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Eine Lenggrieserin mit Umweltbewusstsein: Marisa Neumeister verzichtet so gut wie möglich auf Plastik.

Im Auftrag des Umweltschutzes

„Zero Waste“ - Marisas Kampf für eine plastikfreie Welt

Plastik ist überall: In der Kleidung, im Shampoo, im Waschmittel. Versuche, den Abfall zu reduzieren, gibt es viele. Die Lenggrieserin Marisa Neumeister hat ihre eigene Taktik.

Lenggries – Wenn Marisa Neumeister, 26, auf ihrem Weg zum Zug nach München kurz in ihrem Lieblingscafé in Lenggries bei Bad Tölz vorbeischaut, weiß die Verkäuferin Bescheid. Den Pappbecher samt Plastikdeckel kann sie neben der Espressomaschine stehen lassen. Marisa Neumeister hat ihren eigenen Becher dabei, aus Keramik. Darin füllt die Verkäuferin Espresso und geschäumte Milch. Deckel zu. Fertig. Marisa Neumeister trinkt ihren Coffee-to-go immer so. Auf Plastik verzichtet die Lenggrieserin so gut es geht – der Umwelt zuliebe.

Kein typischer „Öko-Typ“

Marisa Neumeister ist nicht das, was viele unter einem „Öko-Typen“ verstehen. Mit ihrer blonden Bob-Frisur, den lässigen Klamotten könnte sie auch in einer Boutique arbeiten. Tatsächlich macht sie etwas mit Mode: Sie leitet die Fachstelle für Jugendkultur beim Bezirksjugendring in Oberbayern, nebenbei aber betreibt sie den Blog „Myfairladies“. Einst kaufte sie ein wie so viele junge Frauen: „Ich konnte früher nicht an den großen Modeketten vorbeigehen“, sagt sie. Doch spätestens nach dem Einsturz des Fabrikgebäudes 2013 in Bangladesch mit 1000 toten Arbeiterinnen sind die „für mich gestorben“, sagt sie. Im Mittelpunkt ihres Blogs steht Kleidung, die fair produziert wurde und ausschließlich aus ökologisch abbaubaren Fasern besteht.

„Zero Waste“ im Aufschwung

Damit trifft Marisa Neumeister einen Nerv: Immer mehr Menschen wollen auf Plastik verzichten. In Großstädten wie Berlin oder München gibt es längst Läden, in denen man wie anno dazumal einkaufen kann: Umweltbewusste füllen dort Nudeln oder Reis in mitgebrachte Vorratsgläser. Seife gibt’s am Stück, wenn überhaupt, ist sie in Papier eingewickelt. Plastik ist tabu. „Zero Waste“, also „null Müll“ heißt die Bewegung. Sie boomt, weil viele die Bilder von gigantischen Müllbergen und Tieren im Meer, die qualvoll verenden, weil sie Tüten, Spielzeug und Dosen im Darm haben, nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Laut der Schweizer Umweltstiftung WWF schwimmen in jedem Quadratkilometer der Meere zehntausende Teile Plastikmüll. 

Und der bleibt. Für lange Zeit. Erst nach ein paar hundert Jahren baut sich Plastik ab. Und der Müll wird immer mehr. Dem Umweltbundesamt zufolge fielen 2014 fast 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an. Verpackungen aus Papier, Pappe oder Karton haben dabei den größten Anteil mit etwa 8,1 Millionen Tonnen. Auf Platz zwei sind Verpackungen aus Kunststoff (2,9 Millionen Tonnen). Angesichts dieser Zahlen hat mittlerweile auch der Einzelhandel reagiert: Der Handelsverband Deutschland verpflichtete sich 2016 dazu, dass Plastiktüten kostenpflichtig werden. Der Discounter Penny hat sich heuer ganz von der Plastiktüte verabschiedet und bietet seinen Kunden Rabatte, wenn sie mit der Penny-Permanenttragetasche aus Recyclingmaterial einkaufen.

