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Den Gesundheitscheck bei der Rosenheimer Bundespolizei wird es künftig nicht mehr geben. Bisher haben Raphael Raser, Philipp Hirsch, Michael Bracht, Christian Jäger (v.l.) und ihre Kollegen Flüchtlinge unters ucht. Erst danach begann die Registrierungsarbeit von Rainer Scharf (rechts) und seinen Kollegen der Bundespolizei.

Umstrittene Entscheidung des Ministeriums

Medizinische Stelle für Flüchtlinge schließt

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Aufgegriffene Flüchtlinge werden in Rosenheim von einem Ärzteteam untersucht, bevor die Bundespolizei sie in die Erstaufnahmen weiterleitet – vor allem, um die Ansteckungsgefahr gering zu halten. Doch die Screening-Stelle soll Ende des Monats geschlossen werden. Sie sei nicht mehr nötig. Ärzte und Polizei sehen das anders.

Rosenheim – Gabriel Mayer hat es aus der Zeitung erfahren. Als Geschäftsführer der Ambulanz Rosenheim verfolgt er die Debatte seit einigen Wochen intensiv mit. Doch dass nun so schnell eine Entscheidung fallen würde, hatte er genauso wenig erwartet die wie Bundespolizei. Das bayerische Gesundheitsministerium und das Sozialministerium wollen die medizinische Screening-Stelle in Rosenheim zum Monatsende schließen. Eine fatale Entscheidung, findet Mayer.

Bisher war die medizinische Screening-Stelle die erste Station für Flüchtlinge, die von den Beamten in Zügen oder in den Autos von Schleusern aufgegriffen wurden. Die Menschen wurden von einem Ärzteteam bei ihrer Ankunft untersucht. Einige Flüchtlinge kommen mit Brüchen oder infizierten Wunden in Deutschland an. Einige aber auch mit ansteckenden Krankheiten wie Krätze, Tuberkulose, Masern, Scharlach oder Malaria. Sie werden in der Screening-Stelle erstbehandelt und je nach Diagnose an entsprechende Krankenhäuser weitergeleitet.

„Es geht nicht nur darum, die Ansteckung anderer Flüchtlinge in den Erstaufnahmen zu verhindern“, betont Mayer. „Es geht auch um die Gesundheit unserer Polizisten und der Bevölkerung.“ Denn die Bundespolizisten müssen jeden einzelnen Flüchtling vor der Registrierung durchsuchen, wiegen und vermessen. Mundschutz und Handschuhe reichen nicht, um sich vor ansteckenden Krankheiten zu schützen. Von Rosenheim werden die Flüchtlinge per Zug nach München weitergeschickt. Auch dabei ist das Ansteckungsrisiko groß, betont Mayer.

Das Ministerium begründet die Entscheidung damit, dass die Flüchtlingszahlen in den vergangenen Monaten deutlich gesunken sind. Inzwischen werden in Rosenheim 30 bis 50 Menschen pro Tag aufgegriffen. Zu Spitzenzeiten im Herbst 2015 waren es manchmal mehr als 4700 Menschen pro Tag. Bevor im September 2015 die Screening-Stelle eingerichtet worden war, gab es vor der Erstaufnahme keine medizinischen Untersuchungen. „Unsere Beamten haben natürlich auf Anzeichen für Krankheiten oder offensichtliche Verletzungen geachtet und in diesen Fällen Flüchtlinge in die Notaufnahme gebracht“, berichtet Bundespolizei-Sprecherin Jeannine Geißler. Das war aufgrund der hohen Zahlen schnell nicht mehr möglich. Es sei aber auch bei nur 50 Flüchtlingen pro Tag keine Aufgabe, die der ärztliche Dienst der Polizei bewältigen könne, betont Matthias Knott, Sprecher der Polizeidirektion München. Diese Lösung hatte das Gesundheitsministerium in seinem Schreiben angeregt. Auch von Michael Bayeff-Filloff, dem Chefarzt der Zentralen Notaufnahme des Romed-Klinikums Rosenheim, kommt eine deutliche Absage. Mit Sorgenfalten erinnert er sich zurück an den Sommer 2015, als die Notaufnahme wegen kranker Flüchtlinge ständig überfüllt war. „Durch die Schaffung der Screening-Stelle sind nur die Menschen zu uns gebracht worden, die wirklich ins Krankenhaus mussten“, berichtet er. Auch die Privatpraxen konnten die vielen Fälle damals nicht mehr bewältigen, berichtet Fritz Ihl, der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Rosenheim. Er sagt: „Wir sind nun wieder dort angekommen, wo wir vor dem Krisenjahr 2015 standen.“

Flüchtlinge am Bahnhof Rosenheim vor zwei Jahren. Alle wurden medizinisch durchgecheckt.

Das Zahlenargument können weder die Ärzte, noch die Bundespolizei nachvollziehen. „Es reicht schließlich ein infizierter Flüchtling, um viele Menschen anzustecken“, betont Sprecherin Geißler. Und infizierte Flüchtlinge seien auch heute noch Alltag bei den „Aufgriffen“. „Mit der Screening-Stelle fällt ein entscheidender Schutz weg.“ Geschäftsführer Mayer sagt: „Es geht hier ums Geld.“ Die Screening-Stelle kostet monatlich einen sechsstelligen Betrag. Damit rund um die Uhr Ärzte vor Ort sein können, wurden etwa 15 neue Stellen geschaffen, berichtet er. „Diese Kollegen müssen wir nun entlassen.“ Das Gesundheitsministerium betont, das nun eingesparte Geld solle auch weiterhin in die medizinische Versorgung der Asylbewerber fließen.

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