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Reise ohne Wiederkehr: Familie Mintzel starb beim Tsunami 2004. Eines der letzten Fotos zeigt Mama Nicola, Papa Christian und die Mädchen Jule (l.) und Lina. Die Leiche der jüngeren Jule wurde nie gefunden. Für sie legte die Familie eine Rose aufs Grab. Professor Alf Mintzel aus Passau war der Onkel des Familienvaters. Die Familie selbst lebte in NRW.

Bayerischer Professor trauert um Familie

Zehn Jahre nach dem Tsunami: Eine Frage bleibt

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München - Vor zehn Jahren tötete ein Tsunami rund 230.000 Menschen. Auch der Neffe von Professor Alf Mintzel starb in den Fluten – mit Frau und Töchtern. Der Schmerz ist geblieben, der Glaube ging.

Alf Mintzel, 79, ist ein blitzgescheiter Mensch. Ein nüchterner Denker, messerscharf in seinen Analysen. Man kennt ihn als einen der bekanntesten Parteienforscher Bayerns – einen, der auf Fragen Antworten parat hat. Und doch gibt es eine Frage, auf die der einstige Soziologie-Professor aus Passau seit Jahren keine Antwort findet, eine Frage, die ihn umtreibt, die ihm keine Ruhe lässt.

„Wo war Gott?“

Ja, wo war er, als ein Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 rund 230 000 Menschen in den Tod riss? Als Mintzels Neffe Christian, dessen Frau Nicola, die beiden Töchter Lina und Jule umkamen – weil sie einen Urlaub zur falschen Zeit gebucht hatten, in Thailand, in Khao Lak.

Die Leiche seines Neffen haben sie erst im März 2005 gefunden, die von dessen Frau im April. Die kleine Lina entdeckte man im Mai. Von der Jüngsten, Jule, fehlt bis heute jede Spur. „Sie ist verlorengegangen. Im Meer. Wo? Das weiß kein Mensch“, sagt Mintzel. Für Jule legte die Familie später eine Rose aufs Grab. Eine Rose.

„Wo war Gott?“

Professor Alf Mintzel. Mintzel entwarf den Khao Lak Zyklus – ein Requiem. Er lehrte an der Uni Passau und schrieb 1975 das Standardwerk: „Die CSU. Anatomie einer konservativen Partei“.

Die Mintzels trauern bis heute. Der 26. Dezember bleibe „für immer emotional hochbelastet“. An diesem Tag sehen sie die Vier stets vor sich – eines der letzten Fotos zeigt Christian, Nicola, Lina und Jule bei sich im Wohnzimmer. Sie lachen in die Kamera, sie wirken glücklich. Es ist ein Bild, das einem unter die Haut geht, wenn man diese Familientragödie kennt. Mintzel hat sich mit der Frage nach Gott oft auseinandergesetzt. Die Antworten der Theologen hält er „für bequeme Ausreden“. Es sei doch ein Hohn, „dass Gott ausgerechnet an Weihnachten, dem Fest der Liebe, all diese Menschen umkommen lässt“, sagt er.

Jeden Aspekt hat er analysiert: Gott sei allmächtig, heißt es. „Er hätte doch diese Menschen warnen können“, entgegnet Mintzel. Gott sei allgegenwärtig. „Hat er einfach zugeschaut? Die Katastrophe verschlafen?“ Er sei weise. „Welche göttliche Weisheit ist darin zu finden, all diese Menschen dem Verderben auszusetzen?“ Mintzel versteht nicht, wieso Geistliche nach „Entschuldigungen für Gottes Nichthandeln“ suchten. Ihre Antworten „erscheinen gerade zu verlogen“.

Hier geht's zum Khao Lak Zyklus. Ein Reqiem in Bildern.

Mintzel hat endgültig aufgehört, an Gott zu glauben.

