Bergdrama: Student stirbt vor Augen seines Bruders

Kreuth - Ein 27-jähriger Student ist bei der „Blauberg-Tour“ nahe Kreuth (Kreis Miesbach) an Erschöpfung gestorben. Bis zuletzt versuchte sein fünf Jahre jüngerer Bruder, ihn zu retten – vergeblich. Hier ist die Geschichte der dramatischen Hilfsaktion.

Am Sonntagvormittag waren sie aufgebrochen. Es war gegen 11 Uhr – und es war ein bitterkalter Tag. Die beiden Brüder (27 und 22 Jahre) hatten eine lange und anspruchsvolle Tour vor sich: Sie wollten über die Wolfsschlucht zur Halserspitze. Die Halserspitze ist der höchste Gipfel der Tegernseer Berge, sie liegt auf 1862 Höhenmetern – und je höher die jungen Männer stiegen, umso steiler wurde das Gelände. „Der Schnee war hart und glatt“, sagt ein Polizeisprecher. „Es waren sehr schwierige Bedingungen.“ Nur 150 Meter vor dem Ziel stürzte der Ältere ab und blieb verletzt in einer Bergrinne liegen.

Der Jüngere stieg vorsichtig zu seinem Bruder hinab, half ihm nach oben. Die beiden schleppten sich weiter zur Wenigberghütte. Auf dem Weg fielen sie immer wieder hin – sie waren so geschwächt. Als sie ankamen, war die Hütte geschlossen. Der 27-Jährige brach zusammen. Er war stark unterkühlt, völlig erschöpft.

Sein Bruder versuchte ihn zu reanimieren – vergeblich. Er wollte Hilfe rufen, doch sein Handy war tot – ein Funkloch, heißt es. Irgendwann machte sich der Jüngere allein auf ins Tal, um die Rettungskräfte zu alarmieren. „Er hat alles Menschenmögliche für seinen Bruder getan“, sagt Martin Stumpf, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Rottach-Egern. „Es ist eine Tragödie.“

In der Zwischenzeit hatten die Eltern, die in Bruckmühl (Kreis Rosenheim) leben, ihre erwachsenen Söhne bei der Polizei als vermisst gemeldet – die jungen Männer wollten spätestens am Sonntag um 18 Uhr zurück sein, gegen 22 Uhr waren sie immer noch nicht da. Eine Einsatztruppe der Polizei und der Bergwacht sowie eine Hubschrauberbesatzung suchten bis zum frühen Montagmorgen nach den beiden – ohne Erfolg. Ihre Spuren hatten sich in der Dunkelheit verloren. Den Einsatzkräften gelang es zwar, das Handy des Älteren zu orten, doch der Verunglückte trug es längst nicht mehr bei sich – es war ihm aus der Tasche gefallen, als er abstürzte.

Erst gegen 4.45 Uhr am Montag in der Früh erreichte der Jüngere eine Gaststätte in der Gemeinde Kreuth. Hilfskräfte brachten den 22-Jährigen sofort in eine Klinik im Kreis Miesbach. Er soll inzwischen „auf dem Weg der Besserung“ sein, heißt es. Für den Älteren kam jede Hilfe zu spät – der Notarzt konnte an der Hütte nur noch seinen Tod feststellen.
Die Stelle, an der der Ältere abgestürzt war, sei eine „besonders gefährliche Querung“, sagt Bergwacht-Bereitschaftsleiter Stumpf – immer wieder passiere dort etwas. Die beiden jungen Männer sollen jedoch keine Anfänger gewesen sein, sie hatten die Tour schon einmal zusammen bewältigt.

Der Ältere der Brüder hat in Kiel studiert; dort soll Gerüchten zufolge auch sein Zwillingsbruder leben. Der Jüngere, der in Aying nahe München wohnt, arbeitet bei der Bereitschaftspolizei in München. Wann er aus dem Krankenhaus entlassen wird, blieb zunächst unklar. Er steht unter Schock. Genauso wie seine Eltern.

Barbara Nazarewska und Gabi Werner

Rubriklistenbild: © dpa

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