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John Demjanjuk heute (re.) und das Foto aus seinem Dienstausweis.

Zum Beginn des Kriegsverbrecher-Prozesses:

Der Fall Demjanjuk

München - Der Prozess macht seit Monaten weltweit Schlagzeilen. Ab heute steht der mutmaßliche Kriegsverbrecher John Demjanjuk nun vor dem Münchner Schwurgericht.

Hunderte Journalisten aus aller Herren Länder werden den Fall verfolgen. Wir fassen zum Prozessbeginn alles Wichtige zusammen:

Wer ist der Angeklagte?

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Riesiger Medienandrang bei Demjanjuk-Prozess

Iwan Nikolajewitsch Demjanjuk wurde am 3. April 1920 als Sohn eines Bauern in einem Dorf in der Ukraine geboren. Er arbeitete dort – bis er im Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee eingezogen wurde. Die deutsche Wehrmacht nahm ihn im Mai 1942 auf der Krim gefangen. Nach Kriegsende 1945 meldete er sich in einem Auffanglager, heiratete eine ukrainische ehemalige Zwangsarbeiterin und wanderte mit ihr 1952 in die USA aus. Er wurde Ford-Arbeiter, erhielt die US-Staatsbürgerschaft und lebte als John Demjanjuk mit Frau und drei Kindern nahe Cleveland/Ohio.

Was wirft ihm die Anklage vor?

Beihilfe zum Mord an 27 900 jüdischen Männern, Frauen und Kindern: Die SS soll den 22-jährigen Demjanjuk im Kriegsgefangenenlager als Hilfswilligen rekrutiert und im Lager Trawniki ausgebildet haben. Als bewaffneter Wachmann soll er 1943 im Vernichtungslager Sobibor (Ostpolen) geholfen haben, alle Ankömmlinge aus den Waggons in die Gaskammern zu treiben.

Bilder: Die Abschiebung des NS-Verbrechers Demjanjuk

Die Abschiebung des NS-Verbrechers Demjanjuk

Was sagt Demjanjuk?

Er bestreitet alle Vorwürfe und behauptet, er sei bis 1944 lediglich Kriegsgefangener gewesen. Bei seiner Einwanderung in die USA hatte er folgende Geschichte erzählt: Er sei von 1936 bis 1943 Arbeiter auf einem Bauernhof in Sobibor gewesen, später bei der Eisenbahn in München. Seine Verteidiger argumentieren ganz anders: Er war bei seiner Gefangenschaft erst 22 Jahre, in den Augen der Nazis ein Untermensch und vor der Wahl zu verhungern oder als Handlanger der Deutschen zu überleben. Viele SS-Männer, die beim Massenmord in Sobibor und anderen Lagern geholfen hatten, sind wegen „Befehlsnotstands“ freigesprochen oder nicht angeklagt worden.

Wie fand ihn die Justiz?

Die US-Behörden bekamen 1976 aus der Sowjetunion einen von der SS ausgestellten Dienstausweis, dem zufolge Demjanjuk 1943 nach Sobibor abkommandiert worden war. Zehn Überlebende des Vernichtungslagers Treblinka sagten aber überraschend, der Mann auf dem Ausweisfoto sei „Iwan der Schreckliche“, der in Treblinka Frauen Brüste abgeschnitten und Gaskammern bedient haben soll. Demjanjuk wurde nach Israel ausgeliefert und 1988 dort zum Tode verurteilt. Aber als die Sowjetunion zusammenbrach, kam heraus, dass ein Mann namens Iwan Martschenko der berüchtigte Mörder von Treblinka gewesen war. Iwan Demjanjuk wurde nach sieben Jahren Gefängnis freigesprochen und kam in die USA zurück.

Warum kommt Demjanjuk nun in München vor Gericht?

Die US-Behörden ermittelten wegen Sobibor weiter gegen Demjanjuk und erkannten ihm die Staatsbürgerschaft erneut ab. Die USA, Polen und die Ukraine konnten oder wollten ihn nicht vor Gericht stellen. Die Zentrale Ermittlungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg übernahm – und gab den Fall an die Münchner Justiz ab: Demjanjuk hatte vor seiner Auswanderung in Starnberg gelebt. Im März 2009 lag der Haftbefehl vor, im Mai wurde Demjanjuk aus den USA abgeschoben.

Welche Beweise führt die Staatsanwaltschaft an?

Demjanjuks von der SS unterschriebener Dienstausweis Nummer 1393 wurde vom Landeskriminalamt als echt eingestuft. Er ist das wichtigste Beweismittel. Unter dem Foto, Namen und Geburtsdaten steht: „Abkommandiert am 27.3.43 zu Sobibor.“ In einem sowjetischen Kriegsverbrecherprozess in den 50er-Jahren soll der Ukrainer Ignat Daniltschenko ausgesagt haben, Demjanjuk habe mit ihm in Sobibor Juden ins Gas getrieben. Im bayerischen KZ Flossenbürg wurde Demjanjuk zudem unter derselben Dienstnummer 1393 geführt (wie im Dienstausweis). Im Wachbuch wurde im Oktober 1943 die Ausgabe eines Gewehrs an Wachmann Demjanjuk vermerkt. Ein anderer Trawniki hatte ausgesagt, er sei mit Demjanjuk in Flossenbürg gewesen.

Welche Strafe droht Demjanjuk?

Auf Beihilfe zum Mord stehen drei bis 15 Jahre Freiheitsstrafe. In die USA darf er auf keinen Fall mehr zurück.

tz

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