Missbrauchsbericht: Lob für Offenheit

München - Der Missbrauchsbericht der katholischen Kirche im Erzbistum München und Freising sorgt mit seiner schonungslosen Aufarbeitung vergangener Jahrzehnte weiter für große Aufmerksamkeit,

Die aufgedeckten Vertuschungsmechanismen in der Kirche müssten aber nicht nur in München, sondern in ähnlicher Form auch bundesweit aufgearbeitet werden, forderte der Sprecher der Reformbewegung “Wir sind Kirche“, Christian Weisner.

Der Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx versprach, dass aus dem Bericht die nötigen Konsequenzen gezogen würden. Eine neue Kultur des Hinsehens sei nötig, sagte Marx am Samstag in einem Radiobeitrag für den Bayerischen Rundfunk (BR). “Achtet besser aufeinander, seid aufmerksam, wenn Ihr den Eindruck habt, dass irgendjemandem Leid geschieht.“ Aus dem Bericht über sexuelle und andere körperliche Übergriffe in den vergangenen sechs Jahrzehnten im Münchner Erzbistum müssten Konsequenzen gezogen werden. “Und das tun wir auch, damit möglichst nie wieder Menschen Missbrauch und Gewalt erleiden müssen. Denn die Kirche soll ja ein Ort der Gewaltlosigkeit und Liebe gerade für die Kleinen und Schwachen sein“, sagte Marx nach Angaben des Erzbischöflichen Ordinariats.

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) lobte den kirchlichen Aufklärungswillen. “Die katholische Kirche hat einen eindeutigen Schnitt gemacht, und dafür bin ich ihr sehr dankbar“, sagte Merk nach Angaben eines Sprechers. “Es ist klar erkennbar, dass jetzt die Opfer wirklich im Mittelpunkt stehen.“

In einer bundesweit bisher einzigartigen Studie hatte die Münchner Rechtsanwältin Marion Westpfahl als unabhängige Gutachterin untersucht, welche innerkirchlichen Strukturen die Missbrauchsaffäre überhaupt erst ermöglicht hatten. Dafür ließ die frühere Staatsanwältin und Richterin in kirchlichem Auftrag mehr als 13 000 Akten des Erzbistums München und Freising aus den Jahren 1945 bis 2009 durchforsten. Das Ergebnis wurde am vergangenen Freitag veröffentlicht: Westpfahl stellte eine systematische Vertuschung von Missbrauchsfällen und eine massive Aktenvernichtung durch Kirchenmitarbeiter fest, ebenso ein falsch verstandenes “brüderliches Miteinander“ in der Kirche und eine völlige Missachtung der Opfer.

Westpfahls Bericht zeigt nach Ansicht der Reformbewegung “Wir sind Kirche“, dass eine umfassende Neuausrichtung der Amtskirche notwendig ist. Es reiche nicht aus, die Prävention zu stärken und mit verbesserten Strukturen künftig eine Vertuschung zu verhindern, sagte “Wir sind Kirche“-Sprecher Weisner am Freitagabend der Nachrichtenagentur dpa in München. Nach seiner Auffassung gibt es einen Zusammenhang zwischen der Missbrauchsaffäre einerseits und der kirchlichen Sexualmoral sowie der Priesterverpflichtung zur Ehelosigkeit (Zölibat) andererseits. So sei in der Kirchenlehre die zentrale Frage zum Zölibat weiter ungeklärt, ob ein Mensch seine Sexualität wirklich völlig negieren könne.

Überfällig ist nach Ansicht Weisners der Brief an die Gemeinden vom Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Robert Zollitsch, zur Missbrauchsaffäre, der bereits für Ende November angekündigt worden und offenbar am Widerstand einzelner Bischöfe gescheitert sei. Weisner nannte es auch bedauerlich, dass die Amtszeit des früheren Münchner Erzbischofs Joseph Ratzinger - des heutigen Papstes - in Westpfahls Untersuchung “ein blinder Fleck geblieben ist“. Dies hänge wohl auch mit der Aktenvernichtung übereifriger Kirchenmitarbeiter zusammen.

