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Hier liegt die Meilerhütte noch in strahlendem Sonnenschein – aber das Wetter kann blitzschnell umschlagen.

Hier schlug schon 117 Mal der Blitz ein

Garmisch-Partenkirchen - Dumpfes Donnergrollen hört Marisa Sattlegger (38) immer. Selbst im Tiefschlaf. Dann springt sie auf, weckt ihre Cousine Nicole (21) und zieht alle Elektrogeräte aus den Steckdosen.

 Als nächstes bringen sich die beiden selbst in Sicherheit. Rauf auf die Holzstühle! Und abwarten, bis das Gewitter sich wieder verzieht. Marisa Sattlegger ist Wirtin auf der 2374 Meter hoch gelegenen Meilerhütte. Von Juni bis Oktober lebt sie hier oben im Wettersteingebirge an der Grenze zu Tirol – und ist Wind und Wetter vollkommen ausgeliefert. 117 Mal hat der Blitz hier in den vergangenen zehn Jahren schon eingeschlagen, das hat ein Gerät genau mitgezählt.

Meilerhütte

Die Meilerhütte (2374 Meter) ist eine Hütte des Deutschen Alpenvereins, Sektion Garmisch-Partenkirchen. Das Haus liegt direkt auf dem Grat im Dreitorspitzgatterl, unmittelbar am Wettersteinkamm, der hier die Grenze zwischen Tirol und Bayern bildet – weit entfernt von Tälern und Bergbahnen. Bewirtschaftet ist sie von Mitte Juni bis Anfang Oktober, und sie bietet über 83 Schlafplätze sowie einen ganzjährig zugänglichen Winterraum. In der Umgebung gibt es viele Gipfel und Klettertour-Möglichkeiten.

„Routine wird es trotzdem nicht, ich habe noch immer großen Respekt vor den Naturgewalten.“ Muss sie auch: Ein Gewitter in dieser Hütte kann lebensgefährlich sein. Schlägt der Blitz direkt in die DAV-Hütte ein, wackelt das ganze Haus. Das Geschirr scheppert im Regal, die Lampenschirme schwanken und die Holwände beben. Es knallt – und mit einem Mal steht die Hütte unter Strom: „Dann heißt es: Hände aus dem Spülwasser! Von allem, was aus Stahl ist – Finger weg!“ Deshalb setzt sie sich auch vorsorglich auf einen Holzstuhl, der den Strom schlechter leitet. Wie oft sie sich nach dem Gewitter schon an den statisch aufgeladenen Alu-Kochtöpfen einen Stromschlag geholt hat, weiß Marisa Sattlegger nicht mehr.

Die Damen von der Meilerhütte: Wirtin Marisa Sattlegger (38) und ihrer Cousine Nicole (21) leben bis Oktober hier.

Einige Blitzschläge waren so heftig, dass es die Steckdosen regelrecht aus der Wand katapultiert hat. Wenn die Wirtin vergisst, die Kabel herauszuziehen, geht mit Sicherheit etwas kaputt. Vier Fernseher und etliche Radiogeräte haben die Blitze alleine in den 14 Jahren zerstört, in denen die Kärtnerin auf der DAV-Hütte das Sagen hat. Seit der Übernahme der Hütte von ihren Eltern ist ihr kein Blitz entgangen. Damals hat die Familie die Hütte umgebaut und vergrößert und eine Solaranlage eingebaut sowie ein System, das die elektrischen Überspannungen über den Blitzableiter registriert.

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„Diese Technik dient vor allem dem Schutz unserer Materialseilbahn“, erklärt ihr Onkel Felix (61), der regelmäßig in der Küche oder bei der Reinigung der Gästezimmer aushilft. „Nach einer Überspannung müssen wir die Stahlseile kontrollieren, ob sie Schaden genommen haben.“ Mehr Blitze seien es in den vergangenen Jahren nicht geworden. „Aber die Unwetter sind aggressiver geworden – heuer ist es besonders schlimm“, sagt Wirtin Marisa. In dieser Saison haben sich bislang wenig Gäste über den Schachen auf die Bergspitze getraut – das Wetter ist zu unberechenbar. Deshalb passiert es nicht selten, dass Marisa und ihre Cousine nachts alleine sind.

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Wenn ein Gewitter aufzieht, wird es schaurig-einsam in der Stube, dem einzig beheizten Raum. Kein Licht, kein Radio, kein Fernseher. Nur Marisa , Nicole und das Grollen des Donners. Sie sitzen auf ihren Holzschemeln und plaudern oft stundenlang, bis sich das Gewitter wieder verzogen hat. „Was anderes können wir ja nicht tun“, sagt die Wirtin. „Es ist irgendwie unheimlich. Aber wenn ich dann morgens aufwache und die Wiesen und Berge wieder friedlich vor mir liegen und die Sonne scheint, dann bin ich stolz, dass wir wieder einmal der wilden Natur getrotzt haben.“

Nina Bautz

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