Hitler in Landsberg 1924. Hier entstand „Mein Kampf“

Trotz Wirbel um Hitlers Buch

„Mein Kampf“ soll 2015 kommentiert vorliegen

München - Von wegen Stopp: Das Institut für Zeitgeschichte zeigt sich vom jüngsten Wirbel um Hitlers „Mein Kampf“ unbeeindruckt. Die wissenschaftlich kommentierte Edition soll wie geplant Ende 2015 erscheinen.

Viel Lärm um nichts: Mit einer überraschenden Erklärung hatte Staatskanzleiministerin Christine Haderthauer am Dienstag den Anschein erweckt, als könne die CSU-Staatsregierung eine wissenschaftliche Edition von „Mein Kampf“ plötzlich stoppen. Das Buch sei volksverhetzend, erklärte sie. Und der Regierungschef sagte: „Ich kann nicht in Karlsruhe einen Verbotsantrag gegen die NPD stellen – und anschließend geben wir sogar noch unser Staatswappen her für die Verbreitung von ,Mein Kampf’“.

Doch die Entscheidung ist, anders als die Regierung suggeriert, längst gefallen und höchstwahrscheinlich unumkehrbar. Im Jahr 2012 entschied der Landtag mit Stimmen der CSU, beim Institut für Zeitgeschichte in München eine wissenschaftliche Edition des Machwerks in Auftrag zu geben. Dafür gab es vom Freistaat eine halbe Million Euro. Das Geld ist längst an das IfZ geflossen und verplant – unter anderem für Verträge mit Wissenschaftlern.

Seit August 2012 laufen die Vorbereitungen. Mittlerweile ist, unter der Leitung des NS-Forschers Christian Hartmann, die Kommentierung der ersten von insgesamt 27 Kapiteln abgeschlossen. Die Kommentierung ist keinesfalls lapidar, betont das IfZ. Vielmehr soll sie auch Hitlers Behauptungen in „Mein Kampf“ korrigieren, ergänzen „und so dessen Weltdeutung mit dem Stand unseres heutigen Wissens konfrontieren“. Weil sich Hitler in „Mein Kampf“ zu allem und jedem äußerte, wurden Werkverträge nicht nur mit Germanisten, Pädagogen und Wirtschaftshistorikern, sondern sogar mit Japanologen und Humangenetikern abgeschlossen. Ziel der Edition ist es schließlich auch, eine Publikationsgeschichte von „Mein Kampf“ vorzulegen – es wurde in mindestens sieben abweichenden Ausgaben geschätzt über zwölf Millionen Mal gedruckt.

Dass das Projekt durch eine plötzliche Kehrtwende bei der Staatsregierung noch gestoppt werden könne, glaubt man beim IfZ nicht. Dem Freistaat fehlt schlicht die Handhabe, da die Urheberrechte 70 Jahre nach Hitlers Tod 2015 erloschen sein werden. Das Institut werde daher „in eigener wissenschaftlicher Verantwortung“ die Arbeit fortsetzen und „die Edition fristgerecht zum Ablauf der urheberrechtlichen Sperrfrist Ende 2015 veröffentlichen“, betonte der Institutsleiter Andreas Wirsching.

So begann der Zweite Weltkrieg

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Zuvor hatte die plötzliche Kehrtwende bei der CSU auch parteiintern Kritik hervorgerufen. Die Abgeordneten wehrten sich am Mittwoch in München dagegen, dass die Regierung sich über einen einstimmigen Beschluss des Landtags hinwegsetzt. „Das ist kein guter Stil“, sagte der Würzburger Abgeordnete und Vorsitzende des Hochschulausschusses Oliver Jörg (CSU). „Eigentlich ist entscheidend, was der Landtag sagt.“ Auch die SPD-Hochschulpolitikerin Isabell Zacharias reagierte verärgert: „Das ist ein Rückschritt.“ Der Landtag habe die Staatsregierung aufgefordert, eine Expertenkommission zu den offenen Fragen anzuhören. „Wir haben nie einen Bericht bekommen.“ Der Grünen-Abgeordnete Sepp Dürr hatte das Vorgehen der Regierung von Horst Seehofer (CSU) schon zuvor eine „Unverschämtheit erster Güte“ genannt.

„Auch wenn es wissenschaftlich aufbereitet wird, wäre eine Ausgabe im staatlichen Auftrag für die Opfer schwer erträglich“, sagte hingegen Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). „Das ist ein Punkt, der uns nachdenklich macht.“ Das Thema habe bei Seehofers Israel-Besuch 2012 bei vielen Gesprächen eine Rolle gespielt.

Die frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, begrüßte die Erklärung der Staatsregierung: „Hitlers Machwerk ist von Hass und Menschenverachtung durchdrungen und erfüllt Experten zufolge den Tatbestand der Volksverhetzung.“ Wirsching sagte dazu, er respektiere die Sichtweise von Holocaust-Überlebenden. Aber das Buch sei schon jetzt im Ausland – etwa in Antiquariaten und im Internet – leicht zugänglich. „Aus unserer Sicht muss der nicht kontrollierbaren Verbreitung des Textes dringend eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe mit kritisch-aufklärerischem Standpunkt entgegengehalten werden.“

Dirk Walter und Carsten Hoefer

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