+
Sobald ein Patient aus der Intensivstation entlassen wird, buhlen manche Pflegedienste um die Betreuung.

Pflegebedürftige verkauft

Patientenhandel: Das miese Spiel mit Schwerkranken

München – Das Geschäft mit Schwerkranken scheint lukrativ zu sein: Pflegedienste reißen sich förmlich um Beatmungspatienten – und kaufen sie für horrende Summen ein. Auch in Bayern.

Meiko Spitzenberger ist kein ängstlicher Mensch. Aber gestern hatte er Personenschutz, auf eigene Rechnung. Zu heftig waren die Drohungen, die im Lauf des Tages bei ihm eingegangen waren – „auf Leib und Leben“, sagt der Unternehmensberater aus Stuttgart. Ursache dürfte die Ausstrahlung eines „Report Mainz“-Berichts am Dienstagabend sein.

Darin packt Spitzenberger, ehemaliger Geschäftsführer eines Pflegedienstes, über die Machenschaften seiner Branche aus – er stach offenbar in ein Wespennest: „Es geht um mehrere Millionen Euro, die nicht mehr verdient werden können“, sagt Spitzenberger.

Im Kern geht es um die Betreuung von Intensivpatienten, die zum Beispiel aufgrund einer Lungenerkrankung oder eines Hirnschlags nicht mehr selbst atmen können. Werden diese Menschen aus dem Krankenhaus entlassen, geht offenbar häufig ein regelrechtes Geschacher los. Pflegedienste, die die Intensivbetreuung nicht leisten können oder aufgrund von Personalmangel keine Kapazitäten mehr haben, verkaufen Patienten an spezialisierte Anbieter weiter.Wie das ARD-Politikmagazin „Report Mainz“ am Dienstag berichtet hatte, wurden in einem verdeckt gedrehten Verkaufsgespräch fünf Patienten zum Preis von 250.000 Euro angeboten. Der Verkäufer sagte, dass der Käufer mit seinen Patienten viel Geld verdienen könne und erklärte dies sogar mit einem Beispiel: „Eine Frau ist 1962 geboren und wenn sie gut betreut wird, kann sie zehn, 20 Jahre leben.“ Da die Kassen für rund um die Uhr betreute Patienten gute Verrechnungssätze zahlen würden, könne der Käufer von Profiten von über 4000 Euro im Monat ausgehen – nur für diese eine Patientin. Meiko Spitzenberger hatte als Chef eines Pflegedienstes einen ähnlichen Vertrag unterzeichnet – der Deal war getarnt als „Unternehmenskaufvertrag über einen Teilbetrieb“. Allerdings seien nicht alle Patienten übernommen worden – sondern nur die lukrativen. Weil Spitzenberger diese seiner Ansicht nach „mafiösen“ Strukturen nicht mehr decken wollte, ging er an die Öffentlichkeit. So mutig sind allerdings nur wenige.

Jörg Brambring betreibt einen mehrfach ausgezeichneten Heimbeatmungsservice, der bundesweit tätig ist und einen seiner Sitze in Unterhaching (Kreis München) hat. Der 38-Jährige ist auch in Fachgremien engagiert und weiß, dass das Interesse an Intensivpatienten zunimmt – das Geschachere verurteilt er aufs Schärfste.

Der Grat zwischen Kundenwerbung und Handel ist schmal: Aus Krankenkassenkreisen heißt es, einige Pflegedienste würden in Kliniken „exzellente Kontaktpflege“ betreiben, um an die Intensivpatienten heranzukommen. Davon berichtet auch eine Ärztin in Nordbayern. Sie hat eine betreute Wohngemeinschaft für Beatmungspatienten eröffnet – bevor sie überhaupt von der Entlassung von Schwerkranken erfahre, seien diese bereits unter der Obhut von Pflegediensten, sagt sie.

Prämien für Patienten zahlen offenbar vor allem große Pflegeunternehmen – sie kaufen zudem verstärkt kleinere Betriebe auf. Bei Jörg Brambring, der im Vorstand der „Deutschen interdisziplinären Gesellschaft für außerklinische Beatmung“ sitzt, schlagen dann Beschwerden von Konkurrenten auf, die sich benachteiligt fühlen. Aus Angst, in der Branche als Denunziant zu gelten, werden aber keine Namen genannt oder Anzeigen erstattet.

Der Betreiber eines mittelständischen ambulanten Pflegediensts in Bayern, der 65 Beatmungspatienten zuhause oder in Wohngemeinschaften betreut, bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung, dass er bereits mehrere unmoralische Angebote bekommen habe: Für einen Schwerkranken seien ihm mündlich 2000 Euro geboten worden – für den ganzen Betrieb samt Personal sogar 10 bis 15 Millionen Euro. Er habe abgelehnt: „Da geht es nur ums Geld. Ich kenne jeden einzelnen Patienten persönlich, das will ich denen nicht zumuten“, sagt der Unternehmer. Er berichtet von einer weiteren gängigen Praxis: Weil die Kassen den Beatmungsservice und die zugehörige Pflege unterschiedlich vergüten (Differenzen von bis zu 4000 Euro monatlich), versuchen Pflegedienste, weniger rentable Patienten loszuwerden und besser versicherte einzukaufen.

Pflegekritiker Claus Fussek ist angesichts der kriminellen Ausmaße des Patientenhandels schockiert. Dass eine breite öffentliche Empörung auch von den Kirchen bislang ausbleibe, sei ein „Skandal im Skandal“. Der Verdacht liege nahe, dass die Intensivpatienten am Sterben gehindert werden, weil mit ihnen noch Geschäft gemacht werden könne. Das nämlich ist beträchtlich: Eine Rendite von 26 Prozent ist nach Auskunft eines Branchenkenners möglich. Zum Vergleich: In der Industrie liegt sie bei etwa 9 Prozent.

Die Zahl der lukrativen Schwerkranken nimmt aufgrund der älter werdenden Gesellschaft und der immer besseren Intensivmedizin zu. Allein die AOK Bayern hat 400 Patienten versichert. Experten gehen von einer jährlichen Steigerungsrate von 20 Prozent aus.

Carina Lechner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Anklage fordert härteres Urteil für Schleuser
In dem Prozess um drei Schleuser in Traunstein legte die Anklage nun Revision ein. Die Staatsanwaltschaft München fordert ein härteres Urteil. 
Anklage fordert härteres Urteil für Schleuser
Flaschensammler löst Polizeieinsatz aus
Der 80-jährige Mann hatte sich einen gefährlichen Ort zum Flaschensammeln ausgesucht und löste dadurch einen Polizeieinsatz aus. 
Flaschensammler löst Polizeieinsatz aus
Kiloweise Marihuana geschmuggelt 
Mehrere Kilo Marihuana hat ein 72 Jahre alter Mann über die niederländische Grenze nach Deutschland geschmuggelt. Die Polizei konnte ihn und den Händler schnappen. 
Kiloweise Marihuana geschmuggelt 
Nächtliches Verkaufsverbot für Döner-Händler
Döner auf der Straße verkaufen - das hat das Verwaltungsgericht Augsburg verboten. Damit darf ein Gastronom vorerst weiter keine Döner zum Mitnehmen verkaufen.
Nächtliches Verkaufsverbot für Döner-Händler

Kommentare