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Rettungsmannschaften arbeiten am 9. Februar am Unglücksort.

Ursache war Fehler des Fahrdienstleiters

Unglück von Bad Aibling: "Er wird für immer mit der Schuld belastet sein"

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Bad Aibling - Der Fahrdienstleiter muss sich für einen Fehler verantworten, der elf Menschen das Leben gekostet hat. Eine schwere Bürde. Jeder geht anders mit Schuld um, betont Professor Florian Holsboer. Doch der Münchner Psychologe und Depressionsforscher ist sicher: Loslassen wird ihn die Schuld nie mehr.

Der Fahrdienstleiter hat einen Fehler gemacht und damit das Zugunglück von Bad Aibling verursacht. Wird er das jemals verarbeiten können?

Professor Florian Holsboer ist Neurowissenschaftler und Depressionsforscher.

Wie man mit so einer Situation umgeht, ist im Einzelfall sehr verschieden und schwer vorhersehbar. Es hängt auch von der psychischen Widerstandskraft ab. Der Eine versucht vielleicht, die Schuld von sich wegzulenken. Zum Beispiel durch die Frage, warum es keine Sicherheitsmechanismen gibt, die die tragischen Folgen von menschlichen Fehlern verhindern. Der Andere wird nie wieder froh und an einer posttraumatischen Stresserkrankungen leiden. In jedem Fall liegt vor dem Fahrdienstleiter und seiner Familie eine schwere Zeit. Er wird ein Leben lang mit dieser Schuld belastet sein.

Haben Sie einmal jemanden begleitet, der in einer ähnlichen Situation war?

Ja, bei einem Unfall. Wobei damals die Schuldfrage nicht so eindeutig war. Ein typisches Muster der Betroffenen ist es, die Schuld nicht zu hundert Prozent auf die eigenen Schultern zu nehmen. Das ist ein Selbstschutz – oft auch ein berechtigter.

Der Fahrdienstleiter muss nicht nur mit seiner Schuld leben, sondern vermutlich auch mit Anfeindungen...

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Menschen ihn oder seine Familie diffamieren werden. Ich glaube, dass Stigma wird nicht so groß sein. Die Familie kann letztendlich nichts dafür. Und wer macht keine Fehler?Aus meiner Erfahrungen gehen Anfeindungen von außen sehr schnell vorbei. Die Erinnerungen der Betroffenen an das Unglück aber nicht. Es wird lange sein erster Gedanke sein, wenn er aufwacht.

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Zugunglück: So kam es zu dem verhängnisvollen Signal

Wie arbeitet ein Fahrdienstleiter?

Viele versuchen, traumatische Erfahrungen zu verdrängen. Diese Chance hat der Fahrdienstleiter nicht – das Unglück ist überall präsent, er hat noch viele Aussagen vor sich. Kann das ein Vorteil sein?

Ich empfehle auf jeden Fall, sich mit belastenden Ereignissen auseinanderzusetzen. Sei es mit Anwälten, der Polizei oder im Familienkreis. So etwas lässt sich nicht dauerhaft verdrängen. Irgendwann kommt doch alles an die Oberfläche – und ist dann umso schlimmer.

Auf den Mann kommen strafrechtliche Folgen zu. Hilft das bei der Verarbeitung?

Ja. Ein Anwalt wird ihm erklären, dass er nicht ganz allein schuld ist. Es wird diskutiert werden, dass ein Mechanismus hätte greifen müssen. So grausam es klingt, aber die rechtliche Auseinandersetzung und der Versuch, die Schuld etwas zu mildern, werden ihm helfen.

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