Kardinal Marx.
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Kardinal Marx.

Missbrauchs-Skandal!

Kriminologe wirft der Kirche Vertuschung vor und fordert: „Marx muss zurücktreten!“

Eine Studie der katholischen Kirche wurde 2018 veröffentlicht, die zeigte, dass allein im Freistaat 1000 Kinder und Jugendliche von Kirchenmännern missbraucht wurden. Ein renommierter Kriminologe wirft jetzt Kardinal Reinhard Marx vor, die Aufarbeitung des ganzen Skandals zu verhindern.

  • Eine große Studie der katholischen Kirche wurde 2018 veröffentlicht, die zeigte, dass allein im Freistaat 1000 Kinder und Jugendliche von Kirchenmännern missbraucht wurden.
  • Der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer wirft jetzt Kardinal Reinhard Marx vor, die Aufarbeitung des ganzen Skandals zu verhindern.
  • Pfeiffer fordert Kardinal Marx zum Rücktritt auf.

Vor knapp anderthalb Jahren krochen Bayerns Bischöfe zu Kreuze: Im Herbst 2018 wurde die große Studie der katholischen Kirche veröffentlicht, die zeigte, dass allein im Freistaat 1000 Kinder und Jugendliche von Kirchenmännern missbraucht wurden (deutschlandweit waren es 3677 Opfer und 1670 Täter). 321 Kleriker der sieben bayerischen Bistümer wurden der Staatsanwaltschaft gemeldet. Doch bis heute haben die Behörden in keinem einzigen Fall Anklage erhoben! Daher fordert der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer (75) in einem Interview (siehe unten) nun: „Reinhard Marx muss zurücktreten!“ Begründung: Der Kardinal und Erzbischof von München und Freising habe eine ehrliche Aufarbeitung verhindert!

In Bayern sorgten vor allem die Fälle im Kloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen für Aufsehen. Doch strafrechtliche Konsequenzen wird es für die Täter kaum geben. Manche der 321 beschuldigten Geistlichen sind tot, bei anderen sind die Taten mittlerweile verjährt. Nur vier Ermittlungen laufen noch – alle anderen wurden eingestellt.

Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, weist Pfeiffers Vorwürfe zurück: Von der Verhinderung einer transparenten Aufarbeitung könne keine Rede sein. Und die Erzdiözese München-Freising teilt mit, man verfolge „eine lückenlose Aufklärung und umfassende Aufarbeitung“. Das sieht Strafexperte Christian Pfeiffer hingegen ganz anders…

„Aufklärung? Das war alles nur eine Show“

Der Kriminologe Christian Pfeiffer (75) war jahrelang Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Er sollte die Missbrauchsstudie (MHG-Studie) der katholischen Kirche leiten – doch die Bischöfe kündigten den Vertrag mit ihm vorzeitig. In einem Interview erhebt Pfeiffer nun schwere Vorwürfe gegen die Kirche:

Erste Zahlen aus Bayern legen nahe, dass die Fälle keine strafrechtlichen Konsequenzen haben. Überrascht Sie das?

Christian Pfeiffer: Ganz und gar nicht. Die Staatsanwaltschaften hatten schon wegen der Verjährungsfristen kaum eine Chance, noch irgendwelche dieser alten Fälle zur Anklage zu bringen. Für die Kirche war die der MHG-Studie folgende Ankündigung von Kardinal Marx, wonach alles an die Staatsanwaltschaften gegeben wird, kein Risiko. Das war eine große Geste, die die Menschen beruhigen sollte. Das war alles nur Show – mehr nicht.

Was ist denn aus Ihrer Sicht das Problem an der Studie?

