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Operation in der Klinik: Auch Ärzten unterlaufen Fehler - oft mit schwerwiegenden Folgen.

Kritik an bisheriger Erfassung

732 mal Ärztepfusch: Alarmierende Zahlen zu Behandlungsfehlern in Bayern

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Ärzte in Bayern haben im vergangenen Jahr mindestens 732 Mal gepfuscht. Vom vergessenen Tupfer nach einer OP bis hin zu überdosierten Medikamenten komme alles vor, erklärt der Medizinische Dienst der Krankenkassen.

München/Berlin - Eine Rentnerin, nennen wir sie Frau K., war nierenkrank und musste zum Röntgen. Dafür erhielt sie ein Kontrastmittel - aber viel zu hoch dosiert. Infusionen, die die Niere geschützt hätten, bekam sie nicht. Die Folge: ein dauerhafter Nierenschaden, die Frau benötigt nun regelmäßig eine Dialyse. So geschehen im Jahr 2017 in Bayern.

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) stellte am Dienstag in Berlin eine Bilanz über Behandlungsfehler im vergangenen Jahr vor. Obwohl das Thema jedes Jahr Anlass für Warnungen und Appelle ist, gibt es auch diesmal keinen Anlass zur Entwarnung. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Patientenbeschwerden (13.519 Fälle) bundesweit nur leicht gesunken. Jeder vierte Verdacht bestätigt sich - laut MDK gab es 2017 somit 3337 Behandlungsfehler. Das sind 227 Fehler weniger als im Vorjahr, aber immer noch „3337 Fehler zu viel“, sagte der Leitende Arzt Dr. Stefan Gronemeyer vom Spitzenverband MDS bei der Pressekonferenz in Berlin.

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Bei Beschwerden ist die Krankenkasse zuständig

Beschweren kann sich ein Patient bei seiner Krankenkasse. Sie ist im Verdachtsfall verpflichtet, den Patienten zu unterstützen und zum Beispiel beim MDK ein Gutachten in Auftrag zu geben - was für den Patienten kostenfrei ist. Das machen jedes Jahr auch in Bayern einige tausend Betroffene. 2017 gab es im Freistaat insgesamt 3196 Patientenbeschwerden, die sich ebenfalls zu knapp einem Viertel (22,9 Prozent) bestätigten. Also 732 Fälle zu viel.

Die meisten Vorwürfe gibt es bei Orthopädie und Unfallchirurgie (bundesweit 4250 Fälle), gefolgt von Innerer Medizin (1746), Allgemeinchirurgie (1203) und Zahnmedizin (1150). Bei der Pflege gab es 663 Beschwerden - und jede zweite Klage war berechtigt. Bei der Zahnmedizin war es jeder dritte Fall. An der Spitze fehlerhafter Behandlungen stehen hier die Wurzelspitzenresektion und Wurzelbehandlung von Zähnen. Weit weniger im Fokus steht beispielsweise falsche Medikation, womöglich, weil das schwerer zu erkennen ist als etwa Fehler in der Chirurgie, wie die Leitende Ärztin Dr. Astrid Zobel vom MDK Bayern vermutet.

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Die Grafik zeigt: Nicht einmal jeder vierte Vorwurf bezüglich Behandlungsfehlern konnte bestätigt werden.

Statistiken über Behandlungsfehler werden nur selten veröffentlicht

Die Ärztin fordert, Behandlungsfehler sollten ähnlich wie Arbeitsunfälle in einer Datenreihe verpflichtend erfasst werden. Im Moment führt jeder seine eigene, meist nie veröffentlichte Statistik - Krankenhäuser, Ärzte, Haftpflichtversicherungen und Gerichte. „Man muss von einer hohen Dunkelziffer ausgehen“, stellt Zobel fest. Die Zahlen des MDK lieferten nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit.

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In der Kritik steht auch der Bund. Konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit fehlten. Eine Dauerforderung ist zum Beispiel die nach einer sogenannten „Never-Event“-Liste - das sind Fehler, die sehr gut zu vermeiden sind. Dazu zählen hochgradiger Dekubitus beim Krankenhausaufenthalt (51 Fälle bundesweit im Jahr 2017), Verwechslung von Patienten etwa aufgrund von Namens-Ähnlichkeit (19 Fälle) oder auch zurückgelassene Fremdkörper nach einer OP (20 Fälle). So eine Liste würde das Bewusstsein bei Ärzten und Kliniken schärfen.

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Immerhin haben Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart, einen Entschädigungsfonds für Patienten zu prüfen. Das wäre für diejenigen Betroffenen sinnvoll, bei denen die Schuldfrage eines Behandlungsfehlers nicht geklärt werden kann, sagt Zobel. Bei 3,5 Prozent der Fälle war das im vergangenen Jahr der Fall. Von einer generellen Beweislastumkehr, wie es manche Patienten-Beauftragte fordern, hält Zobel nichts. Das würde die Behandler überfordern. Der Patientenbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Hermann Imhoff, hält den Fonds in dieser Legislaturperiode für erreichbar.

Vermutet hohe Dunkelziffer: Dr. Astrid Zobel vom MDK.

dw

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