Ergoldingerin schaltet Anwalt ein

„Menschenunwürdig“: Polizei fesselt Angehörige nach Unfall an Mast

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Andrea P. ist stinksauer - sie wurde nach einem Unfall durch die Polizei an einen Mast gefesselt. „Das war menschenunwürdig“, schimpft sie. Die Ermittler stellen alles etwas anders dar.

Ergolding - Ihr Vater lag regungslos auf der Straße, Sanitäter beugten sich über ihn. Daneben standen ein Polizeiauto und der Krankenwagen. Aus den Fenstern der umliegenden Häuser schauten Leute auf den Unfall herunter. Es war dieses Szenario, das für An­drea P. (45, Name geändert) aus Ergolding mit einer öffentlichen Demütigung endete. Denn: Ein Polizist fesselte die 45-Jährige mit Handschellen an einen Fahnenmast, weil sie angeblich nicht zu beruhigen war. Andrea P. sieht das anders: „Ich war aufgeregt. Wenn der eigene Vater verletzt auf der Straße liegt, ist das doch verständlich.“ Möglicherweise habe sie einen Platzverweis des Polizisten in der Aufregung überhört. „Aber mich zu fesseln wie eine Verbrecherin, das geht gar nicht“, sagt sie unter Tränen zur tz: „Das war menschenunwürdig.“

Es geschah vor mehreren Wochen in Ergolding: Die Tochter von Andrea P. will abends zu einem Autohändler. Ihr Freund fährt. Der Opa folgt mit dem Roller. Die Fahrzeuge biegen links ab. Da geschieht es: Der Opa wird im Kreuzungsbereich von einem Audi erfasst und mitgeschleift. Die geschockte Enkelin ruft sofort ihre Mutter an, die beim Autohändler wartet. Andrea P. rennt derweil zum Unglücks­ort und sieht ihren Vater auf der Straße liegen. „Mir ist der Schock in die Glieder gefahren.“ Die Sanitäter legen dem 76-Jährigen gerade eine Halsmanschette an. „Bitte nicht zu eng, mein Vater kriegt sonst Panik“, sagt die Tochter. Und weist die Rettungskräfte noch auf Medikamente hin, die ihr Vater nimmt. „Das ist doch wichtig für die weitere Behandlung“, sagt die Zahnarzthelferin. Doch die Sanitäter verbitten sich jede Einmischung.

In ihrer Angst um ihren Vater geht sie auch auf den Unfallfahrer zu, der abseits auf dem Gehsteig wartet. Andrea P.: „Ich wollte ihn zur Rede stellen. Ich war der Meinung, dass er viel zu schnell war. Bremsspuren gab es auch keine.“ Sicher, sie sei schon sehr aufgeregt gewesen, vielleicht auch laut. „Aber ich wurde nicht handgreiflich. Dafür gibt es viele Zeugen.“ Trotzdem erteilt einer der Polizisten ihr einen Platzverweis und droht mit der Fesselung an den Fahnenmast.

Andrea P.: „Das habe ich irgendwie nicht richtig realisiert.“ Sie läuft weiter aufgeregt zwischen dem am Boden liegenden Vater und dem Unfallfahrer hin und her. Da packt sie der Beamte am Arm und führt sie zum Mast. „Dann hat er mich mit Handschellen daran festgemacht. Ziemlich fest, ich hatte danach blaue Flecken.“ Immer wieder ruft sie dem Polizisten zu, er solle sie freimachen. „Ich hatte Schmerzen an den Handgelenken!“ Doch der Beamte ignoriert sie. „Zwanzig Minuten war ich fixiert, ich habe nur geweint“, erzählt Andrea P. Besonders erniedrigend: Die vielen Zuschauer, die sich über sie amüsierten. Schließlich löst der Polizist die Handschellen.

Die Ergoldingerin, die sich nie etwas zuschulden hat kommen lassen, hat einen Anwalt eingeschaltet. „Ich möchte das nicht auf sich beruhen lassen. Ich bin keine durchgeknallte Frau, die man fesseln muss!“ Nach erster Einschätzung des renommierten Ergoldinger Strafverteidigers Hans Ulrich Jeromin war die Fesselung „in dieser Form bzw. an einer solchen Stelle unverhältnismäßig und deshalb schon rechtswidrig, unabhängig, was einer solchen Maßnahme nach Anschauung der Polizei vorausgegangen sein soll“. Von mehreren möglichen und geeigneten Maßnahmen habe die Polizei von Rechts wegen nur diejenige zu treffen, die den Einzelnen am wenigsten beeinträchtigt. „Eine Maßnahme der Polizei darf niemals zu einem Nachteil führen, der zu dem erstrebten Erfolg erkennbar außer Verhältnis steht.“ Nach Schilderungen seiner Mandantin handelte es sich um eine „erniedrigende wie menschenunwürdige Behandlung“. Der Polizeibeamte hätte einen anderen Weg finden müssen, eine verständlicherweise aufgeregte Frau zu beruhigen.

Für Sprecher Stefan Scheibenzuber von der zuständigen Polizei Landshut stellt sich die Sachlage so dar: „Die Dame hat massiv die Unfallaufnahme gestört und ist einem Platzverweis nicht nachgekommen. Sie war schlichtweg unbelehrbar.“ In dieser Situation habe sich der Beamte entschieden, die Frau in Gewahrsam zu nehmen und am Mast zu fixieren. „Man hätte sie auch fesseln und mit dem Dienstwagen in die In­spektion fahren können“, räumt Scheibenzuber ein. „Aber da hätte die freiheitsentziehende Maßnahme länger gedauert.“ So dauerte die Fesselung laut Polizei aber fünf bis sechs Minuten bis zur Beendigung der Unfallaufnahme. Übrigens: Als Verursacher des Unfalls wird der Audifahrer geführt.

Jacob Mell

Rubriklistenbild: © dpa

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