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Tradition ist Tradition: Kräftige Burschen stellen mit Scheren einen Maibaum in München-Aubing auf.

Achtung, morsche Mai-o-Mai-Bäume!

München - Alle drei Jahre spricht Georg Wagner ein Todesurteil. Das ist manchmal traurig, aber immer notwendig. Wagner ist Maibaumprüfer. Ist ein Baum morsch, kennt er kein Pardon.

In seinen 20 Jahren als offizieller TÜV-Süd-Maibaum-Prüfer hat der Münchner Georg Wagner (55) schon viele morsche Maibäume gesehen. Doch an seinen allerersten Maibaum, „irgendwo im Münchner Umland“, an den kommt nichts ran. „Der stand zu dem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren“, sagt Wagner, „ich habe den Leuten dort gesagt, ’wenn ich jetzt hier weggehe, dann schneidet ihr den sofort um’“. Viel sei von dem Maibaum nach einer Dekade Regen und Wind ohnehin nicht mehr übrig gewesen.

Fünf bis zehn Maibäume kontrolliert Wagner im Jahr, Schwerpunkt ist Oberbayern. „Alle drei Jahre lassen wir einen umschneiden“, sagt er. Wenn der Baum an wichtigen Stellen morsch ist, kennt Wagner kein Pardon. Dem Maibaum-Kontrolleur ist kein Baum zu hoch, als dass er sich nicht auch noch die Spitze anschauen würde. „Ich muss ja sehen, ob die Schilder oben noch in Ordnung sind“, sagt er. Die Bäume trocknen nach dem Fällen nämlich relativ schnell aus, es entstehen dann sogenannte Schwindrisse – die Schrauben müssen nachgezogen werden.

Wagner kraxelt aber nicht hoch. Er bestellt die örtliche Feuerwehr. Wenn sie nicht ohnehin schon da ist. Denn wenn der TÜV zum Maibaum kommt, dann kann es um viel gehen. Um die Ehre, das Ansehen. Um Geld. In Ottobrunn (Kreis München) ließ der TÜV 2011 einen Baum umsägen. Die Bürger kamen, um ihm das letzte Geleit zu geben. „Zweifel an der Stabilität“, hieß es damals. Das sollte nicht noch einmal passieren. Nachdem dann vor wenigen Wochen noch ein Brief der Behörden reinkam, doch bitteschön die Sicherheitsvorschriften bei öffentlichen Veranstaltung zu beachten, stöberte die Gemeinde in ihren Akten. Sie fand den alten Bauantrag, der neun Bolzen zur Befestigung des Baumes vorsah, und nicht, wie über die Jahre geschehen, mit fünf.

Und dann war auch noch das Betonfundament nicht mehr das, was es sein sollte. Schnell gossen die Ottobrunner ein neues, um am 1. Mai nicht die eine Gemeinde in Bayern zu sein, die keinen Maibaum aufstellen darf. 10.000 Euro waren dafür schnell weg.

Georg Wagner kennt diese Fälle. Wie viel Bolzen ein Baum braucht, lässt sich pauschal nicht sagen. „Das hängt natürlich von der Größe ab“, sagt er. Genauso wie die Frage nach dem richtigen Fundament – oder ob es schon reicht, den Baum nur einzubuddeln. Es gibt kein spezielles Maibaumgesetz. Also keine direkte rechtliche Regelung, wie viele Bolzen, wie viel Beton sein müssen, wie hoch ein Baum sein darf.

Was die Kontrolle angeht, gibt es Empfehlungen. Jedes Jahr wird der Baum von einem Fachkundigen geprüft, jedes zweite Jahr von einem Sachkundigen, und alle drei Jahre vom TÜV. Die Versicherungskammer Bayern bietet für die Sachkundigen sogar spezielle Maibaum-Gutachter-Kurse an. Ein Professor für Holzkunde schult dabei den Blick der Bauhofmitarbeiter für morsche Stellen. Georg Wagner sagt, dass die meisten Maibäume nach drei Jahren immer das gleiche Problem haben: Pilzbefall. Durch die Schwindrisse dringt Feuchtigkeit in den Stamm, Pilze breiten sich aus und machen das Holz morsch. „Viel machen kann man dagegen nicht“, sagt Wagner. Imprägnieren ist eine Möglichkeit – wenn auch eine wenig praktikable. „So große Wannen gibt es eigentlich nicht, das funktioniert nur bedingt.“ Außerdem ist es günstiger, einen neuen Maibaum aufzustellen.

Bei aller Genauigkeit, die Wagner in seinem Job braucht, ein Technokrat ist er nicht. Er habe davon gehört, dass sie in Niederbayern einen Maibaum aus Stahl aufgestellt haben. Der wird natürlich nicht morsch, „aber das widerspricht der Philosophie des Maibaums“.

Patrick Wehner

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