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Im Juni 2010 zelebrierte Pater F., zweiter von links, in Schlehdorf einen Gottesdienst mit.

Schwere Vorwürfe gegen Pater

Missbrauch nach K.o.-Tropfen?

Teisendorf/Münsing – Er studierte in Benediktbeuern, war Religionslehrer in Starnberg, lebte jahrelang im Münsinger Pfarrhaus – jetzt steht Pater F. unter einem schweren Verdacht: Er soll in Österreich junge Männer gefügig gemacht und sexuell genötigt haben.

Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt gegen einen Pater aus Teisendorf. Der 48-Jährige soll einem jungen Mann, heute 22, nachgestellt haben und ihn, seinen Bruder und einen Freund betäubt und sexuell missbraucht haben.

Der 22-Jährige ist offenbar am schlimmsten betroffen. Der Geistliche hatte seine Familie vor Jahren bei seiner Arbeit in der österreichischen Pfarrei Traiskirchen kennengelernt. Schnell entstand eine auffällige Nähe, der Pater war oft zu Gast. Der Vater, ein Arzt, war nach Informationen des Münchner Merkur von Anfang an skeptisch – die Mutter verehrte Pater F. Um seine Ehe nicht zu gefährden, sah das Familienoberhaupt zu, wie die Freundschaft zwischen dem Geistlichen und einem seiner fünf Söhne immer enger wurde. Und Pater F. die Eltern gegeneinander ausspielte.

Es kam zu absurden Situationen, berichtet Pater Jeremia Eisenbauer, Sprecher des Stifts Melk. Der Geistliche habe ständig Körperkontakt zu den jungen Männern gesucht. Einmal habe er in der Runde ein Streichholz angezündet, mit den Worten: „Das brennt zwei Mal.“ Er zeigte auf die Flamme – und drückte sie einem der Söhne auf den Arm. Der Bub ist heute 18, die Narbe ist noch immer zu sehen.

Als der 22-Jährige in Wien sein Politik-Studium begann, nahm er das Angebot von Pater F. an, im Pfarrhof zu wohnen – um sich Mietkosten in der teuren Stadt zu sparen. Der jüngere Bruder kam oft zu Besuch, ein Freund schlief manchmal dort. Irgendwann fiel dem 22-Jährigen auf, dass er manchmal morgens verwirrt war, sich an den Vorabend nicht erinnern konnte. Auffällig: Immer hatte er zuvor Kontakt mit Pater F. gehabt. Einmal besuchte der Geistliche den Burschen sogar während eines Auslandsaufenthalts. Wieder hatte dieser einen Blackout. Dem Studenten wurde die Freundschaft zunehmend zu eng. Doch er traute sich nicht, sie zu beenden. Erst im Juni teilte er Pater F. per Internetchat mit, dass er Abstand möchte. Der 48-Jährige drehte durch. Er bombardierte den 22-Jährigen mit E-Mails und SMS. Dann gab er sich als der EU-Beamte aus, bei dem der Student ein Praktikum machen wollte, fingierte sogar eine Mailadresse. Erst nach einer Weile wurde das Opfer stutzig. Die Polizei verfolgte schließlich die IP-Adresse – sie führte zum Computer des Geistlichen. Das Stift konfrontierte ihn damit, er gab es „zerknirscht“ zu, sagt Pater Jeremia. Seine Liebe habe sich in Hass verwandelt. Vom Missbrauch war keine Rede.

Doch die Sache mit den Aussetzern machte den Vater der Burschen stutzig. Er erstattete Anzeige. In vielen Gesprächen, auch zwischen Familie und Stift Melk, erhärtete sich der Verdacht: Der Pfarrer verabreichte den drei Burschen wohl K.o.-Tropfen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es zu mehreren Übergriffen kam. Sie ermittelt wegen geschlechtlicher Nötigung, Stalking und mehrfacher Körperverletzung. Viel liegt freilich noch im Dunkeln: „Es ist ganz schlimm für die jungen Männer, nicht zu wissen, was in diesen Nächten passiert ist“, sagt Pater Jeremia. Die Staatsanwaltschaft wartet derzeit auf den Abschlussbericht der Polizei. F. ist abgetaucht – sein Handy ist beschlagnahmt, seine neue Nummer teilte er dem Stift nicht mit. Und auf E-Mails reagiert er seit Wochen nicht. Gerüchten zufolge hat er in einem Kloster in Bayern Unterschlupf gesucht. Denn Pater F. wirkte seit August 2007 zwar in Österreich – doch seine früheren Stationen liegen alle in Oberbayern. Zumindest lose Kontakte muss er haben: So zelebrierte er im Juni 2010 einen Festgottesdienst in Schlehdorf mit.

Seine Familie in Teisendorf ist relativ bekannt, sein Vater wollte nie, dass er Pfarrer wird. Er wurde Postbote, dann machte er in Wolfratshausen-Waldram das Abitur. Er war im Münchner Priesterseminar St. Johannes d. Täufer, später schloss er sein Studium an der Hochschule in Benediktbeuern ab. Mitte der 90er Jahre wurde er Religionslehrer an der Berufsschule in Starnberg – wie er über sich im Internet schreibt, arbeitete er auch an der Grundschule, am Gymnasium und sammelte als Schulseelsorger und Vertrauenslehrer „mit jungen Menschen viele positive Erfahrungen“. Er gibt auch an, im Kultusministerium gearbeitet zu haben – das allerdings dementiert ein Sprecher auf Anfrage. „Er versteht es, sich gut darzustellen“, sagt Pater Jeremia. F. brauche Bewunderung – das habe sich auch in Österreich gezeigt. Seine Doktorarbeit schrieb er über das Fegefeuer, er gehörte offenbar einem erzkonservativen Kreis an.

Während seines Studiums und seiner Starnberger Zeit lebte Pater F., der seinen Namen beim Ordensgelübde änderte, meistens im Pfarrhaus Münsing. „Unauffällig, engagiert“, beschreibt ihn einer, der ihn besser kennt. Zu einer Familie aus der Kirchengemeinde pflegte er einen besonders engen Kontakt – er wurde sogar Taufpate eines der Kinder.

Carina Lechner

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