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Nach dem Missbrauchsgutachten: Jetzt spricht Kardinal Marx

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Von: Claudia Möllers

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Kardinal Marx spricht bei der Pressekonferenz in München
Kardinal Marx entschuldigt sich bei Missbrauchsopfern und Gläubigen. © Sven Hoppe

Kardinal Marx bleibt nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachten im Amt – vorerst. Doch er klebt nicht an seinem Amt. Ein Rückzug ist immer noch möglich.

München – Die Januar-Sonne täuscht. Es ist frostig an diesem Donnerstag in München-Schwabing. „Kinderficker“ hat jemand mit roter Farbe an die Wand der Katholischen Akademie in Bayern gemalt. Dort, wo Kardinal Reinhard Marx wenig später erstmals öffentlich Stellung beziehen wird zu dem Missbrauchsgutachten, das seit einer Woche die katholische Kirche erschüttert. Die Verantwortlichen der Akademie haben die Verbal-Attacke nicht übermalt, denn sie wissen: Den Missbrauchsskandal einfach wegzuwischen, wäre ein schlimmer Fehler.

Zu seinen Fehlern, seiner Schuld bekennt sich dann in der Akademie auch der Münchner Erzbischof. Mit gerötetem Gesicht hält er sein Statement, zeigt sich erschüttert und einsichtig auch über eigene Fehler im Umgang mit Missbrauchsopfern. „Unverzeihlich“ sei, dass es in der Kirche kein wirkliches Interesse am Leiden der Betroffenen gegeben habe.

Kardinal Marx bei seinem Bericht zum Missbrauchsgutachten.
Kardinal Marx entschuldigt sich bei Missbrauchsopfern und Gläubigen. © AFP

Erst gegen Ende seiner Ausführungen beantwortet er die Frage, die sich alle seit einer Woche stellen: Wird er dem Papst ein zweites Mal seinen Rücktritt anbieten? So, wie bei der überraschenden Aktion im Frühsommer 2021? Doch Marx will bleiben – zumindest vorerst. „Ich bin bereit, auch weiterhin, meinen Dienst zu tun, wenn das hilfreich ist für die weiteren Schritte, die für eine verlässlichere Aufarbeitung, eine noch stärkere Zuwendung zu den Betroffenen und für eine Reform der Kirche zu gehen sind“, sagt er.

Kardinal Marx prangert Klerikalismus an

Und dann kommt das „aber“: „Falls ich den Eindruck gewinnen sollte, ich wäre dabei eher ein Hindernis als Hilfe, werde ich das Gespräch mit den entsprechenden Beratungsgremien suchen und mich kritisch hinterfragen lassen.“ In einer synodalen Kirche werde er diese Entscheidung nicht mehr mit sich allein ausmachen.

Der Kardinal spart nicht an deutlichen Worten und Selbstkritik. Er prangert den Klerikalismus an, der bei Geistlichen auch zur Vorstellung geführt habe, etwas Besseres zu sein als die Laien. Kirche dürfe nicht eine Sonderwelt sein, die sich abschließt. Dabei bekennt er auch seine eigene Verantwortung – schließlich habe er an dem klerikalen System mitgewirkt.

Schwer tut sich Reinhard Marx allerdings, als er auf den emeritierten Papst angesprochen wird. Er will sich nicht entlocken lassen, wie er zur Rolle von Benedikt XVI. im Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum steht. Man solle die weitere ausführliche Stellungnahme Benedikts abwarten. Ebenso schwer fällt es ihm zu erklären, warum er, Marx, erst so spät die Betroffenen in den Blick genommen hat.

Jetzt gilt es laut Marx, die Kirche zu erneuern. Er will sich beim Synodalen Weg stark machen für eine Aufwertung der Frauen in der Kirche. Leitungsämter sollen sie bekleiden. Von der Weihe von Diakoninnen indes spricht er nicht. Homosexuelle Priester kann er sich vorstellen – wenn sie zölibatär leben. Und es soll gemeinschaftliche Beschlüsse mit den Laien geben.

Michaela Huber, Vorsitzende der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese, ist zufrieden: „Es wird spürbar, dass die Führungsriege der Erzdiözese etwas verändern will.“ Dass Kardinal Marx auch die Menschen im Bistum mit über seinen Verbleib im Amt mitentscheiden lassen will, findet sie bemerkenswert. „Das freut mich sehr. Es ist für mich das zentrale Signal, dass er den Paradigmenwechsel, der ansteht, im Kern erfasst hat.“ Es gehe nicht mehr darum, dass man von oben herab Entscheidungen treffe. Sondern, dass man sich als Teil eines demokratischen Systems sieht, „in dem es möglich sein muss, dass Würdenträger auch infrage gestellt werden können“. Missbrauchsopfer Richard Kick sieht einen großen Wendepunkt in der Wahrnehmung der Betroffenen: „Es wird aber noch ein steiniger Weg.“

Auf eine „synodale“ Zusammenarbeit mit dem Kardinal freut sich Professor Hans Tremmel, Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken: „Ich glaube ihm, ich nehme ihm seine Erschütterung und seinen Lernprozess ab.“

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