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„Was hier steht, ist ein Kulturgut.“ Manuel Haub (l.) und Stefan Kiesel vor der Kniebohshütte, die sie gerade renovieren. Es ist die vierte Berghütte, die sie vorm Verfall retten.

Ein Abenteuer der anderen Art

Zwei Männer geben alles auf - und retten Berghütten

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Aschau - Sie haben ihre Wohnung gekündigt. Sie schlafen zwischen Mäusen. Sie erfüllen sich gerade einen Traum. Manuel Haub, 26, und Stefan Kiesel, 27, sanieren verwahrloste Berghütten in Bayern .

In den Holztisch haben Manuel und Stefan sieben dicke Striche geritzt. Weil sie in den letzten Tagen sieben Mäuse gefangen haben. Draußen liegt das Geschirr im Brunnen. Die jungen Männer müssen noch spülen, gestern gab es Risotto, aber das ist Höchststrafe: Das Wasser ist eiskalt, es liegt ein halber Meter Schnee, hier oben an der winzigen Kniebohshütte unterhalb der Kampenwand. Drinnen in der Hütte brennt der Holzofen, aber warm wird es trotzdem nicht, eher weniger kalt. Man friert. Und friert. Brrrh. Kaum auszuhalten in dieser gottverlassenen, mausbewohnten Hütte.

Seit 30 Jahren war niemand mehr in dieser Berghütte

Ein neuer Boden für die Kniebohshütte im Chiemgau: Manuel Haub kümmert sich darum.

Nur Manuel Haub, 26, und Stefan Kiesel, 27, die frieren in diesem Moment nicht. Die schwitzen, weil sie hier arbeiten. Gerade verlegen sie den Boden, ein Brett klemmt. Stefan sagt: „Manu, versuch’s mit dem Brecheisen. Dann hast du mehr Druck.“ Guter Rat, mit dem Brecheisen haut’s hin. Die beiden leben hier oben, kein Witz, über den Holzbalken hängen ihre Schlafsäcke. Neben der Hütte haben sie sich ein abenteuerliches Plumps-Klo gebaut. In der Hütte ist es staubig, eng, Werkzeuge liegen rum, Bretter, Zigaretten, ein paar Flaschen Augustiner, ein Espresso-Kocher. Spinnen die? Ja, aber nur ein bisschen.

Manu und Stefan renovieren marode, unbewohnte bayerische Berghütten, das hier ist ihre Nummer vier. Kaum zu glauben, aber großes Handwerker-Ehrenwort drauf: Manu und Stefan machen das umsonst. Sie dürfen in den zugigen Hütten, die den Bayerischen Staatsforsten gehören, übernachten, Material kriegen sie gestellt, aber das war’s. Reich wird hier keiner, zumindest so lange man mit Reichtum Geld verbindet. Dafür erfüllen sich die jungen, mehrtagebärtigen Männer einen Traum.

Große Worte nerven ja oft, aber hier passen sie. Auf der Kniebohshütte hoch über Aschau am Chiemsee geht es in diesen Tagen um drei Dinge: Freiheit. Heimat. Freundschaft. Hört sich kitschig an. Soll es auch. Eigentlich studieren beide an der Hochschule Rosenheim, Studienrichtung Holztechnik und Bau. Manu ist Zimmermann, Stefan Schreiner. Aber jetzt haben sie ein Semester freigenommen, sie haben ihre Wohnungen in Rosenheim gekündigt und sind mit ihrem Handwerkszeug, dem Bohrer, der Säge und hundert anderen Sachen in die Berge gezogen. Meistens schlafen sie auf der Hütte. „Wir sind Vagabunden der Berge“, sagt Manu. Manchmal zieht es sie für eine Nacht auch wieder ins Tal, dann übernachten sie bei Freunden auf der Couch.

Es war Rotwein im Spiel, als sie beschlossen, Hüttenretter zu werden

Ein Abenteuer? Klar. Eine Schnapsidee? Natürlich. Sonst kommt man auf so was nicht. Allerdings haben sie Rotwein getrunken, als sie beschlossen, Hüttenretter zu werden. Abgefahrener Plan.

„Ich bin eine Möbel-Sau.“ Stefan Kiesel liebt es, Holzregale und Betten zu bauen.

Andere laufen sich auf dem Jakobsweg die Fersen blutig oder ziehen für drei Monate auf eine Aussteiger-Insel in Südostasien, um sich selber näher zu kommen. Stefan und Manu bauen bayerische Berghütten wieder auf. Manchmal liegen die größten Abenteuer des Lebens ums Eck. Man muss sie nur finden.

Vor ein paar Wochen waren sie zum ersten Mal in der über 100 Jahre alten Kniebohshütte. Die Holzhütte sah furchtbar aus. Sie mussten sie erstmal ausmisten. Es roch nach Moder. Sie haben Möbel verbrannt, geputzt, entstaubt. Sie haben eine jahrzehntealte Flasche Rapsöl gefunden, die die Mäuse angeknabbert haben. Ein staubiger Bierkrug lag rum. Eine Schützenscheibe. Ein roter Wecker. Die letzten Zeichen, dass hier früher mal Holzfäller oder Jäger übernachteten. Aber seit bestimmt 30 Jahren hat kein Mensch mehr einen Fuß in diese Holzhütte irgendwo im Chiemgau getan.

Zum Frühstück auf der Hütte gibt es Ingwertee

Manu und Stefan haben sogar ein Erotikheftchen mit hüllenlosen Schönheiten aus den frühen 1980er-Jahren gefunden. Muss der letzte oder vorletzte Bewohner vergessen haben. Mit dem Heftchen haben die Hüttenretter das Holz angezündet. Weil die jungen Leute von heute noch Anstand haben, vielleicht sind sie aber auch nur praktisch veranlagt. Eine warme Stube ist wichtiger als ein paar Nackerte.