Umweltschutz fängt schon bei der Kleidung an

Marisa Neumeister findet: „Nicht nur beim Weglassen von Verpackungen fängt Umweltschutz an.“ Sondern schon bei der Kleidung. Was viele nicht wissen: Auch mit Mode kann man Plastikmüll vermeiden. „Tatsächlich sind Kunststoffe ein großer Bestandteil unserer Kleidung“, sagt Johannes Schroeter, Professor für Kunststofftechnik an der Hochschule Rosenheim. „Der Klassiker ist der Nylon-Strumpf.“ Der ist aus dem gleichen Werkstoff wie der Fischerdübel. Und Polymere sind heute in fast allen Kleidungsstücken, die eng anliegend, wasserdicht oder atmungsaktiv sind. Auch in Shampoos, Waschmitteln, Zahnpasta oder Duschgels sind Kunststoffmoleküle, die die Pflegemittel dickflüssig werden lassen. „Sonst würde es wie Wasser aus der Flasche laufen“, sagt Schroeter. Das Plastik aus Kosmetik und auch Kleidung landet im Abwasser.

Freilich ist Plastik nicht nur Teufelszeug. Kunststoffe haben den Alltag der Menschen vereinfacht. „Entsorgt man sie richtig, stellen sie kein großes Problem dar“, sagt Schroeter. Doch was ist mit den mikroskopisch kleinen Molekülen, die man nicht zum Wertstoffhof fahren kann? „Die Forschung setzt sich mit dem Problem intensiv auseinander“, sagt der Professor. Man arbeite intensiv an biologisch abbaubaren Kunststoffen. Das Problem: Sie sind viel teurer als die erdölbasierten Kunststoffe.

Ein Bakterium, das Plastik verdaut

Professor Schroeter glaubt an eine natürliche Lösung für die Entsorgung. Er ist davon überzeugt, dass sich Bakterien den Kunststoffen anpassen und sich irgendwann von Plastikpartikeln ernähren werden. Tatsächlich wurde 2016 in Japan „Ideonella sakaiensis“ entdeckt, ein Bakterium, das Polyethylenterephthalat (kurz: PET) verdauen kann. Und spanische Forscher entdeckten jüngst sogar eine Raupe, die den Kunststoff Polyethylen, der vor allem für Plastiktüten verwendet wird, unbeschadet frisst.

Die ersehnte Lösung für die riesigen Abfallmengen? Darauf will Marisa Neumeister lieber nicht setzen. Sie sieht die Lösung darin, dass die Menschen ihre Gewohnheiten umstellen. Nur: Auf dem Land, wo es eben keine plastikfreien Läden gibt, ist das nicht immer einfach. Das nächste Geschäft ist in Weilheim, 44 Kilometer entfernt. „Das ist von der Ökobilanz her auch ein Schmarrn“, sagt sie. Sie setzt sich dafür ein, dass sich das ändert. Seit ein paar Monaten ist die Lenggrieserin Teil eines Fördervereins, der mit dem Bund Naturschutz einen umweltfreundlichen Laden in Bad Tölz eröffnen will. „Oberland Plastikfrei“ soll er heißen. Wann das Geschäft eröffnen kann, steht noch nicht fest. „So bald wie möglich“, sagt Diana Messmer vom Bund Naturschutz, die das Projekt mitbetreut.

Ein Hoffnungsschimmer für Marisa Neumeister. Es gibt nämlich immer wieder Momente, in denen sie verzweifeln könnte. Wenn in einem Café der Aperol Spritz mit zwei Plastik-Strohhalmen serviert wird. „Wozu braucht’s die?“, fragt sie. Dann gibt’s aber auch die Momente, in denen sie merkt, dass sie etwas bewirkt hat. Zum Beispiel, wenn sich eine Freundin ihren ersten Mehrfach-Kaffeebecher gekauft hat. Kleine Schritte, aber immerhin.

Von Magdalena Kratzer

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