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Missbrauchsopfer entsetzt über Papst Benedikt

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Von: Johannes Welte

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Markus Elstner war als Elfjähriger Messdiener in Bottrop. Dort wurde er von Pfarrer Peter. H. missbraucht. Der Geistliche wurde danach nach Oberbayern versetzt - unter Kardinal Josef Ratzinger.
Missbrauchsopfer Markus Elstner © privat

Das Missbrauchsgutachten der Diözese München und Freising erschüttert die ganze katholische Kirche. Papst Benedikt XVI. persönlich soll als Münchner Erzbischof persönlich zugelassen haben, dass ein einschlägig bekannter Priester in seiner Erzdiözese weiter wirken durfte. Eines der ersten Opfer dieses Priesters ist Markus Elstner. Der ehemalige Messdiener ist fassungslos über das, was der Ex-Papst zu den Vorwürfen sagt.

„Endlich kommt die Wahrheit ans Licht.“ Die Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens des Erzbistums München und Freising ist für Markus Elstner (55) eine Erlösung: Er ist eine der ersten Opfer des Missbrauchspriesters Peter H., der unter den Kardinälen Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI, Friedrich Wetter und Reinhard Marx in der Erzdiözese München Freising sich an zahlreiche Jugendlichen vergriff - obwohl seine Neigung dazu bekannt war.

Mit dem Segen von Kardinal Josef Ratzinger wurde Peter H. trotz seiner bekannten Vorgeschichte weiter als Pfarrer eingesetzt.
Der Priester Peter H., der sich mehrfach an Minderjährigen verging. © privat

Elstner war Ende der 70er Jahre Messdiener in Bottrop (NRW), wo Peter H. (heute 74) damals Kaplan war. „Meine Mutter und ich waren damals in einer schweren Krise,“ so Elstner. „Mein Vater hatte meine Mutter angeschossen und sich selbst umgebracht.“ Da habe H. seine seelsorgerische Hilfe versprochen.. „Er bot mir an, bei ihm im Pfarrhaus zu übernachten.“ Der Pfarrer streichelte ihn. „Dann hat er mich angefasst, und schließlich musste ich ihn oral befriedigen.“ Das wiederholte sich etwa 15 Mal.

Das Leben war danach für den Jugendlichen die Hölle: „Ich konnte mich nie damit abfinden, ich hatte nie was erreicht“. Elstner verfiel dem Alkohol, nahm Drogen. Aus Scham konnte er sich niemand offenbaren. „Ich habe meine Gas-Wasser-Installateur-Lehre abgebrochen, arbeitete bei einem Dachdecker, habe eine Lehre angeboten bekommen und sie dann doch nicht gemacht.“ An eine Beziehung war für ihn nicht zu denken. „Es war ein Kampf ums Überleben“, erinnert Elstner sich.

2009 vertraut er die Geschichte seiner Therapeutin an. „Ich habe es dann meiner Mutter gesagt, sie erlitt danach später einen Schlaganfall.“ Elstner pflegt sie heute. Er selbst ist zu 60 Prozent wegen einer chronischen Lungenkrankheit behindert.

2010 empfahl ihm das Jobcenter, sich einer Selbsthilfegruppe anzuvertrauen. „Es gab keine für Missbrauchsopfer der katholischen Kirche, also habe ich selbst eine gegründet.“ Sein Motto: „Anderen helfen, andere schützen.“ Seiner Selbsthilfegruppe „Wegweiser“ haben sich bereits über 300 weitere Betroffene angeschlossen.

Elstner weiß von acht weiteren Fällen aus NRW, Peter H. wurde nach den ersten Missbrauchsfällen in Bottrop nach Essen versetzt, dann 1980 ins Erzbistum München-Freising, wo man ihm trotz der bekannten Vorwürfe wieder als Pfarrer einsetzte und ihm so Zugang zu Minderjährigen verschaffte. Kardinal und Erzbischof Josef Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., wusste dem neuen Missbrauchsgutachten zufolge vom Vorleben des Pfarrers.

Als Kardinal in München soll Josef Ratzinger 1980 den Missbrauchspriester Peter H. trotz bekannter Vorwürfe wieder als Pfarrer eingesetzt haben
Der emeritierte Papst Benedikt VXI. © Andrew Medichini/AP/dpa

1982 bis 1985 war Peter H. Pfarrer in Grafing (Kreis Ebersberg), 1986 verurteilte ihn das Amtsgericht Ebersberg nach einem Geständnis zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe von 4000 Mark. Gutachter und H.s Therapeut waren sich einig, dass der Priester nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfe. Gutachter und H.s Therapeut waren sich einig, dass der Priester nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfe. Doch 1987 wurde er nach in Garching an der Alz (Kreis Altötting) versetzt, wo er wieder als Pfarrer tätig war! Von 2008 bis 2010 war er Kurseelsorger in Bad Tölz. 2020 kehrte H. ins Bistum Essen zurück, wo er unter Aufsicht lebt, zwar nicht Pfarrer, aber Priester ist.

Bislang haben sich insgesamt 30 Missbrauchsopfer von Peter H. gemeldet, auch aus Garching. Diesen Sommer will Elstner mit einem Wohnmobil in Garching campieren. „Ich will den dortigen Betroffenen helfen und sie ermutigen, sich zu outen. Mir hat das sehr geholfen.“ Bislang ist noch keines der bayerischen Opfer an die Öffentlichkeit getreten.

Seit bald zwei Jahren ist Elstner trocken, außerdem hat er seit vier Jahren eine Partnerin. „Wir sind verlobt.“ Erst muss er aber noch mal in die Traumaklinik, um seine Vergangenheit zu bewältigen. „Man kann nur lernen, mit dem Erlebten zu leben, überwinden kann man es nie.“ Elstner weiter: „Wir Opfer leiden lebenslänglich. Manche halten es nicht aus, sie sterben an den Folgen von Drogen oder bringen sich um.“

Elstner über die Bekanntgabe des Gutachtens: „Es war für mich eine Achterbahnfahrt der Emotionen, ein Paukenschlag“. Dass Benedikt XVI, der offenbar doch über das Vorleben von Peter H. Bescheid wusste, ankündigte, für die Missbrauchsopfer zu beten, klingt für ihn wie Hohn: „Die Kirche sollte sich Gedanken machen, was sie ändern kann, statt für andere zu beten.“

Er habe bislang eine Entschädigungszahlung von 5000 Euro bekommen, eine zweite Zahlung soll im März kommen. Elstners bittere Konsequenz: „Ich habe mit der Kirche und dem Glauben abgeschlossen“

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