Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Nicht von vornherein zu disqualifizieren

Die Masse macht‘s - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Großveranstaltungen können so schön sein. Letztes Wochenende, als wir zu Gast waren in Hamburg, trafen die Traditionsvereine HSV und FC St. Pauli fußballerisch aufeinander. Es kam zu einem geradezu historischen Sieg.

Zum ersten Mal nach 59 Jahren triumphierten die Underdogs. Ein Stadion in Ekstase, aufbrandender Jubel selbst dann, wenn ein Spielzug sinnfrei verlief. Der als Egomane bekannte Schriftsteller Elias Canetti beschrieb das Aufgehen in der Masse als Möglichkeit, sich zu „entladen“: Endlich einmal die eigene Individualität loswerden, nicht mehr verschieden, sondern - hurra - gleich sein und dasselbe empfinden können.

Das Individuum verliert sich heiter bei „Hey hey Baby, hu, ha“

Das trifft in diesem Fall sogar auf die Fans des unterlegenen HSV zu. Sie konnten sich in der gemeinsamen Tristesse über die peinliche Niederlage immerhin gegenseitig stützen. „In dieser Dichte, da ... Körper sich an Körper presst, ist einer dem anderen so nahe wie sich selbst. Ungeheuer ist die Erleichterung darüber“ hätte Canetti im Sportstudio kommentiert. Wer sich in der Masse bewegt, hat seine sonstige Berührungsfurcht verloren. Auf die meisten Besucher des Oktoberfestes trifft das sicher zu. Diese fröhliche „Festmasse“ singt und trinkt unterschiedslos. Das Individuum verliert sich heiter bei „Hey hey Baby, hu, ha“ mit den „Händen zum Himmel“.

Der Forscher Gustave le Bon spricht im Blick auf das Phänomen der Masse von einer „Regression des Verstandes auf das Niveau von Wilden“. Das ist zu hart geurteilt. Zum einen braucht manch einer gelegentlich das muntere Eintauchen in eine größere Gruppe, um nach dem Bad in der einigen Menge erfrischt wieder im eigenen Leben aufzutauchen. Zum anderen gibt es bekanntlich auch Menschen, die sich entschlossen zusammentun, um Bestehendes so zu verändern, dass eine gute Zukunft für alle möglich ist. Den Bedrohungen des Diesseits treten sie mit ihren Vorstellungen entgegen - wohl wissend, dass einem miteinander oft bessere Ideen kommen als allein.

Also Vorsicht dabei, Ansammlungen von Menschen von vornherein zu disqualifizieren. Allzu schnell gehört man sonst selbst zu denen, die vereint hetzen und auf andere Jagd machen. Solche Massen hatten und haben wir schon zu viel. Eine Masse ist dann verträglich, wenn ihre Individuen das eigenständige Denken behalten. Wenn sie - statt sich gemeinsam permanent künstlich zu erregen - selbstkritisch betrachten, was da in den eigenen Reihen eigentlich abläuft. Ein Leben in der Masse ist erhebend, wenn man es bald wieder aufgibt.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

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