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„Echt stolz“: Felix Neureuther mit Rosi Mittermaier bei einer Geburtstagsgala zu ihrem 60. Geburtstag in München in der BR-Sendung Blickpunkt Sport.

Meine Mutter, die Gold-Rosi

Garmisch-Partenkirchen - Rosi Mittermaier kennt fast jeder – als Ski-Ass. Unser Gastautor Felix Neureuther, 26, kennt sie anders: Die „Gold-Rosi“ ist seine Mutter. Zu ihrem 60. Geburtstag erzählt er, wie er sie als Sohn erlebt.

Ich habe eine berühmte Mutter – nur begriffen habe ich das erst relativ spät. Irgendwann hat mir mal ein Vater von einem anderen Kind aus dem Skiklub ein Olympiabuch gezeigt, aus dem eine Frau herausgelacht hat. Das war meine Mutter. Rosi Mittermaier. Und das war, was Mamas Bekanntheit angeht, der erste bleibende Eindruck für mich, da war ich so sieben oder acht Jahre alt.

Wie stellen sich die Leute das vor, daheim bei Rosi Mittermaier? An jeder Ecke Ski-Pokale, an den Wänden Medaillen, die jeden Tag poliert werden? Schmarrn! Die Staubfänger sind unten im Ski-Keller verstaut. Oder sie stehen auf der Winklmoos-Alm, wo meine Mutter herkommt. Mama und Papa wollten nie, dass jedem Besucher die Trophäen gleich ins Auge springen, ich glaube, die bedeuten denen auch nichts.

Wenn ich die Fernsehbilder von 1976 sehe, von den Olympiasiegen, bekomme ich jedes Mal voll die Gänsehaut. Und ich muss schmunzeln: Schon krass, wie die damals um die Bambusstangen rumgekurvt sind, mit diesen extrem langen Skiern – vom Stil her schon sehr elegant. Was mich als Sohn echt stolz macht: wie meine Mutter damals die Menschen bewegt hat. Was heißt Menschen – sie hat ja Massen bewegt. Das muss ja eine richtige Hysterie gewesen sein, obwohl die „Rosi“ doch das ganz normale Mädel aus Reit im Winkl war.

Gold-Rosi wird 60

Gold-Rosi wird 60

Sie begeisterte alle mit ihrer natürlichen Art, wie es nur ganz wenige Sportler auf der Welt schaffen. Und sie schafft es heute noch: Wenn irgendein Wildfremder die Mama anspricht, ganz egal wer. Sie hat immer ein Ohr und ein Herz für die Menschen, ganz gleich mit welchem Anliegen sie konfontriert wird. Jeder andere würde sich auch mal wegdrehen und denken: „Lass’ mir mei Rua!“ Aber sie hört sich geduldig alles an und versucht, die Menschen aufzubauen und ihnen zu helfen.

Dazu kommt ihre unglaubliche Bescheidenheit und Selbstlosigkeit, das ist sicher der Grund, warum sie so viele Menschen geliebt haben – und immer noch lieben. Man muss sich nur die Begeisterung bei ihren Nordic-Walking-Events anschauen: Wenn da 3000, 4000 Leute mit den Eltern marschieren und sich bei der Mama, der besten Zuhörerin der Welt, die Seele aus dem Leib reden. Das ist ja fast wie bei Hansi Hinterseer, wenn der mit seinen Fans in Kitzbühel auf den Hahnenkamm kraxelt. Nur: Meine Mutter singt ja Gott sei Dank nicht. Obwohl sie es sehr gut könnte.

Was andere über sie sagen, war meiner Mutter immer herzlich egal. Sie hat auch nie probiert, es jedem rechtzumachen, sie hat sich nie verbogen. Da kann ich von ihr lernen: Ich lasse mich zu viel von anderen Menschen beeinflussen. Und ich rege mich schnell mal über andere auf.

Typisch für Mama war früher: Wenn sie ein Rennen nicht gewonnen hatte, dann war sie trotzdem immer fröhlich und froh, dass ihr nichts passiert war. Und sie hat sich riesig für die anderen gefreut, die besser waren als sie. Freilich: Sportlich – und da bin ich mir sicher – hätte sie noch viel mehr aus sich herausholen können. Noch heute ist sie eine begnadete Skiläuferin, für eine Leistungssportlerin aber war sie eher zu wenig zielorientiert und zu wenig ehrgeizig. Da waren dann andere Sachen wichtiger, zum Beispiel Streiche und Spaß mit der Traudl Münch, mit der sie früher immer auf dem Zimmer war. Die Traudl ist heute noch ihre beste Freundin.