Nein, für ihn gibt es keine theologische Erklärung, die standhält. Deshalb hat er versucht, seine eigenen Antworten zu finden, den Schmerz künstlerisch zu verarbeiten – „die schrecklichen Bilder, die von den zerstörten Orten kamen, in eigene Bilder zu überführen“. Entstanden ist daraus der Khao Lak Zyklus – ein Requiem. „Es ist eine besondere Form der Anteilnahme an dem Verlust, den mein Bruder und seine Frau erlitten haben“, sagt Mintzel. Der Bruder verlor Sohn Christian, Schwiegertochter Nicola, die Enkelinnen. Lina war nicht mal sechs Jahre alt, Jule gerade drei geworden. Mintzels Bruder war damals „zur Salzsäure erstarrt, konnte nicht reden“.

„Wo war Gott?“

Mit einem Tagebuch hielt er seine Gefühle fest

Mintzel selbst hielt seine Gefühle in einem Tagebuch fest. Ein Tagebuch der Ohnmacht, des Entsetzens, der schwindenden Hoffnung. Es beginnt zwei Tage nach der Katastrophe vom 26. Dezember 2004:

28. Dezember 2004:

Wir sind in größter Sorge! Seit dem Ereignis ist der Kontakt zu Christian und seiner Familie abgebrochen. Wir haben seit drei Tagen keine Nachricht.

29. Dezember 2004, 14.20h:

Wir müssen angesichts der Meldungen und Lagebeschreibungen davon ausgehen, dass Christian, Nicola, Lina und Jule umgekommen sind. Wir diskutieren auch andere Möglichkeiten: Vielleicht hat ein Elternteil überlebt, vielleicht hat durch einen glücklichen Zufall eines der beiden Kinder überlebt, vielleicht ist ein lebend angeschwemmtes Kind von irgendwelchen Leuten aufgenommen worden. Sich solche Modalitäten auszudenken, ist nur eine Form, nicht alle Hoffnung aufzugeben. Wir durchleben eine entsetzliche Zeit der Ungewissheit, wir sind tief bedrückt und trauern um die Vier.

29. Dezember 2004, 20.45h:

Kein Lebenszeichen von Christian und seiner Familie. Nicht die geringste Information. Allerletzte Hoffnung: Eltern oder ein Elternteil, Kinder oder auch nur ein Kind könnten durch irgendwelche glücklichen Umstände und Fügungen überlebt haben und verhindert sein, Kontakt aufzunehmen.

30. Dezember 2004:

Wir sind tief schockiert und haben alle Hoffnungen aufgegeben, Christian, Nicola, Lina und Jule jemals wieder zu sehen. Was hat sich in den letzten Minuten ihres Lebens abgespielt? Wir werden wahrscheinlich nie etwas Genaues darüber erfahren. Die Wohnanlage, die sie gemietet hatten, ist komplett weggespült, dort ist nichts mehr zu finden. Ein schreckliches Jahresende. Eine Familienkatastrophe. Eine unerträgliche Situation.

31. Dezember 2004:

Der Schock sitzt tief, wir alle sind in ein entsetzliches Verhängnis hineingerissen worden. Ich fühle mich elend und gelähmt. Ich habe Mühe, die Fassung zu wahren.

1. Januar 2005:

Heute Morgen ging durch das Fernsehen, dass die Identifizierung der Toten noch sechs Monate dauern kann. Damit ist eine weitere Leidenszeit gegeben, ein ritueller Abschied von den Toten ist erst nach ihrer Identifizierung möglich. Uns stehen schwere Wochen bevor.

2. Januar 2005:

Es wäre besser, wir würden die Sender abschalten und die Zeitungslektüre beenden, um eine Stille zu schaffen.

6. Januar 2005, abends:

Der Tsunami hat Christian, Nicola, Lina und Jule verschlungen, zerschmettert, ins Meer hinausgespült oder irgendwo auf dem Land ums Leben gebracht.

Barbara Nazarewska

Wer noch mehr erfahren will: Hier gibt es auch ein Reisetagebuch von Peter-Matthias Gaede aus Banda Aceh.

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