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Endloses Warten: Amir lebt seit über einem Jahr im Ankerzentrum in Bamberg. Bei einer Pressekonferenz des Flüchtlingsrats schilderte er seinen Alltag. 

Krank machende Flüchtlingsunterkünfte 

Menschenunwürdig: Helfer fordern Abschaffung der Ankerzentren in Bayern

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Seit einem Jahr gibt es in Bayern Ankerzentren – die Kritik von Ehrenamtlichen und Flüchtlingsorganisationen ist nach wie vor groß. Die Unterbringung dort sei menschenunwürdig, betonen sie – und fordern die Abschaffung der Massenunterkünfte.

München – Seit Amir im Ankerzentrum in Bamberg lebt, hat er kaum noch eine Nacht durchgeschlafen. Es ist immer laut nachts. Besonders dann, wenn die Polizei auftaucht, um Menschen abzuholen, die in ihre Heimatländer abgeschoben oder in die EU-Länder zurückgeführt werden sollen, in denen sie zuerst Asyl beantragt haben. „Dann kommen alle Bewohner aus ihren Zimmern, alle schreien“, berichtet er. Die Security-Mitarbeiter würden hart durchgreifen. Viel härter als nötig, sagt Amir. Einmal habe er beobachtet, wie ein Security-Mann einer schwangeren Frau sein Knie in den Rücken drückte. Seit er dort untergebracht ist, hätten 20 Bewohner versucht, sich das Leben zu nehmen. Amir lebt seit über einem Jahr in dem Ankerzentrum in Bamberg. Er wartete dort bereits auf sein Asylverfahren, als das Lager in Bamberg offiziell noch ein Ankunfts- und Rückführungszentrum war. Am 1. August 2018 wurde es umgewandelt. Seitdem gibt es in jedem bayerischen Regierungsbezirk ein Ankerzentrum und rund 20 weitere Dependancen.

Ankerzentren: Durch Klageverfahren leben Flüchtlinge hier länger als vorgesehen

Eingerichtet wurden die Ankerzentren mit dem Ziel, die Dauer der Asylverfahren zu verkürzen. Die Verfahren seien dadurch schneller und effizienter geworden, betont das Innenministerium. Die meisten Asylsuchenden würden dort nicht mehr Zeit als drei Monate verbringen. Knapp ein Drittel (die Menschen mit positivem Bescheid) sogar weniger als zwei Monate.

Doch Amir ist kein Einzelfall. Laut Anna Fröhlich, Fachanwältin für Migrationsrecht, würden viele Menschen über Jahre dort leben. „Denn die meisten klagen gegen einen negativen Asylbescheid“, erklärt sie. „Die Klageverfahren dauern dann weitere zwei bis drei Jahre.“ Die Ankerzentren seien rechtsfreie Räume, sagte Fröhlich. Die Asylsuchenden würden dort lediglich Infomaterial zum Verfahren bekommen, aber keine Rechtsberatung, wie es die Aufnahmerichtlinie vorsieht. Fröhlich bietet mit rund 20 Anwälten in Manching bei Ingolstadt Beratung an. Sie fordert, dass die Anwälte dafür in die Einrichtungen dürfen.

Auch ehrenamtliche Helfer fordern seit einem Jahr Zugang zu den Ankerzentren. In den dezentralen Einrichtungen, in denen die Helfer vor Ort sind und viele Probleme entschärfen würden, gäbe es kaum Polizeieinsätze, betont Joachim Jacob von der Organisation VETO Bayern. „Dort gibt es auch keine Security-Mitarbeiter, sie sind nicht nötig“, berichtet er. „Die Menschen, die aus den Ankerzentren dorthin kommen, sind gebrochen. Sie haben keinen Antrieb mehr“, berichtet er. Vor allem für Kinder und Familien seien die Lebensbedingungen in den Zentren nicht akzeptabel.

Ankerzentren machen gesunde Menschen krank

Das bestätigt die Psychotherapeutin Stephanie Hinum, die für „Ärzte der Welt“ die Bewohner des Ankerzentrums Manching betreut. „Die Zustände dort machen psychisch gesunde Menschen krank und psychisch Kranke noch kränker. Viele Frauen würden mit ständiger Angst vor Übergriffen leben, es gebe keine Privatsphäre. „Menschen, die eine traumatische Flucht hinter sich haben, gehören nicht in Massenunterkünfte“, betont Hinum. Ihre Organisation fordert wie auch der Flüchtlingsrat deshalb die sofortige Abschaffung der Ankerzentren.

Das Innenministerium weist die Kritik zurück. Um die Sicherheit in den Einrichtungen zu verbessern, sei der Sicherheitsdienst von knapp 400 auf mehr als 500 Mitarbeiter aufgestockt worden, berichtet ein Sprecher. Die Security habe konkrete Vorgaben zur Wahrung der Privatsphäre, dazu gehöre es zum Beispiel anzuklopfen. Badezimmer dürften vom Sicherheitsdienst nur in Notfällen betreten werden.

Um die Konflikte zu entschärfen, werden seit Kurzem in den bayerischen Zentren 16 speziell geschulte Gewaltschutzkoordinatoren eingesetzt, die auch mit den lokalen Fachstellen vernetzt sind. Zu pauschalen Vorwürfen gegen Sicherheitspersonal könne man sich nicht äußern, so der Sprecher. Aus Sicht des Ministeriums hätten sich die Anker-Einrichtungen hervorragend bewährt. „Wir halten an diesem erfolgreichen Konzept fest.“

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Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet der Schongauer Asylkoordinator Jost Herrmann, was Regierungsvertretern bei ihremBesuch im Ankerzentrum in Manching bei Ingolstadt aufgefallen ist. 

Vor dem Ankerzentrum in Deggendorf kam es zu einer Schlägerei. Die Polizei musste eingreifen - dabei wurde auch ein Polizeibeamter verletzt.

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