Pfeiffer: Als wir 2011 beauftragt wurden, war uns zugesichert worden, dass frühere Richter und Staatsanwälte für jedes Bistum getrennt die Daten aus den Akten der Kirche erheben dürfen. Wir wären in der Lage gewesen, für jedes Bistum darzustellen, ob Priester, die Missbrauch begangen hatten, weiter beschäftigt wurden. Und wir hätten untersucht, wie viele Akten geschreddert wurden. Die Kollegen, die das Projekt dann als MHG-Studie durchführten, konnten das alles nicht klären, weil sie einen fertigen Datensatz von der Kirche bekamen, der keine Unterscheidungen nach Bistümern erlaubt hat. Dadurch konnte kein Bischof dafür verantwortlich gemacht werden, dass aus schuldigen und weiter beschäftigten Priestern Rückfalltäter wurden und dass Opfer teilweise miserabel behandelt wurden.

3677 Minderjährige wurden in Deutschland zwischen 1946 und 2014 von 1670 Klerikern missbraucht

Warum scheiterte Ihr Projekt?

Pfeiffer: Kardinal Marx hat mit all seiner Macht dafür gesorgt, dass wir nicht forschen konnten. Die Bischofskonferenz hatte uns damals im Vertrag Forschungsfreiheit garantiert. Aber im Auftrag von Marx hat dann eine Münchner Anwaltskanzlei für die Bischofskonferenz einen neuen Vertragsentwurf erarbeitet, der Zensur bedeutet hätte. Diesen Machtanspruch der Kirche konnten wir nicht akzeptieren. Deswegen war als erstes sein Bistum München-Freising aus der Zusammenarbeit ausgestiegen. Danach folgte Regensburg. Als wir den Zensur-Vertrag endgültig nicht unterschreiben wollten, beendete die Bischofskonferenz das Projekt. Aber bereits vorher hatte Kardinal Marx die erwähnte Anwaltskanzlei damit beauftragt, die Missbrauchsakten seiner Diözese zu analysieren. Auf diese Weise wurde verhindert, dass unser Forschungsprojekt klären konnte, wie der damalige Papst Benedikt früher als Erzbischof von München und Freising mit Tätern und Opfern umgegangen war.

Also geben Sie Kardinal Marx die Schuld?

Pfeiffer: Ja. Marx‘ oberstes Ziel war es offenkundig, Papst Benedikt, sich selber und alle anderen Mitglieder der Bischofskonferenz und ihre Generalvikare zu schützen. Marx und der ihm zur Seite stehende Bischof Ackermann haben so über zehn Jahre hinweg systematisch Transparenz und eine Kultur der Verantwortung verhindert. Dabei hatte Marx doch beim Missbrauchsgipfel in Rom in einer eindrucksvollen Rede radikale Transparenz zum Missbrauchsgeschehen eingefordert. Für die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit der Kirche wäre es das Beste, Marx und Ackermann würden von ihren Funktionen als Sprecher der Bischofskonferenz, beziehungsweise als Missbrauchsbeauftragter, zurücktreten und so einen echten Neuanfang ermöglichen.

BRITTA SCHULTEJAHNS

Der Skandal in Bayern

Im Jahr 2010 kamen innerhalb weniger Monate Vergehen in den Bistümern Passau, Bamberg, Regensburg, Würzburg, Augsburg, München und Freising ans Tageslicht. Im Kloster Ettal (Foto: dpa) berichteten über 100 frühere Schüler des Benediktinergymnasiums und des Internats über massiven sexuellen Missbrauch, der über Jahrzehnte von Patern verübt worden war. Ein beschuldigter Pater durfte trotzdem noch 2004 Computerkurse im Kloster geben. Auch bei den Regensburger Domspatzen konnten Opfer sexuelle und körperliche Übergriffe öffentlich machen. Mindestens 547 Buben sind dort seit 1945 nach Angaben des Sonderermittlers Ulrich Weber missbraucht worden.

Unzählige Akten über Missbrauchsfälle schlummern in den Archiven der Kirche. Weil sie einem Schweigecode unterlagen, hatte kaum einer Einblick. Nun schafft der Papst diese umstrittene Regelung ab. Und die Bischöfe vor Ort müssen neue Transparenz vorleben.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx will nicht Vorsitzender der Bischofskonferenz bleiben. Das gibt er am 11. Februar 2020 bekannt. 

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