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Der Erzbischof von München und Freising Reinhard Kardinal Marx unterhält sich am Sonntag (21.11.2010) in der Peterskirche mit Papst Benedikt XVI. (r), der ihm zuvor den Kardinalsring angesteckt hat.

„Mein lieber Gott, war das beeindruckend“

Rom - Am Namensfest des Bistumspatron, des heiligen Korbinian, ist der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, vom Papst zum Kardinal erhoben worden. Über 1500 Bayern feierten in Rom ihren neuen Kardinal.

„Kommt, seid nicht so schüchtern!“ In seinem hellroten Gewand steht der jüngste der katholischen Kardinäle am Samstag in der „Aula Paul VI.“ der vatikanischen Audienzhalle und ermuntert seine Gratulanten, näherzutreten. Vier Stunden zuvor hatte ihn Papst Benedikt XVI. mit 23 Amtsbrüdern aus aller Welt in das Kardinalskollegium aufgenommen. In einem Gottesdienst im Petersdom, in dem sich Ortskirche und Weltkirche auf engste Weise verknüpft haben. Und in dem die katholische Kirche all ihre Pracht entfaltet: Die gut 200 Kardinäle mit ihren rot abgesetzten Gewändern und ihren leuchtend roten Kopfbedeckungen. Die vielen Ordner in der Peterskirche, deren Orden und goldene Ketten im Scheinwerferlicht glitzern. Die Gläubigen aus Sambia, Ecuador oder Guinea in ihren farbenprächtigen Kleidern, die mit lauten Rasseln und Jubelschreien ihre neuen Kardinäle hochleben lassen. Und die noch Stunden später singend und tanzend über den Petersplatz ziehen.

Es ist etwa gegen 10.40 Uhr, als Benedikt die Namen aller neuen Kardinäle vorliest. Nummer 14 in der Reihe ist der Erzbischof von Kinshasa. Monsignore Laurent Monsengwo Pasinyas Name klingt durch die unermesslichen Weiten des Petersdoms – da erschallen laute afrikanische Jubeltöne aus den Kehlen der kongolesischen Gläubigen. Und diese Gruppe sitzt direkt vor der staatlichen bayerischen Pilgergruppe, die von Ministerpräsident Horst Seehofer angeführt wird. Derartiger Jubel ist Ansporn. Und als der Name Marx fällt, da machen sich auch die Bayern und die Westfalen, die ihrem Landsmann Marx die Ehre geben, lautstark bemerkbar. Über das ernste Gesicht von Reinhard Marx huscht ein kleines Lächeln.

Heimatgefühle auf der einen Seite und das unvergleichliche Erleben von Weltkirche andererseits – das sind die Eindrücke, die die Teilnehmer der Kardinalerhebungs-Zeremonie am Wochenende von Rom mit nach Hause nehmen. Zwei bayerische Geistliche – neben Marx auch noch der aus Ansbach stammende Kirchenhistoriker Walter Brandmüller, 81 – werden vom Papst in den Kardinalsstand „befördert“.

In seiner Predigt betont der Papst, er habe Persönlichkeiten aus verschiedenen Teilen der Welt in sein oberstes Beratergremium aufgenommen: Personen, die wichtige Diözesen leiten, Behörden der römischen Kurie vorstehen oder die mit „beispielhafter Treue der Kirche und dem Heiligen Stuhl gedient“ hätten. Sie unterstützten von nun ab den Papst unmittelbar in seinem Leitungsamt für die Weltkirche. Diese Tätigkeit habe jedoch nichts mit Macht oder Dominanz zu tun, sondern mit einem Dienst in Gehorsam gegenüber Gott und für die Kirche, so der Papst. Die Kirche folge hier nicht der weltlichen Logik von Macht, sie habe ein anderes Modell, das auf eine „Logik des Dienens und eine Logik des Kreuzes“ ausgerichtet sei – bis hin zum Blutvergießen für den Glauben. Als Zeichen dafür stehen die blutroten Gewänder und Birette der Kardinäle – und ihre roten Socken.

„Mein lieber Gott, waren das beeindruckende Stunden“

Nach dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis schwören die neuen Würdenträger dem Papst Treue und Gehorsam. Anschließend tritt jeder einzeln vor Benedikt XVI. hin, der ihm das Kardinalsbirett aufsetzt und die Ernennungsbulle überreicht. Um 11.45 Uhr geht der Münchner Erzbischof als 20. Kandidat die Stufen hinauf zum Altar. Besonders herzlich umarmt der Papst den Westfalen, der nun in Benedikts Heimatbistum die Stellung hält und mit der Kardinalsernennung zu einem der wichtigsten Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland wird.

Welche Worte der Papst ihm mit auf den Weg gibt, das bleibt ein Geheimnis. „Ich habe ihm gedankt und gesagt: Heiliger Vater, wir stehen zusammen.“ Mehr ist Reinhard Marx nicht zu entlocken. Schließlich gehört der 57-Jährige jetzt zum Kreis der engsten Vertrauten des Papstes. Verschwiegenheit ist Ehrensache.

