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Milchbauer Richard Haneberg sitzt mit zwei seiner Milchkühe im Stall seines Bauernhofes bei Kempten. Der Abschaffung der Milchquote zum 1. April sieht er mit Sorge entgegen.

Ungewisse Zukunft

Die Milchquote fällt: Bayerns Bauern zwischen Sorge und Zuversicht

Kempten/Bayreuth - Die Milchquote ist ab April Geschichte. Bauern können dann unbegrenzt Milch liefern. Die einen haben Angst vor sinkenden Preisen, für andere ist das Quoten-Aus längst überfällig.

Als vor gut 30 Jahren die Milchquote eingeführt wurde, gab es im gesamten Land wütende Proteste. Vor allem im Allgäu - der Heimat des damaligen Bundeslandwirtschaftsministers Ignaz Kiechle - gingen die Bauern auf die Straße und machten ihrem Ärger Luft. „Das war eine heiße Geschichte. Mit Transparenten sind sie durch Kempten gezogen und haben lautstark protestiert“, erinnert sich Richard Haneberg. Er selbst war damals 25 Jahre alt. Zwei Jahre nach Einführung der Milchquote hat er von seinen Eltern den Hof übernommen. Dass die Quote zum 1. April abgeschafft wird, sieht er mit Sorge. „Ich befürchte, dass dadurch viele, die eigentlich weitermachen wollen, auf der Strecke bleiben.“

40 Milchkühe samt Jungvieh halten Richard und Cilli Haneberg auf ihrem Hof am Stadtrand von Kempten. Von Anfang an haben sie auf Bio gesetzt. „Wir waren der Überzeugung, dass wir für unsere Umwelt etwas tun müssen.“ 270 000 Liter Milch durfte Haneberg bislang produzieren. Dass die Milchmenge der Nachfrage angepasst wurde, hat er stets befürwortet. „Ich bin der Meinung, dass wir nicht am Verbrauch vorbei produzieren können. Die Milchseen, Butterberge, vollen Lager und entsprechend schlechte Preise - das alles hatten wir schon vor der Quote.“

Für viele Kleinbetriebe könnte es eng werden

Wenn sie nun fällt, rechnet der Kemptener erneut mit einer Überproduktion und sinkenden Milchpreisen. Was den Verbraucher freut, könnte in der Branche zu einem harten Verdrängungswettbewerb in „Ellbogen-Manier“ führen, den vor allem kleine Betriebe nicht überstehen. „Auch für diejenigen, die gerade investiert haben, könnte es eng werden.“ Zudem stellt der Biobauer infrage, ob es so gut ist, vom Boden und Vieh höchste Erträge erwirtschaften zu wollen. Trotz allem sieht Haneberg durch den Wegfall der Quote auch eine Chance: Für manchen Landwirt könnte es interessant werden, auf Bio umzusteigen und dadurch einen höheren Milchpreis zu erlangen. „Die Grundeinstellung sollte dafür allerdings passen.“

Fast 400 Kilometer entfernt bewirtschaftet Gerd Ruckdeschel im nördlichen Landkreis Bayreuth seinen Milchviehbetrieb. 150 Kühe stehen im großzügigen und modernen Laufstall, damit liegt er weit über dem bayerischen Durchschnitt mit 35 Kühen je Betrieb. Der 35-Jährige hat einen Lehrling und einen angestellten Arbeiter, auch sein Vater hilft noch mit. 2008 haben die Ruckdeschels expandiert, Stall samt Güllegrube gebaut und Flächen zugepachtet.

„Die Milchquote macht keinen Sinn mehr“

Schon damals habe er keine Angst vor der Zukunft gehabt, auch heute ist ihm nicht bange - Quote hin oder her: „Ja, es wird schwieriger werden. Aber es wird sich auch wieder einrenken“, sagt der Agrarbetriebswirt mit Blick auf den Milchpreis. „Man muss so gut wie möglich wirtschaften, die Kosten im Griff haben. Dann funktioniert es.“ Größere Investitionen plant er vorsichtshalber aber demnächst nicht. Lieber abwarten, wie sich der Milchpreis entwickelt.

Alfred Enderle, Milchbauer aus dem Oberallgäu und schwäbischer Bezirkspräsident des Bauernverbands, hält die Abschaffung der Milchquote für richtig. „Bei der Einführung hat sie ihre Berechtigung gehabt. Aber in den letzten Jahren hat man sie mehr und mehr verwässert und immer weiter aufgestockt. Sie macht daher keinen Sinn mehr“, sagt er. Schon im Krisenjahr 2009, als den Bauern nur noch 20 bis 24 Cent pro Liter Milch gezahlt wurde, habe die Mengenregulierung nicht mehr funktioniert. „Seitdem es vom Staat keine Preisstützung mehr gibt, hängen wir wie alle anderen eins zu eins am Weltmarktpreis. Das ist nicht vergleichbar mit früher.“

„Gespannte Unruhe“ der Landwirte

Die Stimmung bei seinen Berufskollegen kurz vor dem Quoten-Aus beschreibt Enderle als „gespannte Unruhe“. Die Sorge, dass durch die Freigabe der Produktion der Milchpreis weiter sinkt, treibe zwar viele um. „Aber keiner weiß, wie stark die Produktion tatsächlich steigen wird“, sagt Enderle, der einen Hof mit 20 Milchkühen samt Jungvieh führt. Auch an der Situation für solche kleinen Milchviehbetriebe ändert sich seiner Ansicht nach ohne Mengenregelung nichts. „Die Quote hat in den meisten EU-Ländern längst ihre begrenzende Wirkung verloren. Ich persönlich erwarte nicht, dass die Milchmenge, die hier mehr produziert werden wird, den Preis auf dem Weltmarkt spürbar verändert.“ Der Bauernverband sieht durch das Ende der Milchquote ohnehin neue Chancen.

Über den Weltmarkt spricht auch Ernst Heidrich, Chef des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bayreuth, wenn es um den Milchpreis geht. Letztendlich seien es weltweite Entwicklungen, die sich auf den Preis der heimischen Milch auswirkten, sagt er. Das Quoten-Ende treffe die Landwirte zudem nicht überraschend.

Milchviehregion Oberfranken ist gewappnet

In Oberfranken, einer traditionell starken Milchviehregion mit im bayernweiten Vergleich großen Ställen, seien die Landwirte gut gerüstet und könnten auch mit den Riesenbetrieben im Norden und Osten Deutschlands mithalten. „Sie haben Größen erreicht, in denen sie kostengünstig produzieren können.“ Die erwarteten stärkeren Preisschwankungen müssten kein Nachteil sein. Sie seien einerseits mit größeren Gewinnchancen verknüpft, für Tiefpreisphasen müsse man eben Rücklagen bilden. Der Landwirt sei deshalb künftig noch stärker als Unternehmer gefragt.

dpa

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