Mädchen (3) nach falscher Diagnose im Rollstuhl

Hohenwart - Ein dreijähriges Mädchen erleidet einen Schlaganfall. Ohne das Kind zu sehen, stellt ein Arzt eine Diagnose - es ist die falsche. Seitdem sitzt Vanessa im Rollstuhl. Jetzt verklagt sie den Mediziner.

Bis sie drei Jahre alt war, war Vanessa (10) aus Hohenwart im Kreis Pfaffenhofen an der Ilm ein gesundes Mädchen, das gerne mit den Geschwistern spielte. Auch an einem Sonntag im März 2005 tollte sie mit ihrem Bruder Benedikt (heute 14) im Keller herum. Doch plötzlich konnte sie nicht mehr richtig gehen, sie torkelte. Vanessa hatte einen Schlaganfall erlitten. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl.

Nun verklagt sie einen Arzt aus dem Kreis Pfaffenhofen vor dem Oberlandesgericht (OLG) München wegen einer falschen Diagnose auf 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld sowie die noch folgenden Kosten.

Arzt verstand das Wort "torkeln" nicht

Nachdem das Mädchen nach dem Spielen nicht mehr richtig gehen konnte, rief Mutter Angelika Heinzig (37) einen Arzt, der Bereitschaftsdienst hatte. Der Arzt, dessen Muttersprache nicht deutsch ist, verstand das Wort „torkeln“ nicht. Daraufhin erklärte die Mutter: „Vanessa läuft wie ein Besoffener.“ Ohne das Mädchen gesehen zu haben, diagnostizierte der Doktor eine Lymphknotenschwellung. Er empfahl, ein Schmerzmittel zu geben, wenn das Kind Schmerzen habe.

„Ich war nicht zufrieden mit der Diagnose“, sagte Angelika Heinzig vor Gericht . Aber Vanessa habe nicht so krank ausgesehen, dass sie in die Klinik gefahren seien. Sie habe noch auf alles reagiert. Ihr sei zwar ein Becher aus der Hand gefallen. Aber die Mutter dachte sich: „Kindern fällt halt mal was runter.“

Am nächsten Morgen war klar, dass was Schlimmes passiert war. „Ich hatte morgens den Eindruck, dass ein ganz anderer Mensch im Bett lag“, sagte Vater Andreas Heinzig (38). Das Mädchen hatte eingenässt, reagierte nicht mehr, ging nicht mehr. Eine Kinderärztin wies die Dreijährige sofort in das Krankenhaus Neuburg an der Donau ein, wo ein Arzt sie den ganzen Tag auf Tablettenvergiftung behandelte. Erst abends machte man ein CT und erkannte: Schlaganfall.

Vanessa ist seitdem linksseitig spastisch gelähmt, kann nur kurze Strecken gehen. Sie ist lernbehindert, hat Wortbildungsstörungen und keine räumliche Wahrnehmung. Die Spastiken sind mit jedem Wachstumsschub schlimmer geworden. Der Arzt, der es versäumte, Vanessa sofort ins Krankenhaus zu schicken, erklärte vor Gericht, wie er zu seiner Diagnose gekommen war: Wenn sich Kinder beim Spielen an der Haut verletzen, könne es zu einer Wundinfektion kommen, die zu einer Schwellung der Lymphknoten an der Leiste führen könne. Er gab seine „falsche Diagnose“ zu. Er habe allerdings gesagt, dass sich die Familie wieder melden solle, wenn es Vanessa schlechter gehe.

Ein Gutachter erklärte: Wenn das Torkeln über einen gewissen Zeitraum bestehe, so müsse ein Arzt das Kind persönlich sehen oder es ins Krankenhaus einweisen. Das Landgericht Ingolstadt hatte die Klage in erster Instanz abgewiesen, weil auch bei sofortiger Einweisung der Gesundheitszustand angeblich kein anderer wäre. Der Prozess dauert an.

Nina Gut

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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