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Eine 250 Kilo schwere Nervenprobe: Martin Tietjen kann nicht mehr schätzen, wie viele Bomben er bereits entschärft hat. Dieses Foto entstand 2014 nach einem Einsatz in Weilheim. Die Bombe, die er in Rosenheim entschärft hat, war genauso groß.

Sprengstoff-Experte Martin Tietjen

Er ist Bayerns Bomben-Bändiger

Rosenheim - Wenn Martin Tietjen irgendwo in Oberbayern seine Arbeit macht, kommt es vor, dass eine ganze Stadt den Atem anhält. Der 39-Jährige ist Sprengmeister.

Martin Tietjen ist gedanklich gerade tief im Jahr 2014 versunken, als Dienstagnachmittag um halb zwei sein Handy klingelt. Er sitzt in seinem Büro am Schreibtisch, um eine Jahresbilanz seiner Einsätze zu erstellen, als ihn die Rosenheimer Polizei anruft. Noch bevor er auflegt weiß er, dass sein Arbeitstag heute einige Stunden länger dauern wird, als er morgens dachte. Und dass die Jahresbilanz heute wohl wieder einmal liegenbleibt.

Tietjen ist Truppführer des Kampfmittelräumdienstes. Wenn in Oberbayern ein Blindgänger aus dem Krieg entdeckt wird, dauert es meistens nicht lange, bis sein Handy klingelt und er mit seinen Kollegen vom Sprengstoffkommando München unterwegs ist. Das sind Tage, an denen Tietjens meistens erst spät nachts nach Hause kommt. Und hundemüde. „Wenn die stundenlange Anspannung abfällt, schlafe ich immer ziemlich gut“, sagt er und schmunzelt.

Die Bombe am Rosenheimer Bahnhof hatten Tietjens und sein Team innerhalb von 40 Minuten entschärft. Es waren 40 Minuten, in denen er zwar hochkonzentriert, aber kein bisschen nervös war. „Für Emotionen ist in solchen Momenten kein Platz“, sagt er. Da ist ein kühler Kopf gefragt und ruhige Hände. Martin Tietjens hat beides. Wenn sich die Einsatzkräfte aus der Evakuierungszone zurückziehen, und er mit seinem Kollegen und der Bombe allein ist, schaltet er auf rein analytisches Denken um, erzählt er. Dann geht’s nur noch darum, in welchem Zustand die Bombe ist, wie tief sie in der Erde liegt und mit welcher Art Blindgänger er es zu tun hat. „Wir arbeiten uns ganz ruhig Schritt für Schritt vor“, sagt er. Ganz ohne Kribbeln im Bauch.

Naja, bei der ersten Entschärfung, bei der er allein die Verantwortung hatte, war das vielleicht noch anders, gibt Tietjen zu. Das war vor vielen Jahren bei einem Bombenfund in Ingolstadt. Alles lief nach Plan. Aber an diesem Abend, das weiß er noch, konnte er nicht sofort einschlafen, als er nach dem Einsatz nach Hause kam. Zu viel Adrenalin.

Starke Nerven hatte Martin Tietjen eigentlich schon immer. Ist allerdings nicht seine einzige Stärke. Deshalb hat er nach der Schule erstmal eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Es war eher Zufall, dass er letztendlich Sprengstoff-Experte geworden ist. „Ich hab’ als junger Kerl einen Job gesucht“, erzählt er. „Irgendwie bin ich dann beim Sprengstoffkommando hängengeblieben.“ Vielleicht, weil sein Vater auch Sprengmeister war. Martin Tietjen hat als Kind nie Angst um ihn gehabt – er hat darauf vertraut, dass sein Vater weiß, was er tut. So wie er selbst heute weiß, was er tun muss, damit die Blindgänger sicher abtransportiert werden können. „Das Risiko in meinem Beruf ist kalkulierbar – und nicht größer als das Risiko, mit dem Feuerwehrler oder Polizisten ihre Arbeit machen.“

Ein reiner Bürojob – das wäre nichts für Martin Tietjen. „Die Abwechslung, das Unplanbare ist das schönste an meinem Beruf“, sagt er. Er ist sicher, dass er noch eine ganze Menge abwechslungsreicher Einsätze vor sich haben wird. „Es liegen noch so viele Blindgänger unter der Erde, dass zumindest meine Generation noch lange mit dem Entschärfen beschäftigt sein wird.“

Katrin Woitsch

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