Vania B. (44) kam vom Urlaub bei ihrer Familie in Brasilien nicht zurück. Ihr Ehemann Nikolaus wartete vergeblich

AF 447: Der Schicksalsflug

Trauer um die Opfer des Airbus-Absturzes

München - Sie kehren wohl nicht zurück: 42 Passagiere von Todesflug Air France 447 wollten nach Deutschland weiterfliegen – darunter 26 Deutsche.

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Elf von ihnen wollten weiter nach Stuttgart, sechs nach Berlin und neun flogen weiter Richtung München. Am Dienstag bestätigten der bayerische Innenminister Joachim Herrmann und das Landeskriminalamt den entsprechenden Bericht der tz. Bei den Passagieren soll es sich um sechs Männer und drei Frauen handeln.

Die bayerischen Behörden haben von der Fluggesellschaft Air France nur Namen und Geschlecht der Passagiere bekommen. Jetzt versuchen die Ermittler die Menschen im Freistaat ausfindig zu machen. Das dauert. Möglicherweise könnte die Aufklärung bis Mittwoch dauern.

Noch gibt es nur Vermutungen: Der Nürnberger Fluggast stammt wohl aus Erlangen , ein weiterer Mann wollte weiter nach Sachsen. Drei Münchner waren wohl alleine unterwegs – darunter die an der Isar lebende Vania B. (44) und der Architekt Moritz Kock (54). Auf einige der Passagiere warteten am Montag am Flughafen die Angehörigen. Sie wurden per Durchsage zum Schalter der Airline gerufen, sagte die evangelische Pfarrerin Gabriele Pace. Manche erfuhren erst dort von dem Unglück.

Unter den anderen Passagieren nach Deutschland sind bekannte Namen: Die Stuttgarter Musical-Sängerin Juliana de Aquino (29) war an Bord, die bei „Wicked – Die Hexen von Oz“ mitspielte. Der Berliner Harald W. (44) wollte in Rio die Formalitäten für die Hochzeit mit der Brasilianerin Helen P. regeln. Und der Thyssen-Krupp-Vorstand Erich Heine (41) hinterlässt Frau und drei kleine Kinder.

Bilder: Air-France-Flug 447 wird vermisst

Tragödie um Münchner Architekten

Der berühmte Münchner Architekt und Stadtplaner Moritz Kock (54) fliegt am Donnerstag nach Brasilien. Ziel seiner Reise ist ein Weltstar seiner Zunft: Oscar Niemeyer, 101 Jahre alt, Planer der Hauptstadt Brasilia, Architektur-Nobelpreisträger. Gemeinsam planen die beiden ein Freizeitbad in Potsdam. Doch den alten Meister plagt eine riesige Flugangst. Also kommt der Schüler Kock geflogen – Ehrensache. Doch er kehrt nicht zurück. Er sitzt in Todesflug AF 447. Eine einzige Tragödie.

Moritz Kock wollte in Brasilien seinen Kollegen treffen

Architekt Kock lebte und arbeitete in München, Berlin und Potsdam. An der Isar hatte er ein Büro, in Solln war er gemeldet. Doch zuletzt hatte er immer mehr im Norden zu tun, er entwarf unter anderem ein Design Center. In Potsdam beerbte er Weltstar Niemeyer und führte dessen Pläne für ein Freizeitbad fort. Zu einer Besprechung wäre der alte Meister gern selbst nach Deutschland gekommen – doch er setzt seit Jahren keinen Fuß mehr in eine Maschine, sondern reist per Schiff. Also kam Kock im Flieger nach Rio de Janeiro.

Am Sonntag ließ Familie Niemeyer, die deutsche Vorfahren in Hannover hat, den Münchner Architekten zum Flughafen fahren. „Er war in der Maschine“, sagt Joao Niemeyer, der Neffe des Star-Architekten, der tz. Die Familie habe sich wie auch Kocks Büro und Freunde in Potsdam um einen Telefonkontakt bemüht – vergeblich. Kock sei verheiratet gewesen und hinterlasse einen Sohn. Jetzt trauert eine Familie in Deutschland und eine in Brasilien . Kock stand zuletzt ständig im Kontakt mit dem großen Meister. Oscar Niemeyer war der aufstrebende Kollege ans Herz gewachsen. „Er mochte ihn sehr, sehr gern“, sagt sein Neffe Joao Niemeyer der tz. „Er wird sehr traurig sein.“ Denn der betagte Herr hat noch nichts vom Schicksal Moritz Kocks erfahren.

David Costanzo

Die geliebte Ehefrau kam nicht zurück

Um 14.25 Uhr sollte Vania B. (44) am Pfingstmontag am Münchner Flughafen landen. Ihr Mann Nikolaus freute sich über alles darauf, seine Frau nach drei Wochen endlich wieder in die Arme zu schließen. Gegen 11 Uhr schaut der Münchner im Teletext noch mal die genaue Ankunftszeit nach – und stößt auf eine Meldung, die sein Leben verändern sollte: „Air-France-Maschine auf dem Flug von Brasilien nach Paris verschollen“, stand da. Die folgenden Stunden erlebte der 44-jährige Unternehmer wie in Trance. „Ich hatte erst eine schlimme Vorahnung, die dann zur Gewissheit wurde.“

Die schreckliche Gewissheit muss sich Nikolaus selbst verschaffen. Er ruft einen Freund am Flughafen an, der ein Reisebüro betreibt und ihm die Hotline-Nummer vom Auswärtigen Amt gibt. Doch dort steht Vania B. nicht auf der Liste der deutschen Staatsbürger, die den Air-France-Flug gebucht hatten – die 44-Jährige hat einen brasilianische Pass.

In seiner Verzweiflung ruft er jene Freundin seiner Frau an, die seine Ehefrau in Rio de Janeiro zum Flughafen gebracht hatte. Die Frau fährt zurück und bekommt dort die letzte Gewissheit – Vania B. steht auf der Passagierliste des verschollenen Airbus!

Die Gewissheit – sie ist brutal, ein Schock. Ein gemeinsames Leben ist zu Ende – von einer Minute auf die andere. Nikolaus B. fährt am Pfingstmontag nicht mehr zum Flughafen. „Ich schaffte das nicht. Wozu auch. Meine Frau würde nicht ankommen. Das wusste ich jetzt.“

Im August dieses Jahres wären Vania und Nikolaus B. acht Jahre lang verheiratet gewesen, sie hatten sich ein Jahr zuvor in München kennengelernt. Es war für beide die zweite Ehe. Sie lebten in Bogenhausen, wo die 44-jährige Brasilianerin einen Bügelservice betrieb. Vania B. war vor drei Wochen nach Brasilien geflogen, ihren Sohn und ihre Familie besuchen. Es war heuer ihr zweiter Besuch in der Heimat, Weihnachten und Silvester hatte das Münchner Ehepaar bereits gemeinsam in Brasilien verbracht. Dass der Flug Anfang Mai einer ohne Wiederkehr werden sollte, ahnte keiner der Eheleute. „Vania war meine große Liebe, es waren die schönsten Jahre meines Lebens“, sagt der Münchner, seine Tränen fließen hemmungslos. Sein Leben, dass muss er jetzt ohne seine große Liebe meistern.

Jacob Mell

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