„Mein lieber Gott, waren das beeindruckende Stunden“, schwärmt Bayerns Ministerpräsident Seehofer beim Empfang der Deutschen Bischofskonferenz auf dem Campo Santo. Bayern sei stolz auf seine Kardinäle. „Sie sind in der Tat ein Freund deutlicher Aussprache, insofern passen Sie gut zu uns Bayern“, lobt Seehofer den Münchner Erzbischof. Die Verbundenheit zeige sich auch in der großen Delegation, mit der die Bayern nach Rom gereist seien.

Marx will Bild vom Papst zurechtrücken

Marx will helfen, dass die Menschen den deutschen Papst besser verstehen oder – wie er es sagt –, er will seine Theologie „noch mehr in die Gesellschaft hineintragen“. Das könnte auch hilfreich sein für den für 2011 angekündigten erneuten Besuch des Kirchenoberhaupts in Deutschland – Marx sieht ihn als große Chance. Der frisch gebackene Kardinal räumt unter Anspielung auf den Missbrauchs-Skandal aber auch ein, dass eine solche Visite in den vergangenen Monaten „nicht ganz einfach gewesen“ wäre: „Es wäre sehr begrüßenswert, wenn einige in Deutschland wieder wahrnähmen, dass christlicher Glaube etwas sehr Anspruchsvolles ist.“ Das Bild vom Papst will er auch zurechtrücken, indem er betont, es sei ein Vorurteil, dass man gegenüber dem Papst nicht frei sprechen könne. „Das ist nicht eine Frage des Papstes, sondern des Charakters des Gegenüber“, erklärt Marx. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich alles sagen kann, was ich sagen möchte.“

Laie setzen Hoffnung in Marx

Die Verbundenheit mit Benedikt ist das eine – es gibt aber auch Verbundenheit zwischen den Menschen in Bayern und ihrem neuen Kardinal. Wie sie die Gebirgsschützen zeigen, die mit über 100 Mann in einem zwölfstündigen Marathon per Bus über die Alpen angereist sind. Marx, das ist ihr Ehrenmitglied. Und dass er Westfale ist, ist wurscht. „Das ist ein guter Kardinal. Und er ist sehr gesellig“, lobt ihn Georg Moser aus Gotzing. Seine barocke Art passt zu Bayern, meinen nicht nur die Gebirgsschützen. Das stellt Marx auch am Sonntag unter Beweis, als er auf dem Petersplatz von den Gebirgsschützen zu einem Schnaps eingeladen wird. Marx hebt den kleinen silbernen Becher in Richtung des Apostolischen Palastes und ruft: „Auf den Heiligen Vater!“ Die Schützen haben ihre Gaudi. 

„Ich bin stolz, dass unser Münchner Erzbischof Kardinal geworden ist“, freut sich der evangelische Landesbischof von Bayern, Johannes Friedrich. Gerade im letzten Jahr sei Marx sehr klar und deutlich wie kaum ein anderer gewesen. „Dass das jetzt gewürdigt worden ist, ist ein ganz gutes Zeichen. Ich hoffe, dass er so weitermacht und sich auch weiter so für die Ökumene einsetzt.“

Auch die Laien setzen Hoffnungen in Marx. Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK), baut auf ihn als Partner für die Dialoginitiative zwischen Bischöfen und Laien. Glück sieht die Kardinalswürde als deutliches Zeichen des Papstes – „dass der Erzbischof Marx sein Vertrauen hat, bei allem, was in diesem Jahr diskutiert worden ist. Und das ist auch eine Ermutigung für diejenigen in der Kirche, die sagen, man kann nicht einfach nach dem Motto „weiter so“ verfahren.“ Marx kenne die Lebensrealitäten innerhalb der Kirche und innerhalb der Gesellschaft. Man könne mit ihm auch kontrovers diskutieren, wie mit wenigen. „Und das allein ist schon ein wichtiges Zeichen.“

Der Kardinal selber scheint beflügelt von seinem neuen Amt. Es können noch so viele Interviews, Gespräche mit Gratulanten und Empfänge sein – es scheint, als sauge der 57-Jährige Energie aus den zahllosen Begegnungen. Seine Schwester Eva-Maria, Medienpädagogin und Germanistin in Köln, wünscht ihm, „dass er seine Gelassenheit behält und sein Gottvertrauen, dass sich die Dinge schon entwickeln werden“. Derweil gibt ihr Bruder sein zigstes Interview. Gelassen. Die Anspannung der letzten Tage ist gewichen. Ortskirche und Amtskirche haben sich wunderbar verbunden. Heute gibt es noch eine Sonderaudienz mit dem Papst. Mit vollen Akkus, vollgepumpt mit Weltkirche, geht es morgen zurück nach München. Und dann freilich gleich ans Grab des Heiligen Korbinian in Freising. Zum Dank sagen.

Claudia Möllers

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