In Innsbruck 1976, bei ihren einzigen Olympischen Spielen, hat sie dann allerdings richtig zugeschlagen. Von der Nervenstärke her war sie ja immer extrem gut drauf, richtig cool – was man vom Papa und von mir ja nicht unbedingt behaupten kann. Wirklich gewinnen um jeden Preis, das gab und gibt es nicht bei Mama, eher geht es bei ihr nach dem Motto: „Was für ein schöner Tag. Mei, da fahr’ ich jetzt runter – ach Mist, da drüben is a Tor gestanden, des hab ich gar nicht besichtigt, ach, jetzt bin ich eh schon vorbei. Ja mei, net so schlimm, dann halt beim nächsten Mal. Aber schau nur die Leute da unten, wie die sich freu’n!“ Diese Lockerheit war beeindruckend, das sagen viele, die ich so treffe.

Deutsche Alpin-Olympiasiegerinnen

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Wäre die Mama übrigens nicht Olympiasiegerin im Skifahren geworden, hätte sie Goldmedaillen im Kochen gewonnen. Da ist sie wirklich unschlagbar. Auf meiner Internetseite rühme ich ja seit Jahren ihre Dampfnudel als mein Lieblingsgericht. Seit sechs Jahren wohne ich nicht mehr zu Hause, aber nach dem Training komme ich dann zu ihr und frage: „Mensch, Mama, hast’ nicht schnell was zum Essen da? Aber mir pressiert’s.“ Dann zaubert sie aus dem Nichts was zusammen, besser kann es nicht sein. Oder wenn Besuch kommt, fragt sie gleich: „Habt’s an Hunger?“ Wenn es dann heißt, danke, nein, man sei eigentlich nicht hungrig, sagt sie: „Ach freilich habt’s an Hunger. Ich koch’ schnell was.“ Vom Vater kommt dann jedes Mal der gleich Gag: „Ist ja klar“, sagt er dann, „bei uns muss immer erst ein Besuch kommen, damit was G’scheits auf dem Tisch steht.“

Meine Oma war genauso, das Kochen hat Mama bei ihr auf der Winklmoos-Alm gelernt. Die haben da droben ja Gäste bewirtet, haben Studenten im Urlaub aufgenommen, die bekocht wurden. Ihre Dampfnudeln sind Weltklasse, aber das gilt eigentlich für alles, was sie kocht: Wenn’s schnell gehen muss, haut die Mama irgendwelche Nudeln ins Wasser und macht eine Soße dazu, die einen dann wirklich umhaut.

Promi-Aufgebot beim "Ball des Sports"

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Bei der Mutter merkt man die Nachkriegsgeneration, sie wirft nie irgendetwas weg, selbst wenn das Ablaufdatum schon überfällig ist. Im Keller steht sogar noch ein Einweckglas von 1935: Bohnen!!! Wenn ich so etwas moniere, sagt sie: „Ach, das Ablaufdatum sagt gar nix. Da, riech amal – einwandfrei! D’ Leut schmeiß’n viel zu viel weg, denk amal an die Kinder in Afrika!“ Immer hat sie im Hinterkopf, dass es Menschen gibt, denen es nicht so gut geht wie uns. Und so hat sie Ameli, meine drei Jahre ältere Schwester, und mich auch erzogen: „Man muss immer schätzen, wenn ein warmes Essen auf dem Tisch steht.“

Ihre soziale Ader zeigt sie vor allem bei ihrem Engagement für die Kinder-Rheuma-Stiftung in Garmisch-Partenkirchen. Unglaublich, welche Energie sie da entwickelt. Sonst jammert sie schon über die vielen Termine, aber wenn es um die Rheuma-Kids geht, niemals. Es ist aber auch bedrückend, mit welchen Belastungen diese Kinder und auch deren Familienangehörigen umgehen müssen. Das Hauptproblem ist, dass die Krankheit zu spät erkannt wird. Mama hilft vielen dieser Kinder, zum Beispiel indem neue Therapien entwickelt werden, Bewegungsstudien an den Kindern durchgeführt werden, aber auch dadurch, dass sozial schwache Familien mit einem rheumakranken Kind gemeinsam Urlaub auf einem Bauernhof mit speziell geschulten Pferden machen können. Bei all ihrem sozialen Engagement steckt nicht irgendeine PR-Geschichte dahinter. Meine Mutter macht das aus dem Herzen heraus.