Wirtschaftsaufschwung lässt Kirchensteuern sprudeln

Der Wirtschaftsaufschwung in Deutschland lässt die Kirchensteuern stärker sprudeln als erwartet. Vor allem evangelische Landeskirchen freuen sich über zusätzliche Mittel in größerem Umfang, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab. Einige verbuchen sogar höhere Steuereinnahmen als im Vorjahr, andere zumindest mehr Geld als ursprünglich veranschlagt. Verwendet wird es für Rücklagen oder um verschobene Bauprojekte doch in Angriff zu nehmen.

Auch etliche katholische Bistümer und Diözesen stehen im Vergleich zur früheren Prognosen finanziell etwas besser da. Die Entlastungen sind hier jedoch nicht ganz so groß - auch weil Katholiken ihrer Kirche als Reaktion auf die Missbrauchsskandale in diesem Jahr in stärkerem Maße den Rücken kehrten. Lange wird der Geldsegen indes nicht anhalten, das wissen die Kirchen. Weil sie schon allein wegen der demografischen Entwicklung dauerhaft Mitglieder verlieren, wird auch die Finanzkraft ihrer Gemeinden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter sinken - und zwar dramatisch. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, spricht deshalb von einem “Zwischenhoch“.

Seiner Heimatkirche, der Evangelischen Kirche im Rheinland, spült der Wirtschaftsaufschwung dieses Jahr immerhin 75 Millionen Euro mehr Kirchensteuer in die Kassen: Statt der zunächst geschätzten 490 Millionen Euro werden jetzt 565 Millionen erwartet. Für das kommende Jahr rechnet die zweitgrößte evangelische Landeskirche mit einem ähnliches Niveau. Die Hannoversche Kirche als Nummer eins wird das Jahr voraussichtlich mit einem Plus von 20 Millionen Euro abschließen. Dank entspannter Finanzlage will sie Sparvorgaben für die kommenden Jahre lockern. Die Nordelbische Landeskirche nimmt 2010 mit 330 Millionen Euro etwa zehn Prozent mehr Kirchensteuer ein als 2009. Auch der Finanzverantwortliche der badischen Landeskirche, Hermann Rüdt, sagt: “Es sieht besser aus als noch vor kurzem befürchtet.“ Und die evangelische Kirche in Hessen-Nassau plant für kommendes Jahr 400 Millionen Euro an Kirchensteuereinnahmen ein, elf Prozent mehr als in diesem Jahr.

“Wir teilen das Schicksal der Menschen und der Volkswirtschaft - geht es den Menschen gut, geht es uns auch besser“, sagt der Finanzchef der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thomas Begrich. Selbst Landeskirchen in wirtschaftlich weniger starken Regionen, etwa Mitteldeutschland und Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, können ihre Steuereinnahmen dank guter Konjunktur stabil halten - trotz sinkender Mitgliederzahlen. Ihnen geht es damit besser als noch zu Jahresbeginn erwartet.

Von insgesamt stabilen Einnahmen geht auch die Katholische Kirche aus. “Wir rechnen zurzeit damit, dass die Kirchensteuereinnahmen 2010 knapp das Niveau 2009 erreichen werden, dieses lag bei 4,9 Milliarden Euro“, sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Das Bistum Würzburg plant im laufenden Jahr mit 131 Millionen Euro - das sind 7 Millionen weniger als im Vorjahr, aber 8 Millionen mehr als zunächst erwartet. Das Erzbistum Bamberg rechnete nach 126,7 Millionen Euro im Vorjahr für 2010 mit einem Minus von mehr als elf Prozent. Dank besserer Wirtschaftslage und guter Arbeitsmarktentwicklung beträgt der Rückgang nunmehr wohl lediglich vier Prozent, wie Vize-Finanzdirektor Mathias Vetter sagte. Auch das Bistum Hildesheim erklärte, der befürchtete Kirchensteuer-Einbruch sei ausgeblieben.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart rechnet im laufenden Jahr mit einem Steuerrückgang von etwa fünf Prozent. Dazu dürften auch die hochgerechnet rund 20 000 Kirchenaustritte beitragen, die das Bistum für das Jahr registriert - auch wegen des Missbrauchsskandals. 2009 waren es 10 600. “Wir gehen davon aus, dass die Missbrauchstragödie für viele der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagte Generalvikar Clemens Stroppel.

dpa

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