Interview

Luchse in Bayern: Der Mensch ist der ärgste Feind

St. Oswald – Der Luchs hat es im Bayerischen Wald nicht leicht. Dabei hat er keine natürlichen Feinde. Doch immer wieder werden Tiere getötet. Ein Gespräch mit Forstwissenschaftler Marco Heurich.

Eine trächtige Luchsin wurde unlängst von einem Unbekannten erschossen. Auf einer Fachtagung im Waldgeschichtlichen Museum St. Oswald befassten sich nun rund 150 Luchsfreunde mit dem Tier. So auch der Forstwissenschaftler Marco Heurich. Ein Gespräch.

Herr Heurich, wer könnte hinter der erschossenen Luchsin stecken? Kommen dafür tatsächlich Jäger infrage?

Schwierig zu sagen. In diesem Fall ermittelt ja die Staatsanwaltschaft und die muss das herausfinden.

Warum lassen sich illegale Abschüsse bei Luchsen so schlecht nachweisen?

Forstwissenschaftler Marco Heurich

Luchse sind ziemlich seltene Tiere. Wir haben einen Luchs pro 10 000 Hektar. Das heißt, man sieht Luchse normalerweise nicht. Wir hatten letztes Jahr den Fall, dass ein Luchs vergiftet wurde. Und wenn man einen Köder auslegt, der präpariert ist, kommt der Luchs, frisst, läuft noch ein Stück und stirbt. Niemand wird diesen Luchs finden, weil einfach viel zu wenige Leute im Wald unterwegs sind. Wir haben den Luchs im letzten Jahr auch nur gefunden, weil er einen Sender hatte. Der jetzige Luchs ist geschossen worden. Da ist die Wahrscheinlichkeit extrem gering, dass das jemand beobachtet hat.

Für wie viele Luchse bietet der Bayerwald theoretisch Raum?

Im Böhmerwald-Ökosystem haben wir anhand der besenderten Luchse Untersuchungen gemacht. Wo sie sich aufhalten und gerne aufhalten. Das haben wir als Grundlage für ein Vorhersagemodell genutzt. Wo könnten Luchse überall leben anhand von diesen Telemetriedaten? Und anhand der Größe der Streifgebiete, die so ein Tier hat, haben wir berechnet, wie viele Luchse in so einem Gebiet unterkommen können. Da sind wir auf eine Zahl von etwa 50 Tieren gekommen. Tatsächlich sind es im Bayerischen Wald und dem Sumava Nationalpark in Tschechien nur etwa 16 Tiere.

Die Lebensraumbedingungen sind im Bayerwald für Luchse aber eigentlich hervorragend.

Das stimmt. Luchse haben als Lebensraum oft große Wälder. Und sie brauchen Beutetiere. Im Bayerischen Wald und Böhmerwald hat man eben große Wälder. Und was noch dazukommt: Sie sind unzerschnitten. Möglichst ohne viele große Straßen oder viel Verkehr.

Hat der Freistaat Nachholbedarf bei der Verfolgung von Naturschutzkriminalität?

Es wurde versucht, denjenigen zu schnappen, der 2012 die Luchsin Tessa vergiftet hat. Da ist alles optimal gelaufen. Natürlich kann ich als Nationalparkmitarbeiter kein Statement dazu abgeben, wie andere Behörden im Freistaat ermitteln.

Wie hat sich die Population seit der Auswilderung entwickelt?

Es gab zwei Wiederansiedlungen. Die eine war 1970. Das war allerdings eine heimliche Maßnahme. Das war damals nicht vom Gesetz geregelt. Deshalb hat man Luchse einfach freigesetzt. Die sind danach wieder verschwunden, weil das nicht professionell gemanagt war. Die jetzigen Luchse gehen auf eine Aussetzung zwischen 1982 und 1987 zurück. Da wurden 17 Luchse freigelassen. Warum sie sich nicht ausbreiten, obwohl regelmäßig drei bis neun Junge im Jahr festgestellt werden, ist die große Frage.

Ist das, was im Moment mit dem Luchs passiert, ein schlechtes Omen für die Ansiedlung von anderen Beutegreifern wie dem Wolf?

Wölfe werden ja nicht angesiedelt. Die kommen von selbst. Ausgehend von der Lausitz in Ostsachsen breiten sie sich in den letzten Jahren aus. Sie haben ein sehr großes Vermehrungspotenzial. In Deutschland gibt es heute so um die 100 Wölfe.

Ist die Beutekonkurrenz durch den Luchs wirklich so gravierend – immerhin reisst ein Luchsmännchen bis zu 60 Rehe im Jahr?

Er wird als Konkurrent empfunden. Aber man muss differenzieren. Der überwiegende Teil der Jäger steht dem Luchs positiv gegenüber. Es ist nur eine kleine Gruppe, die zu solchen illegalen Handlungen bereit ist. Dadurch, dass Luchse so große Streifgebiete haben, reichen eigentlich wenige Personen aus, um ihn auszurotten. Wenn der Luchs ein Reh oder einen Hirsch gerissen hat, kommt er die nächsten drei bis fünf Tage zurück zu seinem Riss. Wenn ich da den Riss vergifte, habe ich eine große Wahrscheinlichkeit, dass er am nächsten Tag wiederkommt und davon frisst. Oder ich warte da mit dem Gewehr und erschieße das Tier.

Welche Rolle spielen Autos und Krankheiten?

Krankheiten spielen beim Luchs nur eine untergeordnete Rolle. Ausgenommen ist die Räude, quasi eine Milbe, die sich unter die Haut frisst. Exkremente, die die Milben da legen, lösen allergische Reaktionen aus. Das kann zum Tod führen, wurde in den letzten Jahren bei uns aber nicht beobachtet. Der Straßenverkehr spielt eine Rolle. In Bayern wird jedes Jahr ein Luchs überfahren.

Was muss zum Schutz des Luchses getan werden?

Wir haben in den letzten Jahren sehr viel Akzeptanz-Arbeit geleistet. Es gibt aber kein Patentrezept. Einen Konflikt mit dem Luchs gibt es nicht. Es gibt einen Konflikt zwischen Menschen. Zwischen Naturschützern die den Luchs wollen, und Gruppen, die ihn nicht wollen. Diese beiden Gruppen müssen miteinander reden und Konzepte entwickeln.

Interview: Andreas Huber

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