Felix der Glückliche: Neureuther triumphiert in Kitzbühel

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Jetzt wird sich manch einer fragen: Ja hat denn die Rosi überhaupt keine Schwächen? Klar doch! Und sie wird es verzeihen, wenn ich die eine oder andere hier verrate. Zum Beispiel die, dass sie mit der Orientierung genauso wenig was am Hut hat wie mit der Nutzung von elektronischen Geräten, die ja durchaus das Leben erleichtern könnten. Wohlgemerkt: könnten. Mit solchen Geräten hat sie es überhaupt nicht. Wann immer sie damit konfrontiert wird, gibt’s Probleme, an denen natürlich das Gerät, der Ehemann oder die Kinder schuld sind. Ein Handy? Anschalten funktioniert inzwischen, wenn nicht das Problem mit dem PIN-Code wäre. Aber wenn es darum geht, jemanden anzurufen, oder sogar mal eine SMS zu schreiben – das ist für sie die Höchststrafe. Seit Jahren arbeiten wir jetzt schon mit ihr an dem Problem, aber es macht wenig Sinn. Ein Leben ohne technische Hilfsmittel wäre für sie eh viel schöner.

Die Mutter kann auch ein ziemlich schusseliger und vergesslicher Mensch sein (manche behaupten ja, diese Eigenschaft hätte sie ihrem Sohn vererbt). Mama am Flughafen, Flug nach Japan – Ausweis oder – wie sie sagt – „d’ Kennkarten“ daheim vergessen. Alles schon vorgekommen. Oder wenn ein Haus- oder Autoschlüssel gesucht wird: Da steckt hundertprozentig die Mama dahinter, auch wenn sie es nie war. Und, ganz unter uns: Wenn sie irgendwo alleine hinfahren muss, grenzt es an ein Wunder, wenn sie dort problemlos ankommt, selbst wenn sie die Strecke schon oft gefahren ist.

Was ihre Orientierungslosigkeit angeht, muss man sie natürlich in Schutz nehmen. Wie gesagt: Mama ist droben auf der Winklmoos-Alm aufgewachsen. Da gibt’s ausschließlich Berge – und nur eine einzige Straße hinauf. Sie ist im Winter mit den Skiern nach Seegatterl runtergefahren, dann hat sie dort der Schulbus nach Reit im Winkl abgeholt, und nach der Schule ist sie zu Fuß wieder rauf. Klar, ein Navigationsgerät macht heute ja Sinn, allerdings: Es müsste programmiert werden – hoffnungslos. Auf der Piste klappte es dafür mit der Technik viel viel besser, damals, mit den Bambusstangen.

Was kaum jemand glauben wird: Mama kann ziemlich penetrant sein. Doch, das stimmt. Wenn sie irgendwas stört, wird permanent darauf rumgehackt. Dann fällt ihr alles Mögliche ein: „Das musst Du noch machen und das – und das auch noch.“ Das fängt in der Früh an, wenn sie zum Beispiel darauf drängt, Fanpost zu beantworten. Ich: „Ja, Mama, wenn’s mal passt.“ Dann fällt ihr im selben Moment ein: „Hast Du den alten Kühlschrank in Deiner Wohnung schon weggeräumt? Hast Du Deine Rennanzüge aufgehängt?“ Dann kommen noch zehn Sachen obendrauf, sodass man nur denkt: „Ich muss hier weg.“

Neulich haben uns Journalisten einer Zeitung daheim besucht, die die Mama wegen ihres 60. Geburtstages fotografieren wollten. Sagt ein Fotograf zu mir: „Felix, kannst Du Dich mal hinter die Mama stellen und sie in den Arm nehmen? Da hab’ ich gesagt: „Tut mir leid, das mach’ ich nicht. Wenn ich meine Mama in den Arm nehme, ist das ein sehr persönlicher Moment. Den will ich nicht nach außen tragen.“ Heute, an ihrem 60. Geburtstag, werde ich sie in den Arm nehmen. Aber wenn wir alleine sind.

Von Felix Neureuther

Felix Neureuther, geboren 1984 in Garmisch-Partenkirchen, ist Ski-Rennläufer – wie es einst auch seine Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther waren. In der vergangenen Saison gewann er die Weltcup-Slaloms von Kitzbühel und Garmisch-Partenkirchen und wurde Fünfter im Slalom-Weltcup.

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