Maulwürfe jagen Kaffeefahrt-Abzocker

Freising - Die Abzocker sind wieder unterwegs, die Saison der Kaffeefahrten hat im Freistaat begonnen. Ältere Menschen werden schamlos ausgenommen. Die Behörden wollen Neppern das Handwerk legen.

Als Herbert K. von dem Wundermittel hörte, schlug er sofort zu: Nach seiner Magenoperation hatte er furchtbare Schmerzen, immer wieder Komplikationen. Mit diesem Mittel, so erfuhr der alleinstehende Renter auf einer Kaffeefahrt, sollte er wieder gesund werden. Der Verkäufer hatte einen fachkundigen und vertrauenswürdigen Eindruck gemacht – K. kaufte. Für 2000 Euro.

Menschen in Notsituationen wie Herbert K. sind besonders leichte Opfer von Abzockern, die Kaffeefahrten organisieren, erklärte Ingo Schwarz vom Gewerbeamt Freising am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Die Polizeipräsidien Oberbayern Nord und Süd, die Regierung von Oberbayern sowie die Landratsämter wollen sich künftig enger vernetzen, um dem Betrug auf Kaffeefahrten verstärkt entgegenzuwirken.

Ein Instrument, das künftig häufiger zum Einsatz kommt: Maulwürfe, verdeckte Ermittler. So auch im Fall von Herbert K.: Der Moderator hatte den Rentner so von dem angeblichen Wundermittel überzeugt, dass er sogar dann noch an dem Präparat festhielt, als ihn Ingo Schwarz vom Gewerbeamt auf den möglichen Nepp aufmerksam machte – Schwarz hatte sich sich inkognito unter die Gäste gemischt und die Situation beobachtet. Immerhin räumte Herbert K. ein, bei der Veranstaltung etwas gekauft zu haben und lieferte den Behörden damit einen Anfangsverdacht, der nötig ist, um eine solche Veranstaltung aufzulösen beziehungsweise um die Räume zu durchsuchen.

In 14 oberbayerischen Landkreisen wurden im vergangenen halben Jahr 30 illegale Kaffeefahrten gemeldet, gegen die vorgegangen wurde. Bundesweit finden rund 400 Fahrten täglich statt, erklärte Regierungspräsident Christoph Hillenbrand. Hinweise aus der Bevölkerung seien dabei die einzige Quelle der Behörden.

Oft sei das Ziel, das auf der Einladung nie genannt wird, ein abgelegenes Gasthaus. Der Zweck: Die Teilnehmer sollen sich möglichst nicht entfernen können, oft wissen sie nicht einmal, wo sie gerade sind. Nicht selten führen die Fahrten ins süddeutsche Grenzgebiet oder schon ins Ausland, weiß Schwarz. Niedergelassen sind wenige Abzocker in Bayern – eine Art Nest soll sich im Raum Cloppenburg, Niedersachsen, befinden. Warum das so ist, wissen die Beamten nicht.

Und die Kriminellen auf frischer Tat zu erwischen sei der einzige Weg, sie wirklich zu treffen, erklärt Ingo Schwarz. Solange diese vor ihrem Publikum nämlich nicht Worte wie „verkaufen“ in den Mund nähmen, könne man ihnen nichts anhaben: Meist beginne alles mit einem gemütlichen Kaffeetrinken und Vertrauensaufbau. Die Moderatoren sind psychologisch bestens geschult. „Man muss die Dynamik solcher Veranstaltungen erlebt haben, um zu verstehen, warum Leute dort etwas kaufen“, sagt Schwarz.

Das Zeitfenster, in denen die Teilnehmer dann die „einmalige Chance“ wahrnehmen und etwa eine Magnetfeldmatte für rund 1000 Euro erwerben sollen – der Einkaufspreis liegt bei 30 Euro – ist manchmal nur auf eine halbe Stunde begrenzt. Das ist zu wenig Zeit für die Behörden, um aktiv werden zu können – es sei denn, ein Maulwurf schlägt schnell Alarm. Dabei handelt es sich häufig um Kaffeefahrt-Teilnehmer, die schon einmal übers Ohr gehauen wurden, oder eben Behördenmitarbeiter.

Um gegen die Abzocker vorzugehen, könnte sich Matthias Roder vom Staatsministerium für Justiz und Verbraucherschutz vorstellen, beispielsweise eine Ausweis-Pflicht für die Eröffnung von Postfächern einzuführen. Denn die Betrüger arbeiteten praktisch ausnahmslos mit solchen Adressen.

Doch am besten sei es, erst gar nicht an so einer Fahrt teilzunehmen, erklärt der Präsident des Polizeipräsidiums Oberbayern, Walter Kimmelzwinger. Die Polizei leiste bei Senioren viel Aufklärungsarbeit. In Zusammenarbeit mit der Regierung und den Landratsämtern hofft er, bald ein „Kaffeefahrt-freies Oberbayern“ realisieren zu können.

Angela Fuchs

Rubriklistenbild: © dpa

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