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Gewalt in der Schule - ein Problem auf vielen Pausenhöfen.

15-Jähriger erpresste Schüler wochenlang

Rosenheim - In Rosenheim haben Schüler wochenlang Schutzgelder an einen 15-Jährigen bezahlt. Jetzt hat die Polizei den Übeltäter gestellt.

 „Joe“, wie er von seinen Opfern genannt wird, ist ein 15-jähriger Rosenheimer, der auf die schiefe Bahn geraten ist. Die Schule hat er schon verlassen, er hat weder Ausbildung noch Arbeit. Wochenlang hat eben dieser „Joe“ den 13-jährigen Realschüler Karl (Name geändert) erpresst. Immer wieder stand der Bub vor der Wahl: Zahlen oder verprügelt werden. Immer wenn „Joe“ auf dem Pausenhof oder im Schulumfeld aufkreuzte, kam es zu Raufereien. Deshalb hatte Karl lange Angst davor, seiner Mutter oder den Lehrern etwas davon zu erzählen. Er wollte nicht verprügelt werden von seinem Erpresser und dessen „Freunden“. Schließlich schüttete der 13-jährige sein Herz im Forum von OVB online aus. Die Polizei ermittelte und hatte den Übeltäter schnell gefunden: Ein 15-jähriger rumänischer Staatsangehöriger, den die Polizeibeamten gut kennen, weil er schon einiges ausgefressen hat: Körperverletzungsdelikte, Diebstähle, jetzt also auch Erpressung und Nötigung.

Karl war übrigens nicht der einzige Name, den der 15-Jährige auf seiner Schutzgeldliste hatte. Gestern vernahm die Polizei einen 15-jährigen Hauptschüler, der 20 Euro zahlen musste, um nicht verprügelt zu werden. Vieles deutet darauf hin, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Die Ermittlungen der Rosenheimer Polizei laufen. Mögliche weitere Opfer, die bedroht, erpresst oder genötigt wurden, werden gebeten sich unter Telefon 0 80 31/2000 mit der Rosenheimer Polizeiinspektion in Verbindung zu setzen.

Auch wenn der Täter ermittelt ist – die Angst bleibt ein ständiger Begleiter von Karl, der nicht mehr ohne Freunde aus dem Haus geht und sich von der Schule abholen lässt. Denn einen 15-jährigen Straftäter kann man weder wegsperren noch zur Arbeit oder zur Teilnahme an freiwilligen Hilfsangeboten zwingen – geschweige denn in die rumänische Heimat abschieben. Die alleinerziehende Mutter scheint mit ihrem Sohn überfordert zu sein. Welche Anstrengungen das Stadtjugendamt unternimmt, um den Jugendlichen von der Karriere eines Kriminellen zu bewahren, war gestern nicht zu erfahren. Ist der Fall „Joe“ ein Indiz dafür, dass die Gewalt an heimischen Schulen immer stärkere Ausmaße annimmt? Die Polizei betont, dass es sich nicht um ein „Schulproblem“ im eigentlichen Sinn handelt. Schließlich kommt der Täter von außerhalb. Zudem handele es sich um einen Ausnahmefall.

Ein Polizist sprach von einer „hohen kriminellen Energie“, wie man sie bei einem 15-Jährigen in dieser Ausprägung nur selten feststelle. Eine Bewertung, die sich dem den Ausführungen der Autorin und Schulgewaltexpertin Christine Kammerer deckt, die eine Arbeit mit dem Titel „Abziehen und Abzocken – Erpressung und Diebstahl unter Jugendlichen“ verfasst hat. Erpressung und Diebstahl finden laut Kammerer in erster Linie außerhalb des Schulhofs statt. Das verringere das Risiko, entdeckt zu werden. Zum direkten Einfordern von Geld oder Gegenständen komme es erst, „wenn die Täter bereits eine längere Gewaltkarriere hinter sich gebracht haben“.

Was im strafrechtlichen Sinn den Tatbestand des Raubs oder der räuberischen Erpressung erfüllt, wird in der Jugendsprache als „Abziehen“ und „Abzocken“ verharmlost. Selten handele es sich um Einzeltäter. In der Regel treten „Abzocker“ in der Gruppe auf, die zumeist feste Treffpunkte zum „Abhängen“ und zum Warten auf ein potenzielles Opfer hat – im Fall „Joe“ der Rosenheimer Busbahnhof.

Von Klaus Kuhn

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