ist das Mädchen woanders untergekommen. Aber hinter den Kulissen brodelt es.

In einem größeren Rahmen würde man vielleicht von personellen Konsequenzen sprechen. In diesem Fall ist es ein Rückzug aus Einsicht. Christian Staltmeir, bisher Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, hat seinen Posten abgegeben. „Es soll ein kleines Zeichen dafür sein, dass ich einen Fehler gemacht habe“, sagt er. „Was wir gemacht haben, war Diskriminierung.“

Staltmeir spricht über den Fall eines jungen Mädchens, das in dem Dorf Altenau im Kreis Garmisch-Partenkirchen Ministrantin werden wollte; bisher machen dort nur Burschen Dienst am Altar. Letzte Woche wurde bekannt, dass sich 14 von 23 Ministranten dagegen ausgesprochen hatten und damit drohten, ihren Dienst aufzugeben, sollte das Mädchen aufgenommen werden. Staltmeir, Pfarrer Rudolf Scherer und Pastoralreferent Andreas Häring entschieden sich, dem Druck nachzugeben – wie sie sagen, gegen ihren Willen.

Inzwischen ist das Mädchen Ministrantin im Nachbarort Saulgrub, der zum gleichen Pfarrverband gehört. Aber von Frieden kann keine Rede sein. Staltmeir sagt, im Ort sei eine „vergiftete Atmosphäre“ zu spüren. Das mag auch daran liegen, dass neue Vorwürfe im Raum stehen.

Rosmarie Vogt, 68, war sechs Jahre lang Mesnerin der Altenauer Kirche St. Antonius, außerdem saß sie im Pfarrgemeinderat. Sie sagt, im aktuellen Fall handele es sich nicht bloß um eine unglückliche Entscheidung. Vielmehr sei es seit Jahrzehnten gewollt, Mädchen vom Altardienst fernzuhalten. Im Pfarrgemeinderat, sagt sie, habe sie lange für Veränderung gekämpft. „Aber ich war allein auf weiter Flur.“

Ist das Problem tatsächlich ein grundsätzliches? Wer Altenau kennt, weiß um die starke Tradition im Ort – und nicht nur dort. Der Diözesan-Jugendpfarrer Daniel Lerch sagte dem Münchner Merkur vergangene Woche, dass es noch einige Pfarreien gebe, in denen aus Traditionsgründen nur Ministranten zugelassen seien. Damit gilt es umzugehen, auch als Seelsorger.

Trotzdem macht Ex-Mesnerin Vogt Pfarrer Scherer mitverantwortlich. Er kam 2010 als Seelsorger in die Gemeinde – Vogt war zu dieser Zeit nicht mehr im Pfarrgemeinderat, aber noch Mesnerin. Gleich beim ersten Zusammentreffen mit den Ministranten habe er ihnen versprochen, dass sie unter sich bleiben dürften. „Ich war schockiert“, sagt Vogt. Sie suchte die Aussprache und ließ Zeit vergehen. Als sich nach anderthalb Jahren nichts geändert hatte, kündigte sie. Mitte 2012 war das. Sie sagt: „Ich kann nicht mit jemandem zusammenarbeiten, der mich so verschaukelt.“ Daran, dass der Pfarrer ernsthaft etwas ändern will, glaubt sie noch heute nicht. „Die Mädchen in den übrigen drei Gemeinden langen ihm.“

Tatsächlich gibt es in Saulgrub, Bad Bayersoien und Bad Kohlgrub, den drei anderen Orten im Pfarrverband, längst Ministrantinnen. „Wir haben dort gute Erfahrungen gemacht“, sagt Pfarrer Scherer. Vogts Vorwürfe will er daher nicht auf sich sitzen lassen. Er habe weder ein Problem mit Mädchen, noch habe er den Ministranten etwas versprochen. Dass er dem Druck der Burschen nachgab, erklärt er ganz einfach: „Ich wollte niemanden verlieren.“

Die Diskussion elektrisiert viele Menschen. Auch Scherer hat teils böse Reaktionen bekommen. Dass das nicht spurlos an ihm vorbeigeht, ist ihm anzumerken. Anders als Staltmeir will er aber nichts von einem Fehler wissen. Man müsse die Ministranten eben langsam an Neues gewöhnen. Überhaupt sei das Problem neu – weil sich Mädchen bislang nicht für den Dienst interessiert hätten.

Dass sich daran nach der Diskussion etwas ändert, glaubt Vogt nicht. Staltmeir ist da optimistischer: „Ich bin mir sicher, dass wir nächstes Jahr Ministrantinnen in Altenau haben.“

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