In Dinkelsbühl

Skurriles Seminar: Männer schreinern ihren Sarg

Dinkelsbühl - Nur was für starke Nerven: Beim Kurs "ewigleben" des evangelischen Männerwerks Bayern schreinern die Teilnehmer in Dinkelsbühl ihren eigenen Sarg.

„Jetzt wirst du langsam skurril“, haben manche Freunde von Alois Bollwein gesagt, als sie hörten, dass er seinen eigenen Sarg schreinern will. Der Tierarzt hat sich zum Kurs „ewigleben“ des evangelischen Männerwerks Bayern angemeldet. In dem Seminar wollen die Teilnehmer am kommenden Wochenende „über die eigene Endlichkeit nachdenken“ – und in Dinkelsbühl eben ihren eigenen Sarg bauen, sagt der Leiter der Männerarbeit, Pfarrer Günter Kusch.

Die Themen Tod und Sterben seien für Männer immer noch tabu, stellt der Pfarrer fest. Das liege an der Erziehung unter der Devise „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Aber es gebe gesellschaftliche Veränderungen. Männer würden immer häufiger Empfindungen zugeben, „da tut sich sehr viel“.

Aber über solche schwierigen Themen sprechen Männer nicht in einem Café oder beim Stammtisch, sondern bei der Arbeit „Schulter an Schulter“, erklärt Kusch. Deshalb wird am kommenden Wochenende in einer Dinkelsbühler Schreinerei gesägt und gehobelt, die Bretter für die Särge zugeschnitten und vernutet. „Wir arbeiten an großen Maschinen, vernuten und verzieren und am Ende steht der fertige Sarg da.“

Die Teilnehmer aus ganz Bayern sollen jeweils zu viert einen Holzsarg bauen. Dieser kann aus Pappelholz sein, aus Eiche oder Mahagoni. Man könnte aber auch einen bunten Design-Sarg bauen.

Kurs endet mit einem Gottesdienst

Das Kurs-Programm umfasst aber noch mehr: Die Männer besuchen beim Licht ihrer Taschenlampen den Friedhof von Segringen mit seinen markanten schwarzen Holzkreuzen. Bei einem kreativen Workshop fertigen sie ein Totenbrett oder schreiben ihre eigene Grabrede.

Für Alois Bollwein sind das alles keine Aufgaben, die ihn abschrecken. Er kommt vom Dorf und war Ministrant, erzählt der Tierarzt aus Altenfurt. Die Toten seien früher in der Kirche aufgebahrt gewesen. „Ich fand das immer faszinierend, man konnte so viel sehen in ihren Gesichtern. Ich habe immer schon gerne über den Tod gesprochen“, sagt Bollwein.

Am Lagerfeuer beim gemeinsamen Kajakurlaub habe er solche Gespräche auch mit seinem Freund Dirk Herzing geführt. Auch der kommt zum Seminar mit. „Das sind Themen, mit denen muss ich mich auseinandersetzen“, sagt der 53-Jährige. „Die letzten 20, 30 Jahre sind wie im Flug vergangen. Das zeigt mir, dass es Zeit wird, sich auf das Thema vorzubereiten.“

Auf einer Warteliste für den Kurs stehen 15 Interessenten. 16 Männer haben einen Platz bekommen. „Es sind oft Männer an Wendepunkten“, beschreibt Kusch die Interessenten an dem Kurs. Der Beruf entwickle sich zwar gut, aber die Kinder haben das Haus verlassen, ein Bekannter oder die Mutter sei gestorben. „Dann merken sie, dass das jetzt noch nicht alles gewesen ist, sie fragen sich, was sie sich noch vornehmen.“

Der Kurs endet mit einem Gottesdienst, bei dem jeder der teilnehmenden Männer einen Brief an sich selber schreibt, „über das was er noch anfangen will mit seiner Zeit“, erklärt der Theologe Kusch. Einer habe ihm erzählt, dass er sich noch mit einer Schwester aussöhnen will, und „einer sagte, er will noch das Fliegen lernen“.

Jutta Olschewski

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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