Frischrenovierte Schönheit: die Schlegelalm Hütte in den Berchtesgadener Alpen.

Frühstückspause auf der Kniebohshütte. Es gibt schwarzen Kaffee, Ingwertee und selbstgedrehte Zigaretten. Stefan Kiesel sagt: „Man geht sich auf den Geist, wenn man keine konkrete Aufgabe hat.“ Deswegen haben sie sich die Renoviererei ausgedacht. Die beiden wollten unbedingt ein paar Monate in die Berge. Eine Auszeit vom Alltag nehmen. Sie wollten Skitouren gehen, auf einer Hütte leben, in der Natur sein, frei sein. Also haben sie Zeitungsannoncen geschaltet: „Zwei Studenten der FH Rosenheim suchen Berghütten zum Herrichten.“

Erst meldet sich niemand, dann eine Frau vom Tegernsee. Sie hätte da ein interessantes Projekt, sagt sie am Telefon. Eine Hütte, die dringend umsonst von zwei Handwerkern aufgehübscht werden müsste. Stefan und Manu fragen nach, wo die Berghütte denn stünde. Die Frau antwortet: „In meinem Garten.“

Dreist, die Studenten lehnen dankend ab. Sie schicken E-Mails rum, fragen beim Jagdverband, beim Almwirtschaftlichen Verein, aber glücklich werden sie erst, als sie sich bei den Bayerischen Staatsforsten melden. „Die haben sauschnell reagiert“, sagt Manu Haub. Hüttenretter trifft auf Kaputte-Hütten-Besitzer. Ein Glücksfall – für beide Seiten.

Der erste "Patient" ist über 100 Jahre alt

Kurz später, es ist Herbst, stehen Manu und Stefan vor ihrem ersten Patienten, der über 100 Jahre alten Anthauptenhütte bei Bad Reichenhall. Sie liegt auf 1250 Metern und ist nur über einen 20 Grad steilen Forstweg zu erreichen. Tagelang sägen, graben, schindeln und schrauben die beiden. Die Finger bluten, die Hände sind zerschunden. Sie legen Böden und bauen Fenster ein, sie setzen Trennwände ein und bauen Möbel. Als Belohnung gibt’s Dosenravioli und Weißwein.

Eines Abends bauen sie sich sogar ihre eigene Dusche – mit einem Benzinkanister, einem Gasbrenner und ein paar anderen Hilfsmitteln. Das Wasser, das rauskommt, ist heiß und ölig. Glück? Ja, so fühlt sich Glück an. Heiß und ölig.

Es folgen die Röthelbachhütte, die Obere Schlegelalm und eben die Kniebohshütte, die gerade an der Reihe ist. Es ist ihre letzte Hütte, mehr schaffen sie nicht. Sie müssen wieder studieren. Im März beginnt das Semester.

Stefan Kiesel trinkt noch einen Schluck Kaffee, klopft auf den Tisch mit der Mäuse-Fangstatistik und sagt: „Das, was hier steht, ist ein Kulturgut. Wenn es verfällt, dann ist es weg.“ Es gibt mehr todgeweihte Hütten in Bayerns Bergen, als man sich vorstellen kann. Halbverfallene Bauten, um die sich keiner kümmert. Ihr Ansprechpartner bei den Staatsforsten hat zu Manu und Stefan gesagt: „So alt werdet ihr nicht, dass alle Hütten fertig werden, die man renovieren müsste.“

Jemand will eine Doku über die Hüttenretter drehen

Aber wenigstens vier haben sie gerettet. Manchmal tragen sie das Werkzeug und das Material im Rucksack selber hoch, eine mordsmäßige Schinderei. Manchmal kommt der Helikopter.

Beschwerlicher Weg zur Hütte: Manchmal tragen sie das Material selber auf den Berg.

Das Hütten-Projekt ist so herrlich verrückt, so erdig, so sinnvoll. Man glaubt es kaum, wenn man zum ersten Mal davon hört, dass wer freiwillig in die Kälte zieht, um dort gratis zu schuften. Aber es gibt Beweise: Ein Bekannter begleitet die Hüttenmänner mit der Kamera. Mit ein bisschen Glück läuft der Dokumentarfilm bald auf dem einen oder anderen Filmfest. Hoffentlich tut er das.

Manu Haub, Spezialgebiet Holzbau, deutet in den Raum rein. Noch ist es ungemütlich, leer, die Hälfte des Bodens fehlt. Aber der angehende Ingenieur hat sie schon im Blick, die Zukunft der Kniebohshütte. „Zwei Stockbetten“, sagt er, „für vier Personen werden hier bald stehen.“ Außerdem ein raumhohes Regal, eine Ofenbank und eine Anrichte. Alles handgemacht, alles Maßarbeit. Schon bald soll die Hütte für Jedermann offen stehen. Skitourengeher, Wanderer, Bergsteiger, alle sollen sie bei den Staatsforsten tageweise mieten können. Dann lebt die Hütte wieder. Wie früher. Ein sehr, sehr gutes Gefühl.

Stefan dreht sich zu seinem Spezl Manu. Er sagt: „Alter, ich freue mich nachher schon auf die Skitour.“ Aber bevor die Mäuse sturmfrei haben und die beiden sich die Ski anschnallen, wollen sie den Boden fertig verlegen.

Erst das eine Vergnügen, dann das andere. So ticken die jungen Leute von